Wenn es um Neue Musik geht, ist meistens der Ausnahmefall der Normalfall. Spezialfestivals und Spezialensembles spielen Neue Musik zu bestimmten Zeiten an bestimmten Orten – und viele einmal aufgeführte Werke nie wieder. Mit Qualität lässt sich das selten begründen, sehr wohl mit fehlenden finanziellen Mitteln.
Auch Rainer Rubbert und Martin Daske, die Gründer und Macher der „Unerhörten Musik“, der einzigen wöchentlichen Konzertreihe mit Neuer Musik in Deutschland, die jetzt ihr 20-jähriges Bestehen feierte, schwimmen nicht im Geld. Jedes Jahr gilt es, sich vor dem Senat zu rechtfertigen und auf die knappen, aber bisher doch immer bewilligten Mittel zu hoffen.
Die Konzertreihe „Unerhörte Musik“ ist ein Ausnahmefall in der Neuen-Musik-Welt Deutschlands. Denn der Normalfall heißt bei ihnen: Jede Woche Neue Musik. Jede Woche Uraufführungen (im September 2008 wurde die stattliche Zahl von 1.000 überschritten). Jede Woche neue Musiker. Jede Woche eine neue Situation.
Am Valentinstag 1989 fand hier das erste Konzert dieser Reihe statt. Damals war auch ein Werk von Jean Françaix zu hören. „Das dürfte heute nicht mehr gespielt werden“, bemerkt Rainer Rubbert schmunzelnd. Man achte darauf, dass wirklich „aktuelle Musik“ erklingt und dass auch die Neue-Musik-Landschaft Berlins abgebildet werde. Das gelte sowohl für die Komponisten der Werke, als auch für die Interpreten, schließlich war die „Unerhörte Musik“ anfangs primär ein Zuhause für die vielen Ensembles, die sich um 1989 herum in Berlin gründeten. Doch längst treten zusätzlich Interpreten aus anderen Teilen Deutschlands oder sogar internationale Ensembles auf und geben im gemütlichen Saal des BKA-Luftschlosses ihr Gastspiel. Für viele, gerade jüngere Musiker vor allem die Möglichkeit, vor den Avantgarde-Ohren Berlins ihre „klingende Visitenkarte“ abzugeben. Und das jeden Dienstag um 20.30 Uhr auf einer Bühne, die sonst vornehmlich von Kabarettisten, Pantomime-Künstlern oder Singer-Songwritern bespielt wird. Im fünften Stock eines Gebäudes im Herzen Kreuzbergs, in dem – trotz der Luftschlosshöhe – bisweilen vorbeifahrende Feuerwehrautos das Pianissimo stiller Werke stören. „Deshalb baue ich in Werke mit Zuspielung Straßengeräusche immer schon mit ein“, gibt Daske, wie Rubbert selbst Komponist, scherzend zu Protokoll.
Überhaupt, wenn Rubbert und Daske von den Anfängen der „Unerhörten Musik“ erzählen, strahlen sie Gelassenheit aus. Nicht, weil sie sorglos ihren Job machen und auf einen nicht enden wollenden Zuspruch der Berliner Kulturpolitik hoffen können. Ihr Selbstbewusstsein fußt auf den vielen Erfahrungen in Sachen Geldmittelbeschaffung, Organisation, Musikerbetreuung und Programmauswahl. Erfahrungen, die ihnen niemand mehr nimmt; Erfahrungen, die im Bereich Neue Musik in dieser Form so einzigartig sein dürften wie die „Unerhörte Musik“ selbst.
Einzigartig auch die Sympathisanten der Konzertreihe. Hier kann man beispielsweise regelmäßig Klaus Schmidt treffen. So unscheinbar sein Name, so ungewöhnlich seine Leidenschaft: Neue Musik in Berlin! Dem Pensionär, der nicht durch seinen früheren Beruf, sondern aus ehrlichem Interesse und Neugier zur Neuen Musik kam, entgeht kaum ein Dienstagabend im BKA-Theater. Schmidt ist der Beweis, dass Neue Musik weder aufwändige Marketingmaßnahmen, noch anbiedernde Vermittlungsprojekte braucht. Neue Musik braucht auch keine vollen Häuser (jedenfalls dann nicht, wenn die vollen Häuser mit dem Wegfall des „Neuen“ an der Neuen Musik erkauft werden, wie im Falle des Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker, dem das Attribut „unerhört mutlos“ zuzuschreiben wäre). Neue Musik braucht Hörer, die – wie Klaus Schmidt – sich nicht gemütlich zurücklehnen, sondern neue, elektrisierende Erfahrungen machen wollen.
Und die Neue Musik braucht vor allem gute Aufführungen, braucht Treue von Seiten der Veranstalter – und: sie braucht einen gewissen Schutz. Diesen Schutz bietet die „Unerhörte Musik“. In einem Mehrzweckgebäude in Berlin-Kreuzberg. In einem Elfenbeinturm im besten, positiven Sinne.