„Im allgemeinen zwei- bis viermal“. Jedenfalls „so oft, daß es verstanden werden kann“, meinte Alban Berg auf die Frage, wie häufig ein neues Werk aufzuführen sei. So bescheiden war der Komponist im Krisenjahr 1918 als er sich daran machte, den Prospekt des „Vereins für musikalische Privataufführungen“ zu Papier zu bringen. Von solcher Utopie indes ist die Kunstgemeinde heute, sofern sie (noch) Interesse nimmt am aktuellen Kunstgeschehen, weiter entfernt denn je. „Zwei- bis viermal“? Schön wär’s.
Ein Vergleich drängt sich auf: So wie die Jugend mit Kommunion und Konfirmation aus den Kirchen herauskonfirmiert wird, so wird das neue Werk mit seiner Uraufführung aus dem Repertoire, in das es indes nur erst virtuell eingetreten ist, bereits wieder verabschiedet, was freilich einen weiteren Schluss zwingend erscheinen lässt: Der Betrieb der neuen Musik betreibt in einem fort seine eigene Erschaffung wie Selbstabschaffung. Ein Festival ohne Uraufführungen? Undenkbar! Doch gemach! Nach dem Festival brauchen wir – sofern erfolgreich uraufgeführt wurde – nicht mehr daran zu denken, brauchen uns von keinem noch so radikalen Gedanken keines noch so radikalen Komponisten mehr beunruhigen zu lassen. Aus und vorbei. Leichen pflastern ihren Weg – den der neuen Musik nämlich. Soweit so schlecht. Dass sich da etwas ändern muss, hat sich herumgesprochen. Doch was tun?
Was tun! sagt der Deutsche Musikrat und hat jetzt sein „1. Kooperationsprojekt mit der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland“ aus der Taufe gehoben. Die steht bekanntlich in Bonn, ist groß und offen für vieles und war in der Vergangenheit schon des Öfteren Schauplatz avancierter Avantgarde-Veranstaltungen. Jetzt haben beide Partner sich zusammengetan, um dem schon von Berg im Revolutionsjahr „Neunzehnachtzehn“ erkannten Missstand abzuhelfen, um (wenigstens) die (eine oder andere) Uraufführung vor dem Odium des Begräbnisses Erster Klassse zu bewahren.
Dass freilich der unschöne Trend auch durch die jetzt initiierte mutige Reihe „Förderungsprojekte zeitgenössischer Musik“ nicht umgekehrt, gar zum Verschwinden gebracht werden könnte, ist auch Hannelore Thiemer klar, die beim Musikrat fürs hoffnungsvoll gestartete Förderungsprojekt die Verantwortung trägt. Zu lange ist sie im Geschäft, als dass sie nicht wüsste, welche Barrieren selbst bei den „natürlichen“ Ansprechpartnern, den Fachredaktionen der Tageszeitungen etwa, zu nehmen wären. Die gelernte Musikwissenschaftlerin lächelt denn auch, wenn sie darauf angesprochen wird und kann sich im nächsten Moment doch für den Star dieses ersten Projekts, den Komponisten Georg Katzer und dessen „multimediale Performance „Der Maschinenmensch“ nach Texten des französischen Radikalmaterialisten La Mettrie (und Texten Katzers) begeistern, worin ihr nach vollbrachter Vorstellung die zahlreich anwesenden Bonner Gymnasiasten völlig unaufgefordert beipflichten.
Zwar geht denen der ganze von Katzer herbeizitierte Bildungskanon ziemlich am Allerwertesten vorbei – doch gerade das macht (horribile dictu) überhaupt nichts. Stattdessen verbeißt man sich noch auf den Rängen diskutierender Weise in diese und jene Szene, macht sich wechselseitig aufmerksam, ob er oder sie dieses oder jenes Detail des Katzerschen Feuerwerks mitbekommen habe oder nicht. Auch wenn es eine Floskel sein mag – lebendige Kommunikation geht wohl kaum anders als so. Wer sich darunter jedenfalls das Wiederkäuen so genannter „Unterrichtsziele“ vorstellt, verwechselt wahrscheinlich immer noch schola mit vita. Auf Letzteres aber erhebt die Kunst, erhebt Georg Katzer und mit ihm Deutscher Musikrat und Bundeskunsthalle Anspruch, wenn sie Musiktheater machen. nsofern brauchen denn auch die unverkennbaren Stärken mit den ebenso unverkennbaren Schwächen von Katzers „Maschinenmenschen“ an dieser Stelle nicht weiter verrechnet zu werden. Immerhin war die Uraufführung dieses äußerst aufwändigen Werkes, das tatsächlich als Mix aus Sprechtheater, Hörspiel, Tonbandzuspielungen, Tanz, Gesang, Videoprojektion, wilden Filmverschnitten zu noch wilderen Schlagzeugsoli total multimedial daherkommt, bereits vor vier Jahren im brandenburgischen Rheinsberg als Auftragswerk der dortigen Musikakademie in der Regie von Alexander Stillmark zu erleben (nmz 7/8-2000).
Was schließlich die Frage der Wirkung der Kunst auf Kunstfreunde und anwesende Kunstskeptiker anging, so war es zweifellos der Reichtum der Vorführung, dieses Mikado der übereinander- und durcheinanderpurzelnden Ebenen, der insbesondere die skeptische Schülerschaft in ihrer ach so weltläufigen Coolness erkennbar für einen Moment hat irrewerden lassen. Der Moment der Kunst. Andererseits: Nicht die Botschaft des Stücks – der radikale Humanismus Katzers, der Triumph der (weiblichen) Stimme über das (männlich) Maschinelle – war für dieses junge Publikum die Botschaft. Eher schon der Versuch, auf der Bühne das Unmögliche möglich zu machen, den ästhetischen Schein (wenn ein Tänzer in der Projektion verschwindet) mit dem Pathos dokumentarischer Filmbilder (Massenchoreografien und industrielle Massenfertigung) artistisch verschmolzen zu sehen. Toll!
Ein (produktives) Missverständnis gehörte so am Ende eben auch zu den erfreulichen Resultaten dieses kurzweiligen Abends. Was Katzer durchaus als Versöhnung der Medien, zugleich als Test auf deren Kunstfähigkeit begreift, um sie dialektisch gegen den von ihm diagnostizierten politischen Zwang wie das (durch „Neunundachtzig“ keineswegs verschwundene) zwanghafte Verhalten zu mobilisieren, indem er das seelenlos Maschinelle in einer finalen Schlagzeugorgie gleichzeitig beschwört wie bannt (Eisler lugt hier tatsächlich aus allen Schraubverbindungen), rezipiert die Welt unter Zwanzig solch unerhörtes Kunstgeschehen als buntes Weltgetümmel (vulgo: Collage) und nimmt sich, was sie braucht. Nun gut. Doch warum eigentlich nicht? Ist immerhin ein Anfang. Und – vergessen wir nicht: Nur Maschinenmenschen wären folgsamer.