Die Story ist hinlänglich bekannt: Ein gelehrter Doktor liebäugelt mit dem Leibhaftigen, verkauft seine Seele, was ihm letztendlich aber doch nichts nützt. Am Ende verlieren alle. Es war offenbar noch nie eine gute Idee, mit dem Teufel Geschäfte zu machen, im wahren Leben wie im Drama. Es geht eben selten gut aus.
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Edith Grossman, Zachary Wilson, Opernchor & Extrachor der Wuppertaler Bühnen. Foto: Matthias Jung
Der mit dem Teufel spielt … – Charles Gounods „Faust“ in Wuppertal
Das wusste schon Goethe und hat die dramatischen Verflechtungen dieses Stoffes in den beiden Teilen seiner Tragödie „Faust“ niedergeschrieben. Eine interessante Variante dieses Stoffes bietet der französische Erzromantiker Charles Gounod, bei dem die Figur der Marguerite ein wenig in den Vordergrund tritt. Im Wuppertaler Opernhaus kam Gounods Opernversion zur Premiere, die nicht nur französischen Wohlklang bot, sondern auch mit einer durchaus schlüssigen Inszenierung aufwarten konnte. Das ist um so mehr lobenswert, als Gounod immer noch etwas zu Unrecht in die kirchenmusikalische Ecke abgedrängt wird. Zwar ist sein kirchenmusikalisches Oeuvre enorm und seinem restlichen Schaffen zahlenmäßig deutlich voraus, doch hat Gounod immerhin auch 12 Opern, zahlreiche Schauspielmusiken und Oratorien sowie Sinfonien und Kammermusik geschrieben. Faust ist seine vierte Oper, die ihm den Durchbruch brachte. Sie wird noch am häufigsten aufgeführt, ist aber immer noch selten genug zu sehen.
In Wuppertal setzt man auf eine weitgehend traditionelle Inszenierung, die Matthew Ferraro inklusive Bühnenbild verantwortet. Ferraro belässt es beim historischen Rahmen, der nur durch einige zum Teil recht eindrucksvolle Theatereffekte erweitert wird. Allein die Tatsache, dass der Teufel eine im Stil des Steampunk designte Zeitmaschine benutzt, um Fausts Uhr zurückzudrehen, mutet etwas putzig an. Als ob der Teufel dazu eine Zeitmaschine nötig hätte. Sei’s drum, insgesamt besticht die Inszenierung durch den mehr oder weniger konsequent durchgehaltenen szenischen Rahmen, in den auch die Kostüme (Devi Saha) und das düstere Bühnenbild passen. Auch die inneren und äußeren Konflikte der Protagonisten werden nachvollziehbar in Szene gesetzt.
Dazu gehört auch und zuallererst die musikalische Seite. Die ist beim Sinfonieorchester Wuppertal bestens aufgehoben. Johannes Witt führt das Orchester ebenso spannungsgeladen wie klangvoll durch den Abend. Das fängt mit dem sämig-zuckersüßen Streichersound an, der aus dem Orchestergraben hochschwappt und hört bei der ebenso präzisen wie geschmeidigen Begleitung des Ensembles nicht auf. Klanglich ist das wirklich alles sehr „à la française“ an diesem Abend: butterweiche Streicher, mischfähige Bläser, adäquate Tempi. Bei den Franzosen näselt’s dialektbedingt zwar noch etwas mehr, aber für einen teutonischen Klangkörper ist das schon mehr als ordentlich.
Das Ensemble ist auch durchweg ausgezeichnet besetzt, und das, obwohl Almas Svilpa mit nur einer Probe als Mephistofeles für den erkrankten Erik Rousi einspringt. Das fällt szenisch nicht weiter auf und stimmlich ist Svilpas ohnehin eine Wucht. Mit seinem klangvollen Bass-Bariton verschafft er dem Leibhaftigen einen angemessen furchterregenden und dramatischen Auftritt. Ebenfalls eine große Partie hat Margaux de Valensart als Marguerite. Sie wird zwar als indisponiert angekündigt, was man ihr aber durchaus nicht anhört, im Gegenteil. Sie hat eine große Stimme, die sie dramatisch wie emotional wunderbar facettenreich einsetzt. Die dritte große Partie in dieser Oper ist die des Faust, die von Sangmin Jeon übernommen wird. Zu Beginn stimmlich noch nicht ganz auf der Höhe, steigert er sich jedoch im Verlauf der Premiere außerordentlich. Das Zusammenspiel dieser drei Charaktere bestimmt die Oper maßgeblich.
Das funktioniert sehr gut, zumal auch die anderen Partien optimal besetzt sind, allen voran Edith Grossman als Siébel, Zachary Wilson als Valentin sowie Hak-Young Lee als Wagner und Vera Egorova als Marthe. Vor allem Grossman mit ihrem warm timbrierten und doch sehr dramatischen Mezzo und Wilson mit einem heldenhaft theatralischen Tenor, der in seiner Sterbeszene wirklich zur Hochform aufläuft, beeindrucken. Das tun auch Chor und Extrachor der Oper, die von Ulrich Zippelius einstudiert sind. Hier beeindrucken die Frauen einen Hauch mehr als die Männer, da ihre Textbehandlung präziser und ihr Klang homogener ist. Die Männer sorgen dafür für einen – allerdings auch inszenierungs-, stück- und zeitbedingt – unfreiwillig skurrilen Moment: wenn die gegnerischen Truppen erst kriegslüstern aber höchst einträchtig ein Liedchen trällern und sich dann plötzlich einfach gegenseitig abknallen, wirkt das durchaus etwas banal. Sei’s drum. Faust in Wuppertal ist sehenswert: ein großartiges Orchester, ein tolles Ensemble und eine weitgehend stimmige Inszenierung machen den dreistündigen Abend zu einem Vergnügen.
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