Der Spruch prangt auf der Prachtfassade der Alten Oper Frankfurt, hinter der am 22. September Sarah Aristidou erstmalig Jörg Widmanns „Labyrinth V“ für Koloratursopran singen wird. Doch ereignet sich dann auch wirklich drinnen, was draußen steht? Oder haben Form und Inhalt ohnehin nichts miteinander zu tun? Immerhin war schon während des imperialen 19. Jahrhunderts die gewichtige Trias zu einer gängigen Redewendung herabgesunken, mit der klassisch gebildete Bürger auch ganz handfeste materielle Interessen kaschierten. Zuvor hatte Immanuel Kant Ende des 18. Jahrhunderts noch die Fragen nach der Möglichkeit von verstandesmäßiger Erkenntnis, sinnlicher Kunsterfahrung und praktischem Handeln in seinen drei kritischen Hauptschriften zu beantworten versucht und hatten Sokrates oder Platon diese philosophischen Kernthemen in verschiedenen Monologen erörtert. Nicht minder wichtig für das christlich geprägte Europa war freilich auch der von Paulus im ersten Korintherbrief des Neuen Testaments gesetzte Dreiklang Glaube, Liebe, Hoffnung.
Doch die hehren Ideale wurden allzu oft Lügen gestraft. Der Glaube an das Wahre, die Liebe zum Schönen und die Hoffnung auf das Gute wurden für Kriege und Eroberungen von Göttern, Führern, Vaterländern missbraucht sowie durch Traditionalisten und Avantgardisten fetischisiert. Die nahezu beliebig funktionalisierbaren Begriffe mussten folglich vom Sockel gestoßen, als Vademecum von Ideologien durchschaut und als pervertierte Chimären entlarvt werden. Gleichwohl ziehen sich die humanistischen Ideale als existentielle Antriebskräfte durch die gesamte Geistes-, Kunst- und Musikgeschichte, sei es in versprengten Spurenelementen oder als offener Post-Neo-Retro-Klassizismus – bis heute, was vielleicht einige aktuelle Uraufführungen zeigen. In der Hamburger Hauptkirche St. Michaelis erklingt am 2. September erstmalig Peter Ruzickas instrumentales „Requiem“ für Streichorchester, neun Bläser, Orgel, Pauken und Schlagzeug. Tags darauf folgt beim Kunstfest Weimar die Premiere von Jörn Arneckes Musiktheaterwerk „Welcome to Paradise Lost“ auf ein Libretto von Falk Richter nach der persischen Dichtung „Konferenz der Vögel“ aus dem 12. Jahrhundert. Am 9. September bietet das Via Nova Kunstfest Corvey bei Höxter an der Weser unter dem fragenden Motto „Was ist Glück?“ die Uraufführung von Sebastian Vogels und Thomas Kürstners Vertonung von Inger Christensens „Das Schmetterlingstal“.
Am 14. September spielt Emmanuel Pahud in der Tonhalle Zürich erstmalig Toshio Hosokawas „Ceremony“ für Flöte und Orchester. In der Frankfurter Kirche St. Katharinen präsentiert Martin Lücker die neuen Choralvorspiele III, IV und VI von Philipp Maintz über „Die Nacht ist vorgedrungen“, „Vom Himmel hoch, da komme ich her“ und „Ich steh an deiner Krippen hier“. Am 18. bringt das Ensemble New Babylon in der Kulturkirche St. Stephani Bremen eine Novität von Tania León zur Uraufführung. Im Rahmen von „RingRauschen – Neue Kammermusik zum Ring-Zyklus von Richard Wagner“ erfolgt am 22. September im Apollo Saal der Berliner Staatsoper die Premiere von Charlotte Seithers „stilles begehren“. Und am selben Tag spielt das ensemble aventure in der Elisabeth Schneider Stiftung in Freiburg erstmalig Helmut Oehrings „Angelus Novus“. Wieviel Wahres, Schönes, Gutes wird man bei all dieser Musik erfahren? Werden Glaube, Liebe, Hoffnung dabei geweckt, gestärkt, zerstört, vorgetäuscht, enttäuscht …?
Weitere Uraufführungen:
01.09.: Katharina Rosenberger, Karen Power, Joana Bailie, Juliana Hodkinson, neue Werke für ensemble mosaik, Silent Green Kulturquartier Berlin
04.09.: Fazil Say, Symphony No. 5, Die Glocke Bremen
08.–25.09.: Klangspuren Schwaz/Innsbruck/Rotholz in Tirol mit neuen Werken von Soyeon Park, Martin Brandlmayr, Naomi Pinnock, Alex Paxton, Malin Bång, Manu Mayr, Eva Reiter, Elena Rykova, Daniel Riegler
09.09.: Makiko Nishikaze, Vier Video-Miniaturen, Ensemble L’Art pour l’art, Altes Forsthaus Habichtshorst, Winsen an der Luhe
11.09.: Miroslav Srnka, Standstill für Cembalo und Orchester, Kölner Philharmonie
24.09.: Camille van Lunen, Schrei, Hiob, Schrei! – Oratorium für Bariton, Chor, Klavier und Perkussion, Schlosskirche der Universität Bonn
29.09.: Rebecca Saunders, neues Werk für zwölf Soloinstr. und Orchester, Prinzregententheater München