Arktische Kälte gab vielen Menschen an diesem Sonntagmorgen das Gefühl, der Frühling sei noch so weit weg wie das nächste Weihnachtsfest. Diejenigen aber, die sich zum Matineekonzert im Doppelkegel einfanden, konnten den nicht nachlassenden Winter für zwei Stunden ausblenden. Denn beim „BMW Welt Jazz Award“ wurde durch das Schweizer Trio „Puerta Sur – Tangomoods“ ein Tor zum Süden aufgestoßen. Die wohlig warme Musik des eidgenössischen Dreiers war genau das Richtige an diesem eisigen Tag. Und doch irgendwie völlig fehlplatziert bei einem Wettbewerb, der „Jazz Moves“ überschrieben ist.
Was die aus Buenos Aires stammende Sängerin Marcela Arroyo, der Geiger Andreas Engler und der Bassist Daniel Schläppi ihrem Publikum zu früher Stunde in der Rotunde am Mittleren Ring boten, war Musik con mucho corazon. Vor allem der südamerikanischen Frontfrau des Trios „Puerta Sur – Tangomoods“ quoll das große Herz über – ihr zuzuhören hatte etwas Tröstliches. Soviel Anmut, soviel Gefühl, soviel Grandezza, soviel Eleganz, so viel Drama schwang da mit, wenn sie mit reichlich Schmelz in der sinnlich bebenden Stimme alles gab.
„Puerta Sur“ zelebriert Tango- und Tango Nuevo-Liedgut aus Argentinien und Uruguay (sowie ein wenig Kurt Weill) – ganz klassisch eigentlich, wenn auch durch die Besetzung ungemein luftig instrumentiert. Man konnte sich hinreißen lassen von dieser mit Hingabe musizierenden Kleinformation. Und doch stand bei ihrem Auftritt eine Frage von Anfang bis Ende im Raum: Was bitte hatte „Puerta Sur“ beim „BMW Welt Jazz Award“ zu suchen?
Genauso gut hätte die Jury eine angeheiterte Irish Folk-Truppe, ein Rumba-Orchester oder eine westafrikanische Trommel-Formation einladen können. Auch wenn Bassist Daniel Schläppi mit mancher Linie oder Figur, manchem Intro andeutet, dass er eigentlich Jazzmusiker ist, muss man schon viel Wohlwollen aufbringen, um in diesem Programm sonst wirklich eine Nähe zu der modernen Improvisationsmusik mit den vier Buchstaben auszumachen. Immerhin: die Haltung und die Offenheit, mit der die drei „Türöffner“ von „Puerta Sur“ ans Werk gingen, verriet eine gewisse Wesensverwandtschaft zum Jazz.
Dass es an diesem Vormittag in der BMW Welt keinen Jazz zu hören gab, ist übrigens bestimmt keine Kritik an den Musikern – die konnten schließlich nichts dafür, dass man sie ausgesucht hatte. Eine ganze Reihe von Künstlern und Bands haben sich schon an eine Symbiose aus Jazz und Tango gewagt und versucht diese beiden Musikformen auch wirklich miteinander kommunizieren zu lassen. Die dürften sich jetzt wundern, dass man sie übersehen hat.
Am kommenden Sonntag steigt der Organist Andi Kissenbeck mit seiner Band „Club Boogaloo“ und latinisiertem Soul Jazz/ Hardbop in den Wettbewerb ein. Er wird dann ein paar echte Könner an seiner Seite wissen: den Saxofonisten Karol Ruzicka Jr., den Gitarristen und Sänger Torsten Goods, sowie den Schlagzeuger Tobias Backhaus.