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Kompositionsauftrag der Musikfestspiele Saar: Stefan Litwin schrieb ein abendfüllendes, eigens für das Piano Duo GrauSchumacher und den Schauspieler Ulrich Noethen konzipiertes Stück. Foto: Johannes Grau
Kompositionsauftrag der Musikfestspiele Saar: Stefan Litwin schrieb ein abendfüllendes, eigens für das Piano Duo GrauSchumacher und den Schauspieler Ulrich Noethen konzipiertes Stück. Foto: Johannes Grau
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Erster Kompositionsauftrag der Musikfestspiele Saar

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Zur Uraufführung von Stefan Litwins Monodrama „Flegeljahre“ nach Jean Paul
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Auf Jean Paul ist Stefan Litwin über Schumann und dessen Lieblingsautor gekommen, auf den sich Schumann in mehreren Werken bezieht. Schumanns Polarität „Florestan“ und „Eusebius“ spiegelt nicht zuletzt die zwischen dem weltfremden Walt und dem pragmatischen Vult wider. Jean Paul erzählt in seinem Fragment gebliebenen Roman von 1804/1805 die Geschichte des dichtenden Notars Walt, der eine an die Erfüllung allerlei seltsamer Aufgaben geknüpfte Erbschaft antritt, seines einige Minuten jüngeren Zwillingsbruders Vult, der, reisender Flötist geworden, nach Jahren aus der Fremde heimkehrt, und beider Liebe zur kleinadligen Wina. Jean Paul operiert mit einem „ständigen Wechsel zwischen Fiktion, eigener Biografie, Traum und Vernunft“, den er „zu einer eigenen Wirklichkeit verdichtet. Doppelgänger-, Masken- und Wandermotiv, Spiegelungen, Schatten und Krebsgang prägen den Text“. Sie haben selbst „bereits eine musikalische Qualität“ und bieten sich deshalb für eine Komposition an.

Litwin erhielt den ersten Kompositionsauftrag, den die Musikfestspiele Saar vergaben. Seit 2018 entwickelt die neue Intendanz ein offeneres, vielfältigeres Profil. Die etwa 500 Seiten des Romans hat Holger Schröder, derzeit Dramaturg am Staatstheater Braunschweig, zu einem Libretto verdichtet, das in etwa 90 plus 60 Minuten die wesentlichen Elemente der Handlung auf das Konzertpodium als imaginäre Theaterbühne bringt. Ohne dass die vielen Stränge ganz verschwänden, ist der Leitfaden die Entwicklung der Dreiecksbeziehung zwischen den Brüdern und Wina. Litwin hat neben der Alliteration der Namen auch entdeckt, dass alle jeweils 4 Buchstaben haben. Das führte ihn fast automatisch zur Konstruktion einer Zwölftonreihe mit zwei Viertonmotiven für die Zwillinge und einem kontrastierenden für Wina, alle leitmotivisch verwendet.

Litwin greift die Traditionslinie des heute fast vergessenen Melodrams auf, das freilich als Technik etwa im Rap allgegenwärtig ist, und erweitert dieses zu einer Art imaginärem Musiktheater, gar einer „verkappten Oper“ (Litwin) mit Vorspielen, Nachspiel, Intermezzi, Recitativi accompagnati und Arien. Häufig fordert er ein „gebundenes“ Melodram, das heisst zwar ohne gesungene Tonhöhen, aber mit in Notenwerten streng festgelegtem Sprechrhythmus. Dem entspricht die überaus präzise und nuancierte Darstellungsweise des Sprechers Ulrich Noethen. Speziell auf ihn und das virtuose GrauSchumacher Piano Duo schnitt Litwin das Werk zu. Der Gefahr, dass über die lange Dauer der Klang doch etwas duoton in Schwarz-Weiß werden könnte, begegnet Litwin einerseits mit abwechslungsreichen, pointierten Charakteren, andrerseits mit einer Erweiterung des klassischen Klavierklangs: durch Präparierung eines Flügels; durch ein Toy Piano, das symbolisch für Vults Kindheit steht; durch ein E-Bow; aber auch durch Zupfen oder Streichen der Saiten im Flügel, was laut Auskunft eines der Pianisten auch mal zu Blasen und blutigen Fingern beim Proben führte. Crotales bringen eine weitere Klangfarbendimension und verweisen auf die Maiglöckchen und andere Blumen, die im Text leitmotivisch vorkommen.

Die 20 Musiknummern sind meist knapp gefasst, auch, um dem Text Raum zu lassen. Schwelgerisch wird Litwin nur im Melodram (Walts Traum) sowie beim ersten Höhepunkt des Werks als Schluss des ersten Teils, das Nachspiel „Mondnacht“. Hier betritt Schumann, anderswo verdeckt zitiert, leibhaftig-hörbar die Szene mit dem ausgiebigen Zitat seines gleichnamigen Lieds nach Eichendorff, einem Inbegriff „romantischer“ Kunst. Ulrich Noethen brilliert hier zugleich als Quer-Flötist auf professionellem Niveau. Litwins Musiksprache ist klanglich geprägt durch eine dichte, dissonante Chromatik, bevorzugt mit kleinen Sekunden, kleinen Nonen oder große Septen oder der Oszillation Quint – Tritonus – Quart in der Horizontale wie Vertikale: Ein entferntes Erbe des Expressionismus, aber erheblich kühler, durch historische Distanz, Reflexion und Parodie gebrochen. Die Ambivalenz des Romantischen, die schon Jean Paul selbst gestaltete, wird in Text wie Ton der abschließenden Nr. 20, Walts Traum (Melodram) besonders sinnfällig: „Ich schlief in den Schlaf hinunter, doch schlaf- und todestrunken, war mir, als verhülle und vergifte mich der Blumenduft eines vorbeifliegenden Paradieses.“

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