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Es gilt, weiße Kultur-Löcher zu füllen...

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Zu den 14. Dresdner Tagen der zeitgenössischen Musik
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Da staunte man nicht schlecht. Eines der letzten Relikte aus der DDR-Vergangenheit, das nahezu unbeschadet alle Wendemanöver überstanden hat, absolvierte im Oktober sein 14. Festival-Jahr. Und ein Ende dieser Veranstaltung scheint nicht abzusehen, obwohl das Geld in der sächsischen Landeshauptstadt Dresden immer knapper wird und man sich wegen gigantischer Autobahn- und Brückenbauprojekte und allerlei anderem Größenwahn die vorgebliche Liebe zur Neuen Musik schön längst nicht mehr leisten kann. Dank Direktor Udo Zimmermann, bekanntermaßen auch eine große Nummer in Leipzig, München und Berlin, bleibt am Dresdner Zentrum für Zeitgenössische Musik fast alles wie gehabt. Selbst der drohende Umzug hinaus aus einer idyllischen Elbhangvilla (die die Stadt zu Geld machen will) hinein ins stickige Dresdner Zentrum ist zumindest vorerst abgewendet.

Da staunte man nicht schlecht. Eines der letzten Relikte aus der DDR-Vergangenheit, das nahezu unbeschadet alle Wendemanöver überstanden hat, absolvierte im Oktober sein 14. Festival-Jahr. Und ein Ende dieser Veranstaltung scheint nicht abzusehen, obwohl das Geld in der sächsischen Landeshauptstadt Dresden immer knapper wird und man sich wegen gigantischer Autobahn- und Brückenbauprojekte und allerlei anderem Größenwahn die vorgebliche Liebe zur Neuen Musik schön längst nicht mehr leisten kann. Dank Direktor Udo Zimmermann, bekanntermaßen auch eine große Nummer in Leipzig, München und Berlin, bleibt am Dresdner Zentrum für Zeitgenössische Musik fast alles wie gehabt. Selbst der drohende Umzug hinaus aus einer idyllischen Elbhangvilla (die die Stadt zu Geld machen will) hinein ins stickige Dresdner Zentrum ist zumindest vorerst abgewendet. Nichtsdestotrotz war inmitten all der außermusikalischen Turbulenzen die Kunst und Musik, die beim diesjährigen Festival offeriert wurde, von ausgemachter Güte. Ein beeindruckender Konzertreigen, zu dem sich noch die hehre Musikwissenschaft mit einem dreitägigen Kolloquium nebst einer hochwichtig besetzten Rundtisch-Diskussion gesellte, wo über die besten Strategien zur Vermittlung Neuer Musik gestritten wurde. Der musikalische Auftakt ging allerdings erst einmal haarscharf daneben: die Performance „Syrene“ von H.-J. Hespos litt an allzu großer Spitzfindigkeit und Abgehobenheit, die von einem eher handfesten Publikum, das sich veralbert vorkam, nicht goutiert wurde. Mit dem Prolog II konnte das Dresdner Publikum schon eher etwas anfangen. Im Alten Schlachthof, wo sich üblicherweise Rockbands tummeln, jazzte die NDR Big Band und rezitierte, da der Meister Ernst Jandl bekanntermaßen nicht mehr unter uns weilt, der großartige Schauspieler Dietmar Mues die Worte voller erheiternder Erbauung, die einem urplötzlich bitter schmeckten. Der Wiener Schmäh, dem biederen sächsischen Humor eher unähnlich, ist tückisch, zumal wenn es summt, gurgelt, grummelt und aus der Grabestiefe verräterisch vibriert.

Georg Katzer gilt als einer der Heroen der (ost-)deutschen Komponistenschaft, und seine multimediale Performance „Der Maschinenmensch“, im Sommer in Rheinsberg uraufgeführt, war mit dem Kontrabassisten Matthias Bauer als überragendem Musiker-Schauspieler einer der Höhepunkte des Festivals. In seiner Umsetzung der berühmten La Metterieschen Schrift „L’homme machine“ (1748) benutzte Katzer vorzugsweise elektronische Klänge (der Komponist saß selbst an den Reglern), montierte Zitate, fabrizierte eine Lichtshow und spielte Filmausschnitte ein.

