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Ensemble Garage. Foto: Alessandro de Matteis
Ensemble Garage. Foto: Alessandro de Matteis
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Brigitta Muntendorfs „Plug and Play me“ bei der Ruhrtriennale

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Clubkultur? Neue Musik? Improvisation? Videokunst? Die rigide Trennung künstlerischer „Referenzsysteme“ ist wohl kaum Sache von Brigitta Muntendorf. Die vielseitig begabten Ausführenden in dem von ihr gegründeten „Ensemble Garage“ können vieles – und folgerichtig „konnte“ ein Abend bei der Ruhrtriennale auch sehr viel! Zumal dieser durch die Wiener DJ-Künstlerin Electric Indigo eine mächtige Verstärkung erfuhr. Vereint zum audiovisuellen Projekt „Plug and Play Me“ entstand ein dreistündiger Flow jenseits von Raum und Zeit.

„Electric Indigo“ alias Susanne Kirchmayr weiß Industriehallen wie das Essener Maschinenhaus zu bespielen: Düstere Subbassfrequenzen und pumpende Beats fluten den Raum, schöpfen maximale hypnotische Aura aus minimaler Veränderung. Das legt Spurenelemente aus einem knochentrockenen Detroit-Techno offen, was aber zu Electric Indigos einer eigenen Sache geworden ist und die heißt konzertante Live-Performance. 

Aber dann treten „echte“ Musikerinnen und Musiker in Aktion. Geraten Mensch und Maschine nun in einen Widerstreit? Dies zu thematisieren, war durchaus Intention von Brigitta Muntendorf, wie sie später im Gespräch bekundet und dabei sogar von einer „Bedrohung“ des physisch erzeugten musikalischen Reichtums durch die Übermacht des Virtuellen spricht. „Plug and play me“ zeigt hier neue Koexistenzen auf – die in Essen sogar ungemein emotional und hochmusikalisch wirkten!

Zunächst mutet es wie ein Kräftemessen im Widerstreit an: Bläsertutti-Impulse durchdringen die Geräuschsamples. Glissandi der Streicher durchschneiden die programmierten Basslinien. Schlagzeugerin Yuka Ohta traktiert beherzt ihr Instrumentarium, setzt eigene Ausrufezeichen und Akzenten den Algorithmen der Drum-Machine entgegen. Wer nun denkt, jetzt werde das große repetitive Fass aufgemacht (was durchaus auch seine Qualitäten haben kann) unterschätzt die hier auflebende Fantasie in Sachen musikalischer Konzepte, denn da tut sich ein reichhaltiges Kaleidoskop aus Ansätzen, Möglichkeiten und auch visuellen Prozessen auf. Die Geigerin Sabine Akiko Ahrendt legt eine Solo-Tanznummer auf einer berührungsintensiven Matte hin, die Drum-Samples und Sprachfetzen rund ums Thema Tanzen freisetzen. Mensch, Körper und Maschine. Diese Ästhetisierungen gehören seit Kraftwerk zum gängigen Vokabular. Hier werden solche Themen in aller Verspieltheit reflektiert.

Musikalisch geht es dann in bestem Sinne ans Eingemachte. Vielfältig und zunehmend sensibel loten die präsentierten Stücke das Spannungsfeld zwischen Elektronik und Ensemble aus – in gleich acht Neukompositionen von Benjamin Grau, Matthias Kranebitter und auch Brigitta Muntendorf selbst. Da reiben sich feinsinnige Gesten und kompositorische Ideengeflechte an dunklen Noiseflächen und krachigen Geräuschsamples, die wie Einschläge in die Idylle wirken. Das wirkt manchmal collagenhaft-humorvoll, etwa, wenn der getragene Gestus eines Händel-Adagios im schleppenden Fluss einer Dubstep-Bassline aufgeht.

Brigitta Muntendorf setzt in einer eigenen Komposition auch ihre Stimme ein und bringt einen bittersüßen, sich aus schroffen Soundwänden herauslösenden experimentellen Song zu Gehör – auch das ein starker, selbstbewusster Moment, der eine weitere ausbaufähige Facette dieser vielseitigen Künstlerin offenlegt.

Die Inszenierung im Maschinenhaus leistet sich auch Kontrapunkte: In Carola Bauckholts vielgefragter Komposition „Doppelbelichtung“ durchwandert Sabine Akiko Ahrendt mit ihrer Violine den Raum, um mit Flagoletts in extrem hohen Registern unmittelbar auf Einspielungen von Vogelstimmen in Tropenwäldern zu reagieren.

Was ist real, was ist virtuell? Wie klein sich die reale physische Wirklichkeit vor der sich immer kolossaler aufblasenden medialen Reproduktion macht, könnte Michael Beils Performance-Stück „Caravan“ assoziieren lassen. Vier Akteurinnen und Akteure agieren vor einer Kamera auf expressive, zugleich konsequent sinnfreie Art. Jeder einzeln und im fliegenden Wechsel. Eine Kamera filmt und montiert alles zu einer Echtzeit-Bildcollage, sie sich – abhängig von den Aktionen der Akteure – immer schneller und verwirrender aufbaut.

Dieser Abend in ausverkauftem Hause kannte keinen Stillstand und endete so wie er begonnen hatte: Mit wuchtigen Techno-Beats, zu denen am Schluss auch frenetisch getanzt wurde – zumindest von allen Ensemble-Mitgliedern. Mit viel Kollektivgeist und einer oft elektrisierenden Bühnenpräsenz wurde hier eine Kunst der Integration und Verbindung gepflegt, die auch im allgemeinen Dasein ein wünschenswerter Zustand wäre. Zumindest in der Musik an diesem Abend Utopien wahr – was ja auch Brigitta Muntendorfs erklärte Intention ist.

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