Schauspieler mit Mikro auf der Backe – das war und ist Mode (oder doch Notwendigkeit?) im Sprechtheater. Dass MasterVoices wie die von Bibiana Beglau und Götz Otto solchen Schnickschnack nicht nötig haben, war oft genug zu erleben. Jetzt also doch? Klar – und zwar aus wirklich gutem und dramaturgisch gebotenem Grund. Hatte sich doch der Hubert Burda Saal im jüdischen Gemeindezentrum nah am Herzen der Stadt München auf Zeit in eine Art Radio-und-auch-Hörspielstudio verwandelt zwecks öffentlicher Darbietung eines – Hörspiels. Und Radio – egal ob on air oder im weltweiten Netz – geht nicht ohne diverse technische Spezifika...
Word also und Music luden ein zum Saisonabschluss des Orchesters Jakobsplatz unter dem ideenreichen und intelligenten und musikalischen Chefdirigenten Daniel Grossmann. „Rundfunk als Hör-kunst“ hatte Rudolf Arnheim (1904–2007) schon von der Theorieseite her intellektuell luststeigernd in den Betrieb hineinargumentiert. Jetzt galt es, an ein Opus zu erinnern, dessen Anfänge im Jahr 1961 liegen. Und statt der Hauptdarsteller Wort und Musik könnten die auch Beckett und Feldmann heißen. Hier wird gestritten – um die Vorherrschaft? Wie anno dazumalen schon bei Antonio Salieri, wo es darum ging, wessen Primat denn gelte, jenes der Musik oder das der Worte: „Prima la musica, poi le parole“? Das war 1786.
1961 hatte der Ire Samuel Beckett das Hörspiel „Words And Music“ für die BBC erstellt mit musikalischer Garnierung durch den Beckett-Cousin John Beckett. Die war allerdings nicht nach der Vision des Dichters. Also wurde es still darum. Ende der sechziger Jahre erinnerte sich Beckett daran. Und war sich schnell klar mit sich selbst, dass nur sein langjähriger US-amerikanischer Freund Morton Feldmann in der Lage sein würde, eine angemessene Musikalisierung der Sprache zu bewerkstelligen. Oder eine Kommunikation zwischen beiden in einer Art zu konzipieren, die variierenden Konzepten gleichermaßen dienlich sein würde, zwecks höheren Erkenntnisgewinns: „Es war ein riesiger Spaß, etwas für Beckett zu machen, sozusagen ihm zu Ehren, der seit den 1950er Jahren Teil meines Lebens war. Es war gewissermaßen ein Liebesdienst, den ich ihm voller Freude leistete“ schrieb Feldmann.
Erst 1987, in Feldmanns Todesjahr, kam es zur ersten vollständigen Aufführung. Die Sichtweise des amerikanischen Komponisten, kristallisiert sich überdeutlich in den folgenden Gedanken: „Weil ich Jude bin, identifiziere ich mich nicht, sagen wir, mit der Musik der westlichen Zivilisation. In anderen Worten: Wenn Bach uns eine verminderte Quart vorgibt, gibt es in mir kein Verständnis dafür, dass diese verminderte Quarte ´O Gott´ bedeutet. Was sind unsere Moralbegriffe in der Musik? Sie sind begründet in der deutschen Musik des 19. Jahrhunderts, nicht wahr? Darüber denke ich nach, und außerdem beschäftigt mich der Gedanke, dass ich der erste große jüdische Komponist sein möchte.“
Wir erleben hier in einer Dauer von 55 Minuten jetzt keine Abkehr vom vertonten Wort. Wir werden auch nicht Zeuge einer kriegerischen Auseinandersetzung zwischen zwei um Vorherrschaft streitenden Dominanzen. Es ist so still im Saal, dass selbst der Absturz einer Nähnadel aus dem Heuhaufen zum akustischen Ereignis sich wandeln würde. Erleben wir hier reinen Klang auf dem Weg zur reinen Stille? Sprache, die nicht reinen Inhalt sondern Klang transportiert? Höchste geistige Konzentration geht dem begeisterten Applaus im fast vollen Saal voraus.
Mit einer Art Ouvertüre von John Cage hatte der bedenkenswerte Abend begonnen, mit five (1988) for any five voices or instruments. So versammelt sich für diese eine Stunde eine hohe Geistigkeit im Geist gewissermaßen der Freunde Earle Brown, Christian Wolff, Mark Rothko, Jackson Pollock, Robert Rauschenberg, David Tudor, Morton Feldman, Samuel Beckett. Ein sensibel arbeitendes Ensemble aus dem Orchester Jakobsplatz München agierte kongenial mit dem Dirigenten Daniel Grossmann und den die Grenzen der Sprachlichkeit virtuos und klangsinnlich auslotenden Stimmen von Götz Otto und Bibiana Beglau. Anno zwanzigsechzehn wäre Morton Feldman 90 und Samuel Beckett 110 Jahre alt geworden. Im Programmheft heißt es gedankentief und sinnenfroh: „Feldmans und Becketts Werke wollen vielleicht nicht unbedingt verstanden werden, aber immerhin erfahren sein.“ Dafür bot dieser Abend einen wundervollen Anlass und eine tief schürfende Begegnung mit außergewöhnlichen Konzepten.