Der Diktator ruft. Der Künstler liefert. Im November 1939 hatte Dmitrij Schostakowitsch, der erste Komponist der Sowjetunion, einen Auftrag zu erfüllen, dessen politischer Zusammenhang ihm nicht bekannt sein konnte. Väterchen Stalin brauchte ein Werk finnisch-völkischer Couleur, und Schostakowitsch entsprach dem Ansinnen mit einer kleinen „Suite über finnische Themen“ in sieben Sätzen, gesetzt für Sopran, Tenor, Flöte, Oboe, Klarinette, Trompete, Schlagzeug (Triangel, Tambourin und kleine Trommel), Klavier und Streichquintett.
Der Diktator ruft. Der Künstler liefert. Im November 1939 hatte Dmitrij Schostakowitsch, der erste Komponist der Sowjetunion, einen Auftrag zu erfüllen, dessen politischer Zusammenhang ihm nicht bekannt sein konnte. Väterchen Stalin brauchte ein Werk finnisch-völkischer Couleur, und Schostakowitsch entsprach dem Ansinnen mit einer kleinen „Suite über finnische Themen“ in sieben Sätzen, gesetzt für Sopran, Tenor, Flöte, Oboe, Klarinette, Trompete, Schlagzeug (Triangel, Tambourin und kleine Trommel), Klavier und Streichquintett.A m 3. Dezember, einen Tag hinter der Deadline, gab er den Miniaturzyklus beim offiziellen Auftraggeber, der Politischen Abteilung des Militärdistrikts Leningrad, ab. Unmittelbar zuvor, am 30. November, hatte Russland die finnischen Nachbarn überfallen, die es nun im Winterkrieg der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken einzuverleiben galt. Der Plan scheiterte am erbitterten Widerstand der Finnen, und damit war der Bedarf nach Finnenkultur obsolet. Schostakowitsch stellte die Partitur einem Bekannten zur Verfügung, der sie nicht mehr zurückgab.Nun entdeckte die Schostakowitsch-Forscherin Ludmila Kovnatskaya die Suite in dessen Nachlass und erreichte die Herausgabe von der Familie, die auf Anonymität bestand. Da Schostakowitsch den Vertonungen keine Texte beigefügt hatte, suchte Manashir Yakubov vom Schostakowitsch-Archiv in Finnland um Hilfe an. So fand das Werk seinen Weg ins Volksmusik-Institut im ostbottnischen Kaustinen, dem Zentrum der finnischen Volksmusik, wo es in die Hände von Finnlands führendem Komponisten Pehr Henrik Nordgren, des Gründers der finnischen Schostakowitsch-Gesellschaft, geriet. Nordgren erkannte die einmalige Chance sofort und ersuchte Irina Schostakowitsch, die Witwe des Komponisten, um die Erlaubnis zur Uraufführung, die diese gewährte. Die Herkunft der Lieder konnte durchgehend identifiziert werden, diejenige der ersten Nummer allerdings erst nach der Aufführung, aber mit umso überraschenderem Ergebnis: Es handelt sich um eine ostbottnische Weise, was den abgelegenen Ort der Premiere nachträglich besonders passend erscheinen lässt. Dieses und das stimmungsvolle dritte Lied („In einer Sommernacht ging ich hinaus zu wandern“) sind rein instrumental gesetzt, und einzig an ihnen lässt sich so etwas wie die auf einfachste Mittel reduzierte Handschrift des Komponisten ablesen. Die übrigen fünf Lieder sind für Sopran und Tenor im Wechsel gesetzt (nur im vorletzten singen beide zusammen) und als Kompositionen kaum der Rede wert.
Bei der Uraufführung im in den nackten Fels getriebenen Konzertsaal zu Kaustinen waren am 1. September Irina Schostakowitsch, Dmitrij Sollertinskij (der Sohn von Schostakowitschs engstem Freund Ivan) und Manashir Yakubov zugegen, außerdem die versammelte finnische Fachwelt und Journalisten aus dem angelsächsischen Raum. Kriegsveteranen hatten zuvor gegen das Ereignis protestiert. Anu Komsi (Sopran) und Tom Nyman (Tenor) verliehen den schmucklosen Melodien die nötige Sinnlichkeit, begleitet vom hochkarätigsten nordischen Streicherkörper aus dem benachbarten Kokkola, dem Ostrobothnian Chamber Orchestra unter seinem legendären Leiter Juha Kangas. Auf höchstem künstlerischen Niveau erwies man diesem bescheidenen Beitrag zur sozialistischen Völkerverständigung alle postume Ehre.