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Ein Ort für die Läuterung von Körper, Seele und Geist

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Das Musikfestival Aspen im amerikanischen Colorado feierte sein 50-jähriges Bestehen
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Sie stellen fünf ausgewachsene Orchester und zahlreiche Ensembles, wobei sie im Festival Orchestra und in der Chamber Symphony gemeinsam mit ihren Lehrern musizieren. Hier sind die ersten Pulte mit Fakultätsmitgliedern, einer Crème de la crème internationaler Instrumentalisten, besetzt. Dirigenten und Solisten, nach denen man sich andernorts die Finger schlecken würde, lassen es sich nicht nehmen, in Aspen mit dem Nachwuchs zu arbeiten. Jedes der drei wöchentlichen Sinfoniekonzerte besitzt Einmaligkeitscharakter und ein hohes Maß an elektrifizierender Spannung, gipfelt darin doch die intensive Auseinandersetzung mit einem für viele Studenten häufig noch unbekannten Repertoire.

Ende August klang das 50-jährige Jubiläum eines Musikfestivals aus, das ohne eine bereits in den Anfangsjahren etablierte Sommerakademie für den weltweit besten Musikernachwuchs sicherlich einen raschen Tod gefunden hätte. Aspen Music Festival and School wären ohne die rund 900 Studenten für selbst die ausgefallensten musikalischen Bereiche undenkbar; ihnen kommt der Löwenanteil von 250 Konzerten und Veranstaltungen zu, die über neun Wochen das auf 2.400 Meter Höhe in die Rocky Mountains gebettete idyllische Städtchen Aspen im amerikanischen Bundesstaat Colorado in ein musikalisches Mekka verwandeln. Sie stellen fünf ausgewachsene Orchester und zahlreiche Ensembles, wobei sie im Festival Orchestra und in der Chamber Symphony gemeinsam mit ihren Lehrern musizieren. Hier sind die ersten Pulte mit Fakultätsmitgliedern, einer Crème de la crème internationaler Instrumentalisten, besetzt. Dirigenten und Solisten, nach denen man sich andernorts die Finger schlecken würde, lassen es sich nicht nehmen, in Aspen mit dem Nachwuchs zu arbeiten. Jedes der drei wöchentlichen Sinfoniekonzerte besitzt Einmaligkeitscharakter und ein hohes Maß an elektrifizierender Spannung, gipfelt darin doch die intensive Auseinandersetzung mit einem für viele Studenten häufig noch unbekannten Repertoire. Aspen, in den 80er-Jahren des letzten Jahrhunderts wegen der ergiebigen Silberminen im Roaring Fork Tal zu kurzem Reichtum gelangt, war längst in einen Dornröschenschlaf verfallen, als mit dem Ende des zweiten Weltkriegs der reiche Unternehmer Walter Paepcke aus Chicago, eine Art amerikanischer Medici, diesen Ort für seine Vorhaben entdeckte. Hier fand er die idealen Bedingungen, seine Vorstellungen der Läuterung von Seele, Körper und Geist zu verwirklichen. Er erkannte Aspens Potenzial als einzigartiges Skiterrain, während er den Sommer über eine Synthese aus Geist, Musik und Natur zu realisieren hoffte. 1949 lieferte der 200. Geburtstag Goethes den Auslöser. Paepcke berief „The Goethe Bicentennial Convocation and Music Festival“ ein, beauftragte den finnischen Architekten Eero Saarinen mit dem Bau eines riesigen, nach allen Seiten offenen Festivalzelts, renovierte das kleine, schmucke Wheeler Opera House, ein Relikt des Silberbooms, und lud für zwei Wochen Denker, Dichter und Musiker aus aller Welt nach Aspen ein. Viele kamen, darunter selbst Albert Schweitzer; er fühlte sich hier allerdings dem Himmel etwas zu nahe und suchte schon nach 48 Stunden das Weite.

