Originell ist bereits der Einlass in die Werkstatt des Schiller-Theaters für die Besucher von Marc Neikrugs Musiktheater für Sprecher und acht Instrumente: durch einen niedrigen Tunneleingang, den der Zuschauer nur gebückt durchqueren kann, führen ihn rote Streifen, wie Eisenbahnschienen zum gegenüber liegenden Tor, das jedoch hermetisch verschlossen ist und mehr an einen Ofen erinnert als an einen hoffnungsvollen Ausgang. Im schwarzen Raum (Ausstattung: Stephan von Wedel) hängen Mäntel an Fleischerhaken herab, die Sitzbänke sind als ein richtungsloses Labyrinth angeordnet.
Der amerikanische Komponist hat im Jahre 1980 als sein eigener Librettist ein gigantisches Mono- und Melodram, einen rund fünfzigminütigen Erinnerungs-Monolog eines Geigers in Auschwitz geschaffen. Das Musikstück über Musik in Zeiten des Terrors basiert auf Zitaten der abendländischen Literatur, von Paganini, Mozart, Schubert und Bach, errichtet über einer zwölftönigen Grundstruktur, die sich hermeneutisch herleitet von der Zweiten Wiener Schule, im Sinne von Theodor W. Adornos „versteckter Flaschenpost“, als einer quasi subkutanen Zitatebene.
So erklingen tonale Zitate, mit Störmomenten zersetzt, zumeist durchaus real, wie der zweite Satz aus Haydns Streichquartett – mit Bezug zur Deutschland-Hymne – oder auch Beethovens viertes Klavierkonzert und der Schlusssatz von dessen Neunter. In der sehr guten deutschen Übersetzung (von Beate Kraus?) werden die textlich-musikalischen Konnotationen deutlicher als im englischen Original, etwa beim ausführlichen Zitat von Isoldes „nicht meine Klagen darf ich dir sagen […]“ aus Wagners „Tristan und Isolde“ oder „Immer zu! Immer zu!“ aus Bergs „Wozzeck“.
Neco Çelik ergänzt in seiner Inszenierung zwei Mädchen in weißen Kleidchen als die Töchter des Lagerkommandanten, die mit Schottersteinen spielen und den namenlosen Protagonisten als „Schwein mit der Geige“ beschimpfen, und erweitert so die Schuld der Mitwisser von Greueltaten auf die Ebene unmündiger Kinder.
Der Schauspieler Udo Samel, der Musik vielfältig verbunden und auch als Schubert-Darsteller im Film überzeugend, verkörpert den namenlosen Geiger jenseits von Betroffenheit. Er kitzelt die vielschichtige sprachliche Verwandtschaft von musikalischer Disziplin und der Diktion der Mörder im KZ heraus und vermag auch den jiddischen Witz zu transportieren, verhaltenes Lachen auszulösen mit der Überlegung, „wahrscheinlich werden die Personenzüge fürs Vieh gebraucht“. Wenn die Töchter des Lagerkommandanten ihn beschimpfen, räsoniert er, dass ein Schwein nicht spielen könne, aber dass manchmal auch Musiker schweinemäßig spielen würden.
Er sorgt mit seinen Tritten für Rhythmus, schlägt mehrfach seinen Kopf an die Wand, schreibt mit seinen Fingern auf Boden und Wände und wischt das Unlesbare wieder aus. Einmal verschiebt er einen ganzen Zuschauer-Sitzblock und definiert dies als „Rampendienst“. Am Ende zieht er einen Frack an um seine traurige Arbeit für die Mörder wie für die Mithäftlinge auf dem Weg zur Ermordung, zu verrichten.
„Durch Rosen“ (so der deutsche Titel des Musikthaters) des sorgsam gepflegten Gartens der Frau des Lagerkommandanten hatte er gesehen, wie seine Freundin zur Gaskammer transportiert wurde. Und doch hat er weiter und gespielt und so – wie der im Programmheft zitierte Geiger, Dirigent und Komponist Simon Laks – das KZ überlebt.
Das achtköpfige Ensemble von Mitgliedern der Staatskapelle Berlin, auf der Empore, hinter Gaze leicht entrückt, bietet unter der musikalischen Leitung von Felix Krieger eine klanggewaltige, in ihrer Zerrissenheit erschütternde Assoziationskette von Musiken, die ihre Unschuld zu verlieren drohten, als sie für mörderische Zwecke missbraucht wurden. Die kompositorische Ebene mischt sich mit dem (nur in den Tunneln hallig verstärkten) Text des hervorragenden Darstellers zu einer faszinierenden Einheit, von der verzweifelten Suche eines Grundtons am Anfang, in konzentrisch kreisendem Aufbau, bis hin zum finalen fernen Verklingen eines Windspiels in verlöschendem Licht und schließlich in völliger Dunkelheit.
Ein großer, dichter Abend, der es wert wäre, länger auf dem Programm zu bleiben!
- Weitere Aufführungen: 22., 26. und 28. Februar 2015.