Stockhausen, der spekulative Geist, akkurater Musiker und Stifter eines musikalisch-religiösen Ideenreichs, in dem Mythos, Alltagsbanalitäten und kosmische Sicht verschmelzen: Auch sechs Jahre nach seinem Tod spaltet er noch das Publikum. Die erste deutsche Gesamtaufführung von „Samstag aus Licht“ löste neben viel Zustimmung auch Kopfschütteln und Ablehnung aus. Gewiss kein schlechtes Zeichen, wenn ein Kunstwerk Fragen stellt, auf die es keine hurtigen Antworten gibt.
Die Aufführung der insgesamt vier „Samstag“-Szenen, mit der die Münchner musica-viva-Saison 2012/13 ihren spektakulären Abschluss fand, war auf mehrere Tage und Veranstaltungsorte verteilt, wobei die einzelnen Teile doppelt oder sogar dreifach gespielt wurden. Das Risiko der Wiederholung lohnte sich. Die Karten gingen erstaunlich schnell weg, insgesamt wurden über viertausend Besucher gezählt. Ein seltenes Phänomen in der Neuen Musik, aber charakteristisch für diesen rheinischen Musikschamanen, dessen musiktheatralisch-spirituellen Konzepte die Leute in Scharen in die Säle locken und mit gemischten Gefühlen wieder entlassen.
Den siebenteiligen, nach den Wochentagen benannten „Licht“-Zyklus hat Stockhausen als Musiktheater konzipiert, doch beschränkte man sich nun in München auf eine halbszenische Wiedergabe. Was kein Verlust war, denn Stockhausens szenische Ideen sind ganz im Gegensatz zu seiner musikalischen Intelligenz oft erstaunlich naiv. Er dachte nicht primär in Theaterkategorien, sondern war auf seine – zweifellos raffiniert ausgedachte – Reihenstruktur fixiert, die dem ganzen „Licht“-Zyklus zugrundeliegt. Doch aus dem Zuordnen von Reihensegmenten zu einzelnen Szenen und Figuren entsteht noch keine konsistente Dramaturgie, und mit den drei symbolträchtigen Hauptfiguren Michael, Eva und Luzifer ist auch das personelle Beziehungsnetz reichlich überschaubar. Stockhausen zielte nicht auf die Entwicklung der Personen, sondern auf die Vertiefung des Ideengehalts. Der Vergleich mit Wagners Tetralogie, der manchmal zu hören ist, ist deshalb unangebracht.
Als Pluspunkt des Münchner Großprojekts erwies sich die Aufteilung auf verschiedene Aufführungsorte, selbst wenn dadurch der innere Zusammenhang des Ganzen etwas litt. Dass die ersten beiden Szenen – „Luzifers Traum“ und „Kathinkas Gesang als Luzifers Requiem“ – aufgrund ihrer Kleinbesetzung in der Muffathalle und die großorchestrale dritte Szene im Herkulessaal aufgeführt wurden, hatte aufführungspraktische Gründe. Anders der rituelle Schlussteil „Luzifers Abschied“: Seine Verlegung in die barocke Jesuitenkirche Sankt Michael verdankt sich einem Bild über dem Hochaltar. Es zeigt den Erzengel Michael, wie er mit dem Kreuzstab den fallenden Luzifer bannt. Das war eine Steilvorlage für den musica-viva-Leiter Winrich Hopp, und mit seinem Wunsch, das Stück hier aufzuführen, stieß er bei den Kirchenverantwortlichen auf offene Ohren. Jesuiten sind bekanntlich gute Dialektiker und daher empfänglich für alles, was sich um den Antichrist dreht, gerade wenn die Symbolik so mehrdeutig ist wie bei Stockhausen.
Die Schlussszene „Luzifers Abschied“, die wochentagsgerecht auf den späten Samstagabend angesetzt war, bildete denn auch den Höhepunkt des Ganzen. Der riesige Kirchenraum wurde zum Schauplatz eines rituellen Musiktheaters, welches das Publikum in einen Raumklang-Katarakt hineinriss. Die kompakte Gewalt der Männerstimmen des im Raum herumwandernden Chors des Bayerischen Rundfunks, die apokalyptischen Fanfaren der sieben Posaunen und die schweren Orgelakkorde verbanden sich mit dem Stampfen der Holzschuhe der in Mönchsgewänder gekleideten Choristen und mit dem grellen Klang ihrer Holzklappern zu einem düsteren, neomittelalterlichen Ritual, einer unheimlichen Beschwörung finsterer Mächte. Wie eine Katharsis wirkte es, als zum Schluss Sänger und Publikum auf den Kirchenvorplatz hinaustraten, wo dieses Treiben ein zeremonielles Ende fand und an die Zuschauer Rosen verteilt wurden.
Mindestens ebenso durchschlagskräftig, wenn auch ohne szenische Elemente, wirkte „Luzifers Tanz“, der dritte Teil von „Samstag aus Licht“ für Solisten und Orchester. Die konzertante Aufführung im Herkulessaal verlegte das Geschehen ganz in die Musik und bot damit hochgradiges Klangtheater: Rund 40 Minuten brodelnde Orchestertutti mit dem BR-Sinfonieorchester unter Ingo Metzmacher in intensivsten Farben und im Dauerfortissimo, dazu die dominante Bassstimme von Michael Leibundgut und die beiden Bläsersolisten, Helen Bledsoe (Piccoloflöte) und den phänomenalen Marco Blaauw (Piccolotrompete). Vorangestellt wurde dem vulkanischen Geschehen die elektronisch-vokale Tonbandkomposition „Gesang der Jünglinge“ von 1956, in der auch schon vom Erzengel Michael die Rede ist – hier ist er der Retter der vom babylonischen Herrscher Nebukadnezar zum Feuertod verurteilten Israeliten. Mit den hellen Knabenstimmen bildete das Stück einen denkbar großen Kontrast zum Orchesterwerk.
Die beiden ersten Szenