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Georg Katzer. Foto: Ch. Oswald
Georg Katzer. Foto: Ch. Oswald
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Dem Komponisten Georg Katzer zum siebzigsten Geburtstag

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Die Orchesterstücke des Komponisten Katzer tragen oft scheinbar verschlüsselte Titel: „Offene Landschaft mit obligatem Ton e“ zum Beispiel oder „Gloria für Orchester“ und, gar nicht aktuell, weil schon 1992 entstanden, „Landschaft mit steigender Flut“. Georg Katzer, 1935 im schlesischen Habelschwerdt geboren, schätzt solche Verrätselungen und Mehrdeutigkeiten, die sich jedoch nicht in planen Verbalisierungen darstellen, vielmehr in differenzierten und konstrastreichen kompositorischen Strukturen und Klangerfindungen. Die instrumental eingefangenen Natur-Wasser-Geräusche der „Flut“ assoziieren gleichsam die Umwandlungen und Verwerfungen des Gesellschaftlichen, wofür Katzer als einer der profiliertesten und avanciertesten Komponisten der ehemaligen DDR natürlich ein besonders sensibles Sensorium mitbrachte. Im anderen Landschaftsstück von 1991, mit „obligatem Ton e“, steht die Eintonebene als „Chiffre des kulturellen Assoziationsraumes Europa“ quasi als komponierte konkrete Utopie, in der Katzer unablässig die orchestralen Klangentfaltungen in den verschiedensten instrumentalen Kombinationen einander abwechseln läßt. Und im „Gloria“ (1992) wird das vorwiegend hymnisch bis pompös verwendete Wort orchestral ironisch zerlegt.

Für Georg Katzer, der nach seinen Studien bei Rudolf Wagner-Régeny, Ruth Zechlin und vor allem bei Hanns Eisler seit 1962 als freischaffender Komponist in Ost-Berlin lebte, bedeutete Komponieren stets auch eine Möglichkeit des stillen ästhetischen Widerstands. In dieser Haltung wußte er sich mit anderen DDR-Komponisten wie Friedrich Schenker, Reiner Bredemeyer, Friedrich Goldmann oder Udo Zimmermann einig. Dieser Widerstand wurde nicht als lautstarke Opposition hinausposaunt, geschah vielmehr subversiv: Die überlieferten musikalischen Gattungen und Genres erfuhren in der kompositorischen Umsetzung entsprechende Veränderungen und Verformungen, die gleichsam als Konterbande in den politisch gewünschten ästhetischen Kodex eingeschmuggelt wurden. Daß Katzer sich diese kritische Haltung allem sogenannten Gesellschaftlichen gegenüber auch nach der Wende bewahrt hat, beweisen die eingangs erwähnten Orchesterwerke. Er hat nie ein Hehl daraus gemacht, dass es ihm in der DDR „nicht schlechtging“. Das lag sicher auch daran, dass speziell den Musikern und Komponisten in der DDR eine vergleichsweise größere Reisefreiheit zugestanden wurde als den Vertretern anderer Genres. So durfte Katzer 1982 eine Gastprofessur in den Vereinigten Staaten annehmen, 1976 und 1977 hielt er sich zu Studienzwecken in den elektronischen Studios nicht nur in Prag, sondern auch in Bourges/Paris auf.

Wer Katzers kompositorisches Werk betrachtet – Opern, Ballette, Instrumentalmusik, Vokalkompositionen und elektronische Musik wie das Rondo „Bevor Ariadne kommt“ (1976) oder „Stille, doch manchmal spürest du noch einen Hauch“ (1977) –, der ist doch mehr als beeindruckt von Zahl, Fülle und Vielgestaltigkeit des Geschaffenen. Als Komponist hat Georg Katzer äußerst unterschiedliche Gesichter. Auf der einen Seite steht ein vitales musikantisches Temperament, die Lust am Virtuos-Spielerischen, die Erkundung differenzierter klanglicher Kombinationen; auf der anderen Seite wiederum das Bedürfnis, dies Lustvoll-Spielerische formal zu disziplinieren, es mit Expressivität aufzuladen und der Musik eine spezifische Sprachlichkeit zu verleihen. Mit einer solchen Sprachlichkeit verbinden sich zugleich der Wunsch und die Absicht zu einer wie auch immer zu definierenden Kommunikation mit dem Musikhörer. Für Katzer stellte sich die Frage nach den kommunikativen Chancen einer heute komponierten Musik schon zu DDR-Zeiten, sie beschäftigt ihn auch heute noch, wobei er sich, sehr aktuell, in guter und junger Gesellschaft befindet: Viele und gerade jüngere Komponisten suchen den engeren Kontakt zum Musikhörer, verlangen nach einer neuen Rezeptionsfähigkeit ihres Schaffens.

Anlässlich seines siebzigsten Geburtstages wäre zu wünschen, dass sich unsere Musikbühnen einmal intensiver um seine Opernkompositionen bemühten. Seine „Antigone oder Die Stadt“, zeitlich exakt in die Spannungen der DDR-Endzeit hinein komponiert und 1991 in der Inszenierung Harry Kupfers an der Komischen Oper Berlin uraufgeführt, wäre unter veränderten politischen Zeichen gewiss einer neuen dramaturgischen und szenischen Untersuchung wert. Auch Katzers chorisches Oratorium „Medea in Korinth“ könnte man sich in einer szenischen Ausdeutung denken – der Text von Christa Wolf diente auch schon Michael Jarrell als Vorlage für eine szenische Aktion. Das gleiche gilt für Katzers Platon-Oper „Gastmahl oder Über die Liebe“. Wenigstens seine letzte Theaterarbeit, die in Rheinsberg uraufgeführte La-Mettrie-Oper „L’homme machine“, erfuhr gerade eine neue Aufführung – siehe oben.

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