Die Wiederbefragung der amerikanischen Erfolgsoper aus dem Jahre 1958 zeigte die musikalisch vielseitige Könnerschaft des 1911 geborenen amerikanischen Komponisten, im Zusammenspiel mit bewährten Topoi aus Oper und Drama im routiniert verfassten Libretto seines Komponistenkollegen Gian Carlo Menotti. Was Ende der Fünfigerjahre stilistisch anachronistisch wirkte, mag angesichts das nachfolgenden halben Jahrhunderts, dessen Tendenzen auch eine neue Tonalität gefördert haben, des Vorwurfs der Unzeitgemäßheit entbehren. Um so stärker jedoch fallen dramaturgische Unzulänglichkeiten ins Gewicht.
Vanessa wartet seit zwanzig Jahren auf die Rückkehr ihres Anatol. Eine vorfahrende Kutsche bringt nicht den Geliebten, sondern dessen Sohn Anatol. Sie verliebt sich in das jüngere Ebenbild des Verstorbenen. Der bandelt mit Vanessas Nichte Erika an und schwängert sie bereits in der ersten Nacht. Vanessa lässt ihren Hausarzt an einem Ballabend ihre Verlobung mit Anatol bekanntgeben. Erika versucht in der Winternacht eine Abreibung, die ihr auch gelingt. Gegenüber Vanessa leugnet Anatol die Vorfälle. Beide verlassen den Landsitz um in Paris zu leben. Erika aber verhängt nun Spiegel und Gemälde, wie es anfangs Vanessa praktiziert hatte.
In den Libretti seiner eigenen Opern trifft Gian Carlo Menotti viel besser den Punkt als bei diesem, für seinen Freund Samuel Barber geschriebenen, dessen Oper er dann auch bei seinem Festival in Spoleto aufgeführt hat. Wie ein fader Strindberg-Aufguss wirkt die Konstellation der handelnden Personen, auch wenn „Vanessa“ mit Bezügen zu Oedipus und der Sphinx sowie zu Dimitri und Marina im Polenakt von Mussorgskys „Boris Godonow“ Tiefgang zu behaupten scheint.
Die unschwer zu entschlüsselnden psychologischen, im Hintergrund verlaufenden Motivationen bedürften der starken Hand eines Regisseurs. Diese war bei der Regisseurin Andrea Dorf MacGray nicht gegeben. In der Gastspiel-Adaption ihrer halbszenischen Produktion aus Santa Fe sind die Handlungsabläufe auf ein Minimum von Interaktionen der Hauptfiguren beschränkt – wohingegen Barber und Menotti wussten, dass die dünne Handlung doch der stummen und auch tanzenden Nebenfiguren dringend bedarf.
Die symbolträchtigen Aktionen des Verhängens der Türen und Spiegel, welche die beiden betroffenen Frauen, Vanessa und ihre Nichte Erika, im Handlungsbogen zur Wiederkehr des Gleichen vereint, zur Abkapselung und zum vergeblichen Warten auf den idealen Geliebten, sind nicht durch die Schwarz-Weiß-Projektion von Eiskristallen zu ersetzen, auch wenn die Arie „Must the winter come so soon“ zur beliebtesten Einzelnummer dieser Oper in Konzert und Rundfunk geworden ist. Eine konzertante Version wäre diesen halbszenischen Äußerlichkeiten zwischen drei historisierenden Sitzmöbeln und den aufgestellten, die Sicht auf die Darsteller behindernden Notenpulten (zumal das Gros der Sänger seine Partien nicht auswendig beherrschte) in einem solchen Fall vorzuziehen gewesen.
Gespielt wurde die zum Dreiakter verkürzte Fassung der Autoren aus dem Jahre 1964, aber durch Pause nach dem ersten Akt, vor dem ursprünglichen dritten Akt der vieraktigen Urfassung, wurde die Stringenz der Handlung aufgeweicht, die mit 2 Stunden Spieldauer übliche Oper dabei auf knapp 3 Stunden ausgedehnt. Das war denn des spätspätromantischen Aufgusses doch zu viel.
Dabei geht die trotz menschlicher Abgründe überaus freundlich situierte Opernhandlung mit ihren Arien, mit Spieluhr-Melodie und winterlichem Hundegeheul, folkloristischen Tänzen und Walzer-Arie, und ihrer Wiederaufnahme von Themen, bis hin zum benachbarten amerikanischen Musical, durchaus ins Ohr. Dirigent David Zinman betont in dieser Pluralität Bezüge zu Franz Schreker und lässt das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin zwischen kammermusikalischen Elementen symphonisch aufblühen.
Die Wagner-Sopranistin Erin Wall schuf eine stimmlich sehr runde Titelrolle, ohne Vanessas Psychosen in der halbszenischen Fassung deutlich machen zu können. Noch besser gefiel die kurzfristig eingesprungene, aber auswendig agierende Virginie Verrez als Erika. Mit gesunder Stimmführung spielte der Tenor Andrew Staples als junger Anatol sogar die verhängten Spiegel an der vierten Wand an. Doch dass er sich anstelle seines Vaters in die Ehe mit Vanessa stürzt, blieb ebenso unverständlich wie sein kurzzeitiges Verhältnis mit Erika. Mit britischem Humor sorgte der Bassbariton Neal Davies als Arzt, der lieber Poet geworden wäre, für Lacher. Trotz Krückstock gelang es Catherine Wyn-Rogers kaum, ein Rollenprofil für die alte Baronin zu entwickeln. Der im zweiten Akt kurz konzertant hinzutretende RIAS Kammerchor schuf eine zusätzliche Dimension, deplatziert wirkten hingegen zwei mit ihren Aufgaben arg überforderte Statisten.
Am Ende kurzer, herzlicher Applaus für die musikalisch durchaus hochwertige Aufführung.