Es geht so aber es geht auch ganz anders, wie das Ensemble „L´art pour l´art“ in einem sogenannten Experimentalkonzert (eines von vier Konzerten des Deutschen Musikrates) bewies, wo allerlei Gerätschaften zum Klingen gebracht wurden, die ursprünglich nicht dafür vorgesehen waren. Der Erfinder des Wäscheständers, gewiss ein Deutscher, aber leider unbenamt, hatte anderes im Sinn, denn als Klangerzeugungsgerätschaft nebst Geigenbogen und Geige herzuhalten. Aber es geht, es hatte sogar irgendwie Witz, als sich Holger Klaus in der szenischen Aktion „ZIP“ präsentierte. Seine Unternehmung, die hart an der Kippe eines Spontan-Schabernacks balancierte, erwies sich als ein pfiffig durchchoreografiertes Aktions-Werk.

Auch das Stück „Timpani Ride“ des Schlagzeugers und Perkussionisten Matthias Kaul war eigentlich gar keine „L´art pour l´art“ sondern eben „Musik konkret am handfesten Material“. Kaul hat sich mit dem Fahrrad auseinander gesetzt, dass er mit zahlreichen kleinen Schellen (sogenannten Timpanis) behangen hat, und auf denen sich recht virtuos musizieren ließ. Sein Stück war in diesem Sinne eine kleine Weltreise auf dem Bicycle (und ein Sphärentrip mit der großen Pauke!), dem eine durchaus erhellende Kausalzusammenhangskette vorangestellt worden war: „Fahrrad – frische Luft – Luft im Reifen? Fahrradmechanik – Geschwindigkeit – Zauberei. Fahrrad – ein Musikinstrument meiner Kindheit. Pauke – sinfonischer Klangkörper – gewichtige Tradition. Pauke – Sphärenklang? Pauke + Saite + Fahrrad = überdimensionale Drehleier.“

In Dresden und dem umliegenden Sachsenlande herrschen über bestimmte Phänomene, was kulturelle Welthöchstleistungen betrifft, etliche weiße Löcher vor, die es nur selten zu stopfen gelingt. Also waren im Konzert des Ensemble Intercontemporain die Kenner und Liebhaber unter sich. Schade, denn was die Franzosen nicht zuletzt auch an Klangsinnlichkeit boten, wäre auch für Nicht-Spezialisten ein Ohrenschmaus gewesen. Mit dem jungen französischen Komponisten Yan Maresz lernten wir einen exquisiten Komponisten kennen, dessen Stück „Eclipse, für Klarinette und Ensemble“ eine virtuose Musiksprache offerierte, die auf einem relativ hohen Abstraktionsniveau ganz erdige Dinge wie Jazzsounds, Rockelemente und Minimal-Patterns ineinander fließen ließ. Der grandiose Solist André Trouttet hatte alle Hände voll zu tun, um die phasenweise wie Coltrane’- sche Tontrauben wirkenden Sounds zu realisieren.

Ähnlich ging es auch im zweiten Stück des Abends ab, das als Solistenkonzert für Schlagzeug und Ensemble unterüberschrieben war. Der korrekte Obertitel lautete „Quatre Variations“, komponiert vom Franzosen Philippe Hurel und im Frühjahr erfolgreich uraufgeführt in Paris. Auch hier durfte der schlagzeugende Protagonist Daniel Ciampolini alles zeigen, was er virtuos drauf hatte. In der Hauptsache verlustierte er sich am Vibraphon, das er gelegentlich so rigoros traktierte, das man sich in einem Rockkonzert wähnte. Nach der Pause kam Altmeister Boulez zu Wort, und zwar mit einem Werk, das eigentlich steinalt war, dass der Meister jedoch, wie sich das bei ihm schon regelrecht prinzipiell äußert, in eine Endlosschleife ständiger Umarbeitung und Uminstrumentierung eingespeist hat. „...explosante-fixe...“ ist mittlerweile zu einem Stück für drei Flöten, von denen eine an einen Computer angeschlossen ist, für Holzbläserensemble, für Blechbläser und für Streicher mutiert. Es entpuppte sich als ein „starkes Stück“, das vom Kopf in den Bauch gewandert war.

Allerorten mehren sich die Stimmen, dass es nicht gut um unsere Welt bestellt sei. Die echten Apokalyptiker rechnen stündlich mit dem Untergang, und der versprengte Rest von Künstlern als Mahner schaffen Werke, die nichts mehr beschönigen. So der Dresdner Komponist Wilfried Jentzsch, dessen „Apokalyptische Vision 2000“, ein Werk für Chor, Sprechstimme und elektronische Klänge, unter reger Publikumsbeteiligung in der Kreuzkirche uraufgeführt wurde. Ein eminent schwieriges Werk, das den jungen Sängern des Kreuzchores und dem Kreuzkantor Roderich Kreile jede Menge abverlangte. Aber sie kamen mit den ungewohnten Anforderungen gut zurecht und absolvierten ihren Part außerordentlich eindringlich, so dass die beabsichtige Wirkung nicht ausblieb.

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