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Opernhaus. Foto: © Matthias Konsgen
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„Die Prinzen“ sinfonisch: Aus Leipzig mit Orchester durch Deutschland

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„Wir sind so glücklich, nach dreißig Jahren wieder dort anzukommen, wo wir gestartet sind,“ ruft Sänger Sebastian Krumbiegel beim ersten der zwei Konzerte der deutschen Band „Die Prinzen“ in die randvolle Oper Leipzig. Damit fällt der Startschuss zur „Tournee mit Sinfonieorchester“ in die ersten Konzertsäle Deutschlands.

Opernintendant Ulf Schirmer ließ es sich nicht nehmen, in der Oper Leipzig selbst vor das Orchester und den vom neuen Chordirektor Thomas Eitler-de Lind für die zahlreichen „Backvocals“ vorbereiteten Opernchor zu treten. Es erklingen alle berühmten Titel zurück bis „Küssen verboten“ und „Mann in Mond“ von jenen vier einstigen Leipziger Thomanerknaben, zu denen noch Jens Sembdner von den Dresdener Kruzianern gestoßen war. Sogar die halbgebildeten Spatzen pfeifen inzwischen von den Dächern, dass es „Die Prinzen“ mit dem Lied „Ungerechtigkeit“ aus dem Album „D“ zum Unterrichtsstoff und damit auf  die gleiche Ranking-Stufe wie die sächsische Education-Oper „Der Freischütz“ geschafft haben.

Bei der großen Tournee 2018 kommen „die Prinzen“, der erste reale Popknaller im wiedervereinigten Deutschland, noch eine Stufe höher in der „hall of fame“: Die Elbphilharmonie Hamburg und der renovierte Kulturpalast Dresden stehen auf dem Programm. Dort allerdings nicht mit dem Gewandhausorchester, sondern mit dem Orchester der Musikalischen Komödie Leipzig, das seine erste prinzenhafte Experience mit drei Konzerten und DVD beim 1000jährigen Stadtgeburtstag hatte. Seither ist es „prinzifiziert“ und pochte deshalb mit allen Herzfasern auf die Realisierung dieser Tournee.

Natürlich wurde gejubelt und mitgesungen im Parkett der Oper Leipzig. Über den Kartenverkauf brauchen sich „Die Prinzen“ keine Sorgen zu machen, selbst wenn der Absatz in den alten Bundesländern (noch) etwas hinter dem in den neuen liegt. Himmel, wie die Zeit vergeht: Da erinnert man sich noch an „Ich weiß, dass du mich siehst“ mit der katalanischen Primadonna Montserrat Caballé und jetzt ist es Sandra Janke aus dem Leipziger Opernensemble, die mitschmettert. Denn laut und allzu wenig rund dröhnt es aus der Beschallung. Sebastian Krumbiegel und Tobias Künzel winken liebevoll ihren Eltern, die in der Proszeniumsloge sitzen, und bekommen fast weiche Knie, weil sie sich an ihren musikalischen Wurzeln endlich wieder ein Stelldichein geben. Das ermöglicht aber vor allem Gitarrist Wolfgang Lenk, der unermüdlich ein von seinen Kollegen hochgelobtes Orchesterarrangement nach dem anderen anfertigt, und von dessen Glanzleistung man trotzdem zu wenig mitbekommt. Denn pulsierend-rauschhafte Sinfonik wäre Verrat an der so ehrlichen und eindeutigen Musiksprache der „Prinzen“.

Wohl deshalb ist neben der massiv in den akustischen Vordergrund gerückten Band-Begleitung im Parkett so wenig vom Gewandhausorchester zu hören, dessen Musiker mit ihren Gedanken wahrscheinlich schon beim Jubiläumsgastspiel im fernen Osten sind. Als persönliche Beiträge gibt es von den Gastgebern mit dem „Walkürenritt“ und dem „Nabucco“-Gefangenenchor wahre Feuerwerke an sportiv vordergründiger und wetteifernder Lautstärke. Das kurze Medley aus „Jurassic Park“ geizt mit der saftigen Oberflächenpolitur dieser Musik. Vielleicht ist da eine Chance vertan, erfolgreich um andere, ja neue Besuchergruppen zu buhlen.

Oder vielleicht doch nicht? Hört man „Die Prinzen“, die fast dreißig Jahre im Geschäft sind, muss man auch an die andere, fast gleichaltrige Thomaner-Erfolgsformation denken: das Vokalquintett Amarcord. Deren Karriereverlauf blieb bei Bach und Leipziger Romantik, während „Die Prinzen“ zu ihrer ganz einmaligen Kompetenzebene zwischen Deutschrock, Schlager und in der Nachwendezeit transformierter Neuer Deutscher Welle hochschwärmten. Beide Formationen sind authentisch und stabil. Für „die Prinzen“ heißt das aber, dass die Orchester aus ihrer Heimatstadt allenfalls die akustische Edelstatisterie für ihre eigene authentische Bodenständigkeit liefern müssen. Denn weder der Bandsound noch der Duktus der „Prinzen“-Stimmen suchen mit einer nur geringfügigen Nuance die im sinfonischen Overflow möglichen Edel- und Luxusgebärden. Bei den „Prinzen“ klingt alles wie immer und ist sich selbst genug. Programmatisch und regionalbewusst beginnen sie in Leipzig ihren Prophetenzug durch Deutschland bei der Dreifaltigkeit von Thomaskirche, Gewandhaus und bürgerlicher Oper. Der prosaisch-direkte Sound selbst verherrlicht noch immer das Lebensgefühl der schönen wilden Jahre nach der Wiedervereinigung. Aber wie fast alles, was man an Schönem bewahren will, wird dieses im kräftigen Bemühen um Verewigung ein bisschen starr.

Termine:

  • Mit Gewandhausorchester: 09., 10.11.2017 Oper Leipzig
  • Mit Orchester der Musikalischen Komödie Leipzig: 28.02.2018 Konzerthaus Dortmund, 01.03. Kupfersaal Hannover, 03.03. Admiralspalast Berlin, 05.03. Elbphilharmonie Hamburg, 07.03. Alte Oper Frankfurt, 08.03. Philharmonie Essen, 20.03. Kulturpalast Dresden, 25.03. Philharmonie am Gasteig München, 26.03. Beethovenhalle Stuttgart

 

 

 

 

 

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