Zu den Musikern der ersten Stunde zählten Nathan Milstein und Arthur Rubinstein, das Klavierduo Vitya Vronsky und Victor Babin, Gregor Piatigorsky und das Minneapolis Symphony Orchestra unter Dimitri Mitropulos. Viele kehrten noch im gleichen Sommer mit ihren Schülern zurück. Die Nachricht von dem besonders ergiebigen musikalischen Klima in und um Aspen verbreitete sich rasch und schon ein Jahr später begann die Musikschule zu florieren. Bereits 1951 formierte sich ein Studentenorchester mit der Fakultät an den ersten Pulten; Strawinsky dirigierte eigene Werke, und Darius Milhaud begründete die Aspen Conference on Contemporary Music. 1954 übernahm William Steinberg die künstlerische Leitung. Ihm folgten unter anderem Szymon Goldberg, Jorge Mester, Lawrence Foster und seit 1997 David Zinman, gegenwärtig zugleich Chefdirigent des Züricher Tonhalle Orchesters. 1965 wurde das ursprüngliche Festivalzelt gegen ein neues Design des Bauhausarchitekten Herbert Bayer ausgetauscht. Die verheerende Akustik nahm man bis heute in Kauf. Schließlich entstand 1993 neben dem Zelt nach den Plänen des lokalen Architekten Harry Teague die unterirdische Harns Concert Hall, wegen ihrer optimalen Akustik auch „the Carnegie of the Rockies“ genannt.

Hat sich Aspen in den zurückliegenden 50 Jahren als eines der einzigartigsten und vor allem umfassendsten sommerlichen Trainingszentren etabliert, so ist dies für den gegenwärtigen Präsidenten Robert Harth noch nicht genug: „Ich möchte erleben, dass sich Aspen Festival and School kontinuierlich zum weltweit bedeutendsten musikalischen Sommermekka entwickeln und wir jedem überdurchschnittlich guten jungen Musiker begreifbar machen, dass er vor seiner Karriere zumindest einmal die Aspenerfahrung miterleben muss.“ Jeder Kurzbesuch von Aspen gleicht einer dichtgedrängten Aneinanderreihung von Höhepunkten, wofür diesmal die konzertante Aufführung von Bergs „Wozzek“ mit dem 110-köpfigen Concert Orchestra (Durchschnittsalter 17) unter James Conlon den Auftakt bildete. Weiter zählte nach 25-jähriger Abwesenheit die Wiederkehr eines verlorenen Sohnes zu den Publikumsattraktionen. James Levine, der hier immerhin sieben Jahre studiert hatte, dirigierte die Chamber Symphony in einem gemischten Programm. Lediglich der Wettergott war ihm wenig geneigt; die Fassung des Ricercar aus Bachs Musikalischem Opfer von Anton Webern fiel heftigem Donner zum Opfer und Schuberts 4. Symphonie wurde von trommelndem Regen weggeschwemmt. Auch in Mahlers 3. Symphony mit dem Festival Orchestra hatte er die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Eine Düsenmaschine zwang ihn zu Abbruch und Neubeginn. Für einen faszinierenden Höhepunkt sorgte die ausschließlich von Studierenden der Gesangsklassen getragene Uraufführung der für das Jubiläum in Auftrag gegebenen Kammeroper „Belladonna“ des bisherigen Hauskomponisten Bernard Rands. In ihr vereinte er auf zeitgenössische Weise und im heutigen Alltag verankert Platons Symposion und das Letzte Abendmahl. Fünf Frauen aus den unterschiedlichsten Berufen haben als Thema eines gemeinsamem Abendessens die Liebe als eine menschliche Erfahrung gewählt. Dies führt dazu, dass jede von ihnen ein besonderes Trauma neu erlebt, bis sie sich am Ende mit einer Art Wiederauferstehung gedankenvoll voneinander trennen. Die Musik in ihrem Wechsel von sinnlicher Dichte, Witz und instrumentaler Gewandtheit beeindruckte ebenso wie die geschickte Realisation durch Edward Berkeley.

Letztendlich aber bedeutete für David Zinman die gesicherte Finanzierung von zwei für den Fortbestand Aspens entscheidenden Projekten den eigentlichen Höhepunkt: ein neues, wesentlich tiefer gelagertes und von Harry Teague gemeinsam mit dem Akustiker Larry Kirkegaard entworfenes Zelt soll zum Auftakt der nächsten 50 Jahre ideale Orchestervoraussetzungen schaffen; weiter wird sich sein Traum von einer American Academy of Conducting erfüllen. Nach dem ursprünglich von Pierre Monteux initiierten Vorbild entsteht ein ausschließlich aus Dirigieraspiranten zusammengestelltes, vielseitig orientiertes Orchester, das neben wöchentlichen Konzerten zugleich als Opernorchester fungiert und auch Zeitgenössisches nicht ausspart. Damit unterstellt sich der Dirigentennachwuchs der eigenen Sache; jedes Orchestermitglied erhält je nach Bedürfnis und Talent genügend Möglichkeiten, sich vor und mit seinen Kollegen als Dirigent zu profilieren und gehört zu werden.

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