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Feuersnot in Dresden, open air. Foto: Matthias Creutziger
Feuersnot in Dresden, open air. Foto: Matthias Creutziger
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Entjungferung und gemeinsamer Orgasmus als Zwischenspiel – Richard Strauss‘ provokative „Feuersnot“ in Dresden

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Niemals wieder ist Richard Strauss als Opernkomponist skurriler als in seiner frühen aufmüpfigen Oper, die zugleich Kühnheiten der nachfolgenden Partituren „Salome“ und „Elektra“ vorwegnimmt. Zum Strauss-Jahr erinnert sich die Semperoper Dresden im Verbund mit den Dresdner Musikfestspielen an die hier uraufgeführte „Feuersnot“.

Erstmals fand eine Opernaufführung im Großen Schlosshof des Residenzschlosses statt. Für die Open Air-Version wurde eine ungewöhnliche „halbszenische“ Präsentationsform gewählt, in welcher der Dirigent Stefan Klingele hoch über das szenische Geschehen abhob.

Strauss’ Komposition seiner zweiten Oper entstand parallel zur Gründung von Ernst von Wolzogens Berliner „Überbrettl“ und erlebte ihre Uraufführung parallel zur ersten Spielzeit dieses ersten deutschen Kabaretts, am 21. November 1901 in Dresden. Was dem „Überbrettl“ recht sein sollte, das musste der Opernbühne am Anfang des neuen Jahrhunderts schon billig sein, „der Ton des Spottes, der Ironie, der Protest gegen den landläufigen Operntext (...), die heitere Persiflage der Wagnerschen Diktion!“, wie Richard Strauss Wolzogens Libretto noch im Jahr seines Todes, 1949 definiert hat. Die den Spätwerken Wagners entliehenen Wendungen übersetzte von Wolzogen in ein altertümelndes Kunstbayerisch, und auch Strauss sparte nicht mit Wagner-Zitaten vom „Fliegenden Holländer“ bis hin zum „Ring des Nibelungen“. Dennoch meint die Handlung in „sagenhafter Unzeit“ unmissverständlich die Gegenwart der Entstehung, die Jahrhundertwende.

Mit der Handlung der als „Sinngedicht“ bezeichneten Oper übte Richard Strauss Revanche an seiner Heimatstadt Mùˆnchen. Denn München hatte nicht nur Reichhart, den Alten (alias Richard I.), den Wagner, einst vertrieben, sondern auch den Lehrling des alten Hexenmeisters (alias Richard II.) übel behandelt, indem sie dessen erster Oper „Guntram“ einen Misserfolg bereitet hatte. Der selbsternannte Nachfolger des Wagners stellt sich den Münchnern „zum Strauss“: er verlöscht der Stadt das Licht, falls nicht die Bürger sich über ihre althergebrachte Moral erheben und die Bürgermeisterstocher zum Beischlaf mit ihm auffordern, denn „Aus heiß jungfraulichem Leibe einzig das Feuer Euch neu entflammt“. Die im Dunkeln tappenden Münchner Bürger fordern schließlich selbst die Bürgermeisterstocher auf, sich doch endlich dem Meister hinzugeben, auf dass die Stadt das erloschene Licht wiedererlange.

Als die Oper im Jahre 1902 am Königlichen Opernhaus in Berlin gespielt wurde, musste sie auf kaiserlichen Befehl abgesetzt werden. Obgleich die Dichtung in gedruckter Fassung ohnehin Selbstzensur übt und in abgemilderter Form erschienen war, empfand die Kaiserin von Wolzogens Libretto als obszön. Von Wolzogen hatte die ablehnende Haltung der Kaiserin darauf zurückgeführt, dass sie, „nachdem sie sieben Kinder gehabt, nicht mehr viel vom ‚Lirumlarumlei’“ – wie hier der Geschlechtsverkehr genannt wird, hielte.

In Wagners „Walküre“ wird „des seimigen Methes süße[r] Trank“, von Sieglinde dem von ihr erotisch begehrten Fremdling angeboten, der Met steht dort für den weiblichen Lustsaft. In der „Feuersnot“ hingegen, mit der Strauss als des Wagners geistiger Erbe Kunrad eigene Wege betritt, steht der seimige Met für das männliche Sperma. Ihm, als der lebensspendenden Kraft, gilt der letzte Lobgesang dieses Singgedichts, in den alle Solisten und der Chor im Fortissimo einstimmen: „Alle Mädeln mögen Meth!“

Der vom Dirigenten gewählte Spielort erweist sich akustisch als eine überaus glückliche Wahl, denn Stefan Klingele kann ungebremst in den Klängen des jungen Strauss schwelgen ohne das Orchester irgendwann zurücknehmen zu müssen. Inmitten der zahlreichen mittelgroßen Partien ragen unter den Sängerdarstellern Jürgen Müller als Burgvogt Schweiger von Gundelfingen und Carolina Ullrich als Margaret, die höchste der drei Gespielinnnen der Bürgermeisterstochter Diemut hervor.

Rachel Willis-Sørensen charakterisiert Diemut jenseits überbrettelnder Ironie als ein durch den Kuss des fremden Kunrad leidenschaftlich entflammtes, allerdings auch bürgerlichen Konventionen gehorchendes junges Mädchen mit jugendlich-dramatischer Hingabe. Die ungemein schwierige Partie des Kunrad meistert Tómas Tómasson stimmlich durchaus bravourös, szenisch allerdings arg allein gelassen, mit Allerweltsgesten. Die Solisten – vornehmlich aus dem Ensemble der Semperoper (mit Michael Eder, Angela Liebhold, Simone Schröder, Tilmann Rönnebeck, Matthias Henneberg, Gunyong Na, Tomislav Lucic, Rainer Maria Röhr, Tichina Vaughn, Tom Martinsen und Catalina Bertucci) – übertönen allemal mühelos das überdacht positionierte Orchester, ob sie nun davor auf der Bühne, auf einer Empore des Schlosshofes oder inmitten der Reihen der Zuschauer singend agieren. Brillant ist der Kinderchor der Singakademie Dresden und meistert die in der gesamten Opernliteratur wohl schwierigsten Chorsätze ohne Abstriche; die von Claudia Sebastian-Bertsch einstudierten Mädchen und wenigen Knaben agieren singend, während der von Wilhelm Tetzner einstudierte Sächsische Staatsopernchor, hinter dem Orchester positioniert, aus Noten singt.

In der szenischen Einrichtung von Angela Brandt wird zwar der Schlosshof mit den das Holz für den „Subend“ (das Sonnwendfeuer) sammelnden Kindern gut genutzt, aber die entscheidende Szene, wenn Kunrad auf Diemuts Aufforderung hin einen Korb zu ihrer Kammer besteigt, den sie aber nur zu halber Höhe hochzieht um so den Freier, der ihr zuvor einen Kuss geraubt hatte, dem Spott der Bevölkerung preiszugeben, bleibt ungelöst. Hier ist es nur ein kleiner Obstkorb, in den ein kindliches Double des Zauberlehrlings eine Double-Puppe setzt, die vom kindlichen Double der Bürgermeisterstochter nach oben gezogen wird. Dass Kunrad nach seinem magischen Verlöschen des Feuers und seiner Rechtfertigung schließlich am Seil in ihre Kammer klettert, das lässt sich nur nachlesen.

Der eigentliche Geschlechtsakt erfolgt in Strauss’ Oper als ein Orchesterzwischenspiel im Dunkeln, bis langsam das Licht wieder aufflammt. Die in der Partitur gezeichnete Entwicklung von der Entjungferung Diemuts bis zum gemeinsamen Orgasmus des Paares macht Dirigent Stefan Klingele mit dem Festspielorchester durchaus genussreich plastisch deutlich.

Erst zu dem die Liebesszene im Off der Kammer krönenden Liebesduett „Mittsommernacht! Wonnige Wacht!“ erscheint das Liebespaar, in offenen Obergewändern singend, auf dem Balkon. Klingele hat das musikalische Gesamtgeschehen so sicher im Griff, dass er sogar wagen kann, mit einer Protagonistin eine kleine Walzer-Runde zu tanzen und das Festspielorchester alleine weiterspielen zu lassen.

Das Premierenpublikum zeigte sich am sommernächtlichen Vorabend des Pfingstfestes – unter freiem Himmel und ohne Übertitelung –begeistert und sparte nicht mit Applaus.

  • Weitere Aufführungen: 9., 10. Juni 2014

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