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Premiere „Erwartung | Savitri“. Foto: © Martin Kaufhold

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Der Tod und die Braut – Holsts „Savitri“ und Schönbergs „Erwartung“ in Saarbrücken

Vorspann / Teaser

Gustav Holsts „Savitri“ ist ein Lieblingsstück des im Sommer vom Staatstheater Saarbrücken an die Niedersächsische Staatsoper Hannover wechselnden Intendanten Bodo Busse. In Coburg hatte er Holsts Kammeroper in einer Inszenierung des Saarbrücker „Ring“-Teams Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka herausgebracht, die es mit Glucks „Orfeo“ verschränkten. Naheliegend. Die vom hinduphilen Briten Holst vertonte und getextete Episode aus dem altindischen Epos Mahabharata ist die binäre und optimistische Umpolung des altgriechischen Orpheus-Mythos. In der Alten Feuerwache wurde sie mit Arnold Schönbergs Frauenthriller „Erwartung“ kombiniert. Der Premierenabend geriet zu einem persönlichen Erfolg der souveränen Hanna Larissa Naujoks und des jungen Dirigenten Julius Zeman. 

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Nur in der Vertonung Glucks bekommt Orpheus mithilfe des Gottes Amor seine Ehefrau Eurydike aus dem Totenreich zurück, nicht aber im Mythos. Savitri dagegen verdankt das verlängerte Leben ihres Ehemanns Satyavan einem freien Wunsch und ihrer hohen ethischen Kompetenz im Streitgespräch mit dem Tod. In der Alten Feuerwache folgt auf „Savitri“, die nach der aufwändigen Uraufführung von Holsts „Sita“ und mehreren Konzerten den Abschluss des Saarbrücker Schwerpunkts zum 150. Geburtstag des „Die Planeten“-Komponisten bildet, Arnold Schönbergs ebenfalls 1908 entstandenes Monodram „Erwartung“. Der noch immer als Expressionismus-Schocker gerühmte Einakter mit Riesenorchester erklang in der lyrisch implosiven Kammerfassung von Michel Decoust und Paul Méfano. 

Diese außergewöhnliche, ja mutige Kombination steht und fällt noch mehr durch Dirigat und die Besetzung der Frauenpartien beider Opern als durch Regie und die anderen Positionen. Holst instrumentierte sein originelles wie für den regulären Spielplan recht sperriges Stück für doppeltes Streichquartett, Kontrabass, zwei Flöten und Englischhorn. Das ist Auszehrung und dabei homogenes Epos in Noten. Decoust und Méfano dagegen übernahmen so viel wie möglich von Schönbergs vielstimmigen Satz. Diese reduzierte Fassung von „Erwartung“ ist nicht schlichter, sondern allenfalls etwas leiser und damit für die Solostimme kein so ganz exzessiver Kraftmarathon wie das Original. 

„Savitri“ spielt in einer Hochzeitssuite, bei welcher der junge Regisseur Fabian Sichert das junge Glück ganz in Weiß durch den Raum toben lässt, dieses vor Beginn der Musik eine Person im Publikum um ein Smartphone-Pic bittet und sich dann mit Aperol zuprostet. Da überwältigt den Bräutigam ein Hustenanfall, dann das jähe Ersticken im Brautbett. Der Tod in Gestalt des jungen Baritons Jeremy Boulton kommt demzufolge viel zu pünktlich, da um viele Jahrzehnte zu früh. Das war am Premierenabend keine Selbstverständlichkeit, weil das vorgesehene Ensemblemitglied Stefan Röttig erkrankte. Während der davor einen Prolog über die Last der Bewährungen sprechende Tenor Dustin Drosdziok sich also leblos zusammen krümmt, feilscht Savitri um das Leben ihres Mannes. Vor der inneren Gewalt, dem Nachdruck und der Intensität dieser Frau verblassen die beiden Männer und auch die Backstage-Frauenstimmen des Opernchors bei Holst (Einstudierung: Mauro Barbierato). Hanna Larissa Naujoks hat ein sanftes Leuchten von innen, was Savitri schnell über das von Anja Jungheinrich wie für einen Musterkatalog gestaltete und etwas biedermeierlich wirkende Brautnachtzimmer hinauswachsen lässt. Zum zweiten Teil fahren die Wände auseinander und geben nach der wegen Gesangsstrapazen unverzichtbaren Pause den Blick frei zum Saarländischen Staatsorchester auf einer künstlichen Farn- und Blütenwiese. 

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Premiere „Erwartung | Savitri“. Foto: © Martin Kaufhold

Premiere „Erwartung | Savitri“. Foto: © Martin Kaufhold

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Da beginnen tatsächlich der Psychothriller und eine halbe Horrorstunde der inneren Wahrheit. Der kurz erscheinende Bräutigam Satyavan wirkt neben dem melodramatisch-deklamatorischen Bewusstseinsstrom der Frau und Marie Pappenheims rhetorischen Textgeschützen gespenstisch blässlich, fast nicht wert des Emotionenarsenals aus Schönbergs Vertonung. Naujoks’ auf edle Strauss-Partien zusteuernder Mezzosopran gestaltet Schönbergs hochdramatische Konditionsetüde, als handle es sich um Berlioz in der vokalen Komfortzone. Damit nimmt sie sich die innere Ruhe statt nur virtuos zu attackieren, zu säuseln und Konsonantentänze auszuführen. Dass sie sich dazu befleckt und im weißen Kleid ein Schlammbad nimmt, erweist sich als kaum noch notwendige Ergänzung. 

Insgesamt also erst ein gehaltvoller Beitrag für das Repertoire, dann ein legendäres Revoluzzerstück gegen den hybriden Klangrausch der Wiener Moderne. Die Kombination hat durch die Werkwahl mehr Kontrastschärfe als durch die Inszenierung. Holsts Oper ist tatsächlich ein Experiment, in welchem der Komponist Abstand zu seiner opulenten „Sita“-Instrumentation suchte. Julius Zeman gestaltete Holst mit samtener Trockenheit, bewahrte sich am Pult das instrumentale Opulenz- und Spannungspotenzial für Schönberg auf. Es widerstrebt Zeman, die prächtig spielende Orchesterbesetzung ins schrille Aufpeitschen und blechgepanzerte Knurren zu befeuern. Dafür hört man Schönberg als einen zu Strauss und Schreker wesensverwandten Klangmagier, welcher sich auch im überhitzten Emotionentaumel Zeit für Tonmalereien nimmt. Diese sind auch schön, aber nie beiläufig und deshalb immer mehrdeutig. Schade ist es also nur um den Schnitter Tod, der über die sympathische Präsenz eines netten Jungen kaum hinaus kommt. Das liegt allerdings weniger an dieser heftig bejubelten Premiere als an einem Konzept, das durchaus etwas mehr Mystik und Sex hätte vertragen können.

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