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Die Sehnsucht nach Ferne und Tod

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Claude Viviers „Marco Polo“-Projekt beim Holland-Festival in Amsterdam
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Dem Beleuchtungskünstler Jean Kalman, diesmal auch als Bühnenbildner engagiert, gelang mit dieser Raum-Licht-Farb-Komposition ein überwältigender, sinnstiftender Spiel-Ort für die beiden Werke des kanadischen Komponisten Claude Viviers, der 1948 geboren und 1983 in Paris ermordet wurde. Unter dem Titel „R’eves d’un Marco Polo“ (Träume eines Marco Polo) vereinigten der Dirigent Reinbert de Leeuw und der Regisseur Pierre Audi zwei Opernwerke des Komponisten: die siebzig Spielminuten währende vollendete Oper „Kopernikus“ und das Fragment einer opéra fleuve unter dem Titel „Marco Polo“, die vom Dirigenten, der das Fragment konzertant vor einigen Monaten schon bei einem Musik-der-Zeit-Konzert in Köln vorgestellt hatte, für die szenische Aufführung noch um einige instrumentale Kompositionen aus der Spätzeit des Komponisten erweitert wurde: um „Zipangu“, ein Werk für 13 Streicher, um „Shiraz“, ein hochvirtuoses, enorm schwieriges Klaviersolo, das Marc Couroux souverän spielte, und um Teile aus einer ebenso unvollendet gebliebenen Tschaikowsky-Oper.

Eine seltsame Magie ging von diesem Abend beim Holland-Festival aus. Faszinierend schon der Spielort: Im Gasometer der stillgelegten Amsterdamer Westergasfabriek umstellt ein hohes, gläsernes Halbrund Spielfläche und Zuschauerempore, suggeriert so einen geschlossenen Theaterraum, durch den man doch das gewaltige, dunkel-metallen glänzende Rund der Gasometerkonstruktion erblickt. Quer dazu in die „Arena“ gestellt ist ein metallenes Gerüst (unser Bild), so hoch wie der Gasbehälter, in dem Akteure und Musiker oft halsbrecherisch herumturnen auf ihrer musikalischen Reise ins Innere der Seele. Dem Beleuchtungskünstler Jean Kalman, diesmal auch als Bühnenbildner engagiert, gelang mit dieser Raum-Licht-Farb-Komposition ein überwältigender, sinnstiftender Spiel-Ort für die beiden Werke des kanadischen Komponisten Claude Viviers, der 1948 geboren und 1983 in Paris ermordet wurde. Unter dem Titel „R’eves d’un Marco Polo“ (Träume eines Marco Polo) vereinigten der Dirigent Reinbert de Leeuw und der Regisseur Pierre Audi zwei Opernwerke des Komponisten: die siebzig Spielminuten währende vollendete Oper „Kopernikus“ und das Fragment einer opéra fleuve unter dem Titel „Marco Polo“, die vom Dirigenten, der das Fragment konzertant vor einigen Monaten schon bei einem Musik-der-Zeit-Konzert in Köln vorgestellt hatte, für die szenische Aufführung noch um einige instrumentale Kompositionen aus der Spätzeit des Komponisten erweitert wurde: um „Zipangu“, ein Werk für 13 Streicher, um „Shiraz“, ein hochvirtuoses, enorm schwieriges Klaviersolo, das Marc Couroux souverän spielte, und um Teile aus einer ebenso unvollendet gebliebenen Tschaikowsky-Oper. Beide Werke, das vollendete und das nicht vollendete, handeln von den Gefährdungen des Lebens, der Sehnsucht nach geheimnisvoller Ferne ebenso nach einem tristannahen Verlöschen im Tod. Die Namen von Kopernikus und Marco Polo stehen als Chiffren für die metaphysischen Sehnsüchte eines Komponisten, dessen homosexuelle Existenz ihn zugleich für gesellschaftliche Zustände sensibilisierte: Martin Luther Kings letzte Rede, die Ermordung Robert Kennedys, ein Text über Folterungen werden in die Marco-Polo-Collage eingeblendet. Und Hölderlins „Wo bist du, Licht?“, ergreifend gesungen von Kathryn Harries, verrät etwas von den persönlichen Verletzungen des Menschen und Künstlers Claude Vivier, Verletzungen, die vielleicht von außen kamen und im Inneren verborgen wurden.

Viviers „Träume eines Marco Polo“ sind Ausdruck einer tiefen, verzweifelten Suche nach dem Lebenssinn. Dass die Werke erst jetzt gleichsam „entdeckt“ werden, mag einem neuen Verlangen der menschlichen Seele nach dem Metaphysischen entspringen. Vivier markiert sozusagen Gegenpositionen zu unserer heutigen „Tageswelt“. Die Amsterdamer Aufführungen führten diese Wirkung zwingend, beinahe narkotisierend vor, nicht zuletzt durch die musikalische Intensität, mit der Vokalisten und Instrumentalisten von Reinbert de Leeuws Schönberg- und Asko-Ensemble Viviers Komponieren plastisch werden ließen: Messiaens Klangfarbensensualität, Stockhausens strukturelles Denken, Einflüsse asiatischer Heterophonie und die Archaik mittelalterlicher Musik fließen zu einem oft geheimnisvollen, irrisierenden und dunklen Klang zusammen. Es ist die Musik, die uns von Viviers geheimnisvoller, schwer zu ergründender Sehnsucht nach rätselhafter Ferne und Tod erzählt. Alles erzählt! „Die Träume eines Claude Vivier“ sind Musiktheater auf neuestem Bewusstseinsstand. Das lässt sie so erregend wirken. Diese Faszination erwuchs in Amsterdam aber auch aus Pierre Audis Inszenierungen: choreographische szenische Strukturen verbanden sich mit expressiver Gestik: perfekt.

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