33 Jahre nach der Uraufführung am Hamburger Thalia-Theater ist das Kultstück „The Black Rider. The Casting of the Magic Bullets“ auch am Anhaltischen Theater Dessau ein Triumph des Schauspiels und der sogar hier kultiviert klingenden Anhaltischen Philharmonie unter Wolfgang Kluge. In einer homogenen Leistung zeigte das Ensemble an den Songs von Tom Waits und dem Buch von William S. Burroughs viel Lust und Freude. Weniger Kontur und Neugier auf profunden Zeitbezug hatte dagegen die Inszenierung des Duos Katharina Schmidt und Roman Konieczny.
Schon mal darüber nachgedacht, warum es bei Oper Übertitel in bis zu vier Sprachen gibt, bei Schauspiel-Musicals sogar mit äußerst subtilem Englisch aber keine? Carl Maria von Webers romantische Oper „Der Freischütz“ und der ihr zugrunde liegenden Erzählung aus dem Gespensterbuch von Apel und Laun sind keinesfalls eine schlichte Angelegenheit. Und erst recht spratzt Borroughs’, Waits’ und Robert Wilsons avantgardistische Neufassung des Stoffes bis zum die altenglische Volksweise „Last Rose of Summer“ konterkarierenden Finale-Song von Doppelbödigkeit, burlesker Archaik und ins Raffinierte gewendeten Plattitüden. Das ergibt ein faszinierendes Gemisch. „Der Mann im Wald, die Frau daheim“ – aha! Diese Sprache ist ein Wunder an archaisierender Ironie, doppelbödiger Prägnanz, Poesie-Kargheit und Stoßkraft. Es gab retro-romantische Inszenierungen, die tatsächlich einen an ein Hirschgeweih gebundenen Kerl im dunklen Forst zeigen oder formale Posen in dekorativen Schmutzfarben – wie jetzt am Anhaltischen Theater Dessau.
Der in Magdeburg geborene Andreas Kriegenburg versetzte „The Black Rider“ bereits vor vielen Jahren am Residenztheater München in einen Veranstaltungsraum. In Dessau ergibt der zu den widrigen Umständen des Schützen Wilhelm durch Schusshemmung und Karriereblockade zerstörte Gemeindesaal noch mehr Sinn. Zumindest betreffend Regionalanbindung: Denn so weit ist der Originalschauplatz der Erzählung im Gespensterbuch von Apel und Laun gar nicht von Dessau entfernt. Lindenhayn liegt im Agrarland zwischen Bitterfeld, Bad Düben und Leipzig. Beim seit Jahren dort unter Gerüst verrottenden Schloss Schönwölkau gibt es einen Raum aus DDR-Zeiten im gleichen Design wie das Bühnenbild von Agathe MacQueen. Nur ist der Vorhang dort nicht lindgrün, sondern ocker.
Es erstaunt, dass Katharina Schmidt und Roman Konieczny zu existenziellen Kernthemen wie Versagen im Beruf, Partnerwahl und Verführbarkeit noch immer ähnliche Bilder im Kopf schwirren wie ihrer Eltern-Generation. Katharina Schmidt und Roman Konieczny, der aktive Bühnenerfahrungen als „Black-Rider“-Teufel Stelzfuß einbringt, reduzieren das Genderfluide darauf, dass nachlässig aufgehübschte Bräute aller Geschlechter die Bühne fluten und vom Traum immer mehr zum Alptraum werden. Bedeutungsvoll posiert eine Frau im roten Kleid (Christel Ortmann) als Wiedergängerin von Borroughs’ Ehefrau Joan Vollmer, die dieser unter Drogeneinfluss versehentlich erschossen hatte. Zeitbezug im Video (Franziska Junge): Donald Trump mit einer Bananenschale als Krone. Das Böse demzufolge als Spaß und klangliche Pose, die übers schöne Knarzen nicht hinaus will und deshalb auch kaum zur akustischen Diabolik findet (Sounddesign: Alexandra Holtsch).
Insgesamt erlebt man in Dessau eine gut gebaute und geradlinig in den von den Autoren verordneten Kollaps treibende Nerd-Show. Gewuppt wurde diese vom Ensemble mit hohem Können und von Schauspieldirektor Alexander Kohlmann mit einem immensen Enthusiasmus. Gut anzusehen war der alte Kuno in ephebischer Gestalt unter Geweih (Tino Kühn). Roman Weltzien wird als Stelzfuß an Schärfe und latenter Diabolik in den kommenden Vorstellungen noch zulegen, Cara-Maria Naglers Klärchen ist eine Jägerbraut von eleganter und sachlicher Ausstrahlung. Sebastian Graf als Wilhelm kommt am Ende in Fahrt, wenn ihm die Drogen das Hirn aus dem Schädel blasen. Kantig, originär und kernig agieren alle im Ensemble.
Möglicherweise erfüllen sich bei dieser die Bahnen des Absehbaren nicht verlassenden Inszenierung die hohen Erwartungen nicht ganz, weil in den letzten Jahren Webers „Freischütz“ nicht mehr Pflichtübung an einer vom Publikum geliebten Romantik-Schmonzette, sondern ernsthafte Herausforderung für ambitionierte Regie wurde. Etwa für Ersan Mondtag, der in Kassel vor 11 Monaten aus dem Jägerburschen Max einen unheilbaren Fall für den psychiatrischen Gewahrsam in der Klimakatastrophe machte. Eine Generation früher traf „The Black Rider“ wie ein Dart-Pfeil voll ins Schwarze, weil „Der Freischütz“ trotz abenteuerlicher Rezeptionstheorien in Papier auf der Bühne oft eine trübe Angelegenheit war. Als subversiven Showbuster und mehr ins Intellektuelle spielende Alternative zu „The Rocky Horror Picture Show“ inthronisierten die Stadttheater „The Black Rider“ etwas später. Aber so viel ist passiert in den letzten Jahren an pandemischer Vereinzelung, Kriegstreiberei und Geschlechterirritationen. Die Zeit wäre also reif für eine Besinnung darauf, was noch so alles in „The Black Rider“ steckt außer Spaß an makabren Posen.
- Anhaltisches Theater, Großes Haus: Premiere Fr 20.1.2023, 19.30 Uhr (Dauer: 100 Minuten) – Vorstellungen in der Spielzeit 22/23: Sa 28.1.2023 — 17 Uhr / Sa 4.2.2023 — 17 Uhr / Sa 18.2.2023 — 17 Uhr / Di 28.2.2023 — 11 Uhr / Sa 11.3.2023 — 17 Uhr / Sa 1.4.2023 — 16 Uhr / So 9.4.2023 — 17 Uhr / So 16.4.2023 — 16 Uhr / So 23.4.2023 — 16 Uhr / So 4.6.2023 — 16 Uhr
- Musikalische Leitung: Wolfgang Kluge – Inszenierung: Katharina Schmidt, Roman Konieczny – Bühne und Kostüme: Agathe MacQueen – Sounddesign: Alexandra Holtsch – Video: Franziska Junge – Dramaturgie: Alexander Kohlmann / Stelzfuß: Roman Weltzien – Bertram: Valentin Erb – Anne: Mirjana Milosavljević – Käthchen: Cara-Maria Nagler – Wilhelm: Sebastian Graf – Junger Kuno/Alter Kuno/Wilhelms Onkel: Tino Kühn – Robert/Georg Schmid: Ralph Kinkel – Wilderer/Frau im roten Kleid: Christel Ortmann – Anhaltische Philharmonie Dessau – Statisterie des Anhaltischen Theaters Dessau