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Friedrich Praetorius, Annalena Hösel und Nicolò Foron. Foto: Roland H. Dippel
Friedrich Praetorius, Annalena Hösel und Nicolò Foron. Foto: Roland H. Dippel
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Die Sichere, der Feinsinnige, der Exklusive: Der 18. Operetten-Workshop Junge Dirigenten in der Musikalischen Komödie Leipzig

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„Geisterkonzert“ trifft es nicht ganz: Ein Name für die Veranstaltungsmodalitäten des 18. Operetten-Workshops muss noch erfunden werden. Wie bezeichnet man eine konzertante Aufführung ohne Frack und Abendkleid, ohne öffentliche Ankündigung und ohne Publikum? Die drei Stipendiat*innen vom Forum Dirigieren des Deutsches Musikrats erlebten in der Musikalischen Komödie Leipzig bei den Proben zu Walter Kollos „Jettchen Gebert“ eine abenteuerliche Kette von Ausnahmesituationen, bedingt durch die Schließung aller Kultur-Einrichtungen im Freistaat Sachsen bis 14. Januar. Nicolò Foron, Annalena Hösel und Friedrich Praetorius wird so schnell nichts mehr erschüttern. Sie sind jetzt um einige Erfahrungen und Glücksmomente reicher. Roland H. Dippel besuchte am 7. Januar die Generalprobe.

Im Normalfall hätte ein erwartungsvolles Publikum die drei Teilnehmer des Operetten-Workshops, das Ensemble, den Chor und das Orchester der Musikalischen Komödie mit herzlichem Applaus begrüßt. Im Normalfall hätten magisches Licht, elegante Abendkleidung und Kostümandeutungen die Stimmung gehoben. Und im Normalfall hätte knisternde Spannung im Saal alle Ausführenden befeuert – und jenes Prickeln erzeugt, was nicht nur der Kunstform Operette so gut ansteht. Aber diesmal blieb es bei einer einzigen „Aufführung“ nur für Mikrofone und Kameras, welche dieses Ereignis dokumentieren – allenfalls zum elitären Vergnügen der Beteiligten selbst. Vom 4. bis zum 8. Januar hatten Nicolò Foron, Annalena Hösel und Friedrich Praetorius unter Anleitung von MuKo-Kapellmeister Tobias Engeli mit den Solisten, dem Chor und dem Orchester geprobt und musiziert.

Nicht nur wegen der Hygienekonzepte war vieles anders. Sogar erfahrene Dirigierkolleg*innen wären bei der massiven Verspätung der Posaune und des ersten Tenors zur Generalprobe infolge verzögerter Testergebnisse nervös geworden. Auch das Orchester der Musikalischen Komödie, einer der ganz wenigen Fach-Klangkörper für Operette und Musical, musste sich an neue Gegebenheiten gewöhnen. Erst vor einem dreiviertel Jahr war das Haus Dreilinden nach umfänglichen Renovierungsmaßnahmen mit neu gestaltetem Zuschauerraum wiedereröffnet worden. Wegen der vielen in der Pandemie entfallenen Vorstellungen gab es seither aber kaum Gelegenheiten, sich an die neuen akustischen Gegebenheiten zu gewöhnen. Damit entfiel dieses Jahr weitgehend die Möglichkeit des Orchesters, den jungen Maestri mittels eigener besserer Akustik-Expertise beizustehen. Dazu kommt bei einer Berliner Operette der Zwanziger Jahre die ‚Offenheit‘ des Aufführungsmaterials: Während bei durchkomponierten Bühnen- und Orchesterwerken meistens alles Wichtige in den Noten steht, entscheidet man bei Operetten oft sehr kurzfristig, ob der Chor einen Refrain mitsingt oder wann das Orchester beim Übergang vom Dialog in eine Musiknummer einsetzt. Das Erlernen und dramaturgische Erspüren solcher Feinheiten sind ein Teil der Lerninhalte des Operetten-Workshops. Letzte Vereinbarungen stehen bei so knapper Probenzeit erst nach der Generalprobe.

Auch Roland Seiffarth (81), vor fast 20 Jahren als Chefdirigent Initiator des Operettenworkshops, ist dabei und berät die jungen Kolleg*innen. Auf der Hauptbühne steht der Chor hinter dem Orchester (Besetzungsstärke 35 statt wie üblich 50). Das Sängerensemble agiert um den hochgefahrenen Orchestergraben. Das würde für ein im Zuschauerraum anwesendes Publikum andere Klangproportionen schaffen als eine Aufführung mit dem Orchester im Graben. An diesem Abend klingen die Vermischungen von kräftigem Blech und Streicher weniger offen und weicher als vor dem Umbau. Das passt manchmal sehr gut, aber nicht immer.

Zugegebenermaßen ist die Auswahl des Stücks 2021 für dirigierende Operettennewcomer ein höchst anspruchsvoller Brocken – nur Annalena Hösel verfügte durch ihre musikalische Leitung von Offenbachs „Ba-ta-clan“ am Anhaltischen Theater Dessau bereits über etwas aktive Operetten-Erfahrung. Walter Kollos 1928 am Berliner Theater am Nollendorfplatz uraufgeführte Singspiel-Posse hätte bereits beim entfallenen Operetten-Workshop 2020 mit anderen Stipendiat*innen aufgeführt werden sollen. Dass mit der gleichen Sänger-Besetzung bereits im Dezember 2019 eine Leseprobe stattgefunden hatte, erleichterte die äußerst kurzfristige Ansetzung vor erst wenigen Wochen.

Für dem Schwerpunkt „Jüdisches Leben in Deutschland“ wäre Walter Kollos „Bilderbuchgeschichte aus dem Berliner Biedermeier nach dem gleichnamigen Roman von Georg Hermann“ ein idealer Beitrag gewesen. Im Roman (erschienen 1906 bis 1909) und in der Operette wird das Alltagsleben einer jüdischen Familie in Berlin mit bemerkenswerter Selbstverständlichkeit beschrieben. Der Konflikt Jettchens zwischen ihrer Liebe zum armen Schriftsteller Dr. Friedrich Kößling und dem für sie als Bräutigam vorgesehenen Cousin Julius Jacoby wäre wie die Genreszenen auch unter Katholiken oder Protestanten möglich. Walter Kollos „Jettchen Gebert“ ist ein Familienstück wie Künnekes sieben Jahre früher auch am Nollendorfplatz uraufgeführter „Vetter aus Dingsda“ oder Paul Burkhards „Feuerwerk“.

Kollos Partitur enthält für Operettendebütanten schwierige Herausforderungen: Gefährlich kitschgefährdete Duette des Liebespaars, fast arienhafte Soli und Ensembleszene sowie komponierte Raumkontraste. Walter Kollo trat in Konkurrenz zum späten Lehár und entwickelte nach den von schlagkräftigen Strophengesängen dominierten Werken, etwa „Wie einst im Mai“, größere Musikformen. Eine Hürde der Leipziger Fassung sind die langen Dialog- und Erzählpassagen (Björn Christian Kuhn) zwischen den musikalischen Szenen und das deshalb verkomplizierte Spannungsgefüge. „Jettchen Gebert“ ist auch für Metier-Experten keine leichte Aufgabe.

Unter diesen Umständen wird die Generalprobe weitaus spannender als das finale Konzert. Bei einer Probe erkennt man mehr vom Suchen, Experimentieren und Entscheiden der Workshop-Teilnehmer. In einer simulierten Konzertsituation ohne physisches Publikum besteht zudem das Risiko von künstlerischem Energieverlust. Die Stipendiaten treten für etwa gleichwertige große Nummernblöcke ans Pult.

Annalena Hösel beginnt. Sie lässt sich den Schockmoment beim Fehlen von Adam Sanchez als Jettchens Favorit Friedrich und durch die leeren Sitze im Orchester nicht anmerken. Reaktionsschnell sekundieren die Kolleg*innen in den Dialogen und Gesangseinsätzen. Hösel simuliert mit erstaunlicher Sicherheit den Normalzustand. Sie hat situationsbedingt die Augen eher im Orchester und nur selten bei den Sängern. Man hört als Gast, dass etwas fehlt, kann dieses Fehlende allerdings nicht definieren. Hösel hält alles zusammen. Deshalb ist es sehr gut verständlich, wie sie bei ihrem zweiten Block auf Sicherheitsdenken beharrt und nicht locker werden kann. Mit dieser Reaktionsschnelle rettet sie die Generalprobe vor dem Absturz in eine Kette von Fehlern und Stimmungsverlust. Damit ermöglichte sie ihren beiden Kollegen das Auskosten und Feinarbeiten, die sie selbst nach der Anstrengung des Beginns nur teilweise zu leisten vermochte.

Friedrich Praetorius wirkt am Pult graziler. Bei ihm klingt alles um eine Lautstärken-Stufe niedriger. Für die Partiendebüts – Miriam Neururer als Jettchen hat ein sehr anspruchsvolles – gibt Praetorius sogar etwas Experimentalspielraum. Er testet verschiedene Möglichkeiten der dynamischen Verhältnisse zwischen Stimmen und Orchester. Auch an den Balancen zwischen den Instrumentengruppen arbeitet er, exponiert Soli und versteht sich als Anwalt von Text und dramatischer Situationen. Praetorius schätzt das musikalische Dialogisieren mehr als melodische Keulen.

Für ihn sei jedes Werk besonders, nicht nur die Operette, sagt Nicolò Foron Im Videopodcast der Oper Leipzig über den Operetten-Workshop. Diese Liebe zur Exklusivität des spezifischen Augenblicks hört man bei seinen Auftritten sofort. Foron motiviert alle Gruppen zum dichten, singenden Gesamtklang mit eher weicher und nur am Ende massiver Verblendung von Sängerstimmen und Orchester. Ihm ist die Musik eindeutig wichtiger als deren dramatische Funktion. Die massive Unsicherheit bei einem Choreinsatz zum Finale liegt an der Kunstform selbst, nicht an mangelhafter Vorbereitung.

Am Ende treten die drei Stipendiat*innen vor das Orchester und bedanken sich. Vier der fünf intensiven Klausur-Tage sind geschafft – mit einem bemerkenswerten Stück, dessen inhaltliche und thematische Dimensionen aufgrund der von der Pandemie diktierten Bedingungen unterbelichtet bleiben mussten. Es war der letzte Operetten-Workshop für Stefan Klingele, der die Aufführung vollständiger unbekannter Werke für Junge Dirigenten initiierte und dessen Zeit als Chefdirigent der Musikalischen Komödie mit der Generalintendanz von Prof. Ulf Schirmer im Juli 2022 zu Ende geht.

Stipendiat*innen des 18. Operetten-Workshops:

  • Nicolò Foron (geb. 1998 Genua) ist ab Februar 2022 Chef-Assistent des Ensemble Intercontemporain Paris und gewann den International Conducting Competition Jeunesse Musicales Bucharest 2021. Er war Assistent von Lorin Maazel und Riccardo Muti. Der Stipendiat der ZEIT – Stiftung Gerd und Ebelin Bucerius von der Deutschen Stiftung Musikleben dirigiert bereits eine beachtliche Reihe internationaler Klangkörper.
  • Annalena Hösel (ohne Geburtsjahr) studiert an der Hochschule für Musik Detmold im Master Orchesterdirigieren und hat an der dortigen Opernschule einen Lehrauftrag für Korrepetition. Von 2017 bis 2020 war sie Solorepetitorin mit Dirigierverpflichtung am Anhaltischen Theater Dessau. Im November 2021 dirigierte sie ihr Debütkonzert mit dem Beethoven Orchester Bonn. Ihr Operndebüt war Paul Hindemiths „Sancta Susanna“ mit den Symphonikern Hamburg und Studierenden der HfMT Hamburg.
  • Friedrich Praetorius (geb. 1996 in Lutherstadt Wittenberg) gewann im November 2021 beim Mitteldeutschen Dirigierwettbewerb den Ersten Preis. Der Student der Hochschule für Musik „Franz Liszt“ Weimar ist Chefdirigent des Wendland-Sinfonieorchesters und Musikalischer Leiter des Vereins „Junge Mitteldeutsche Kammeroper e.V.“ 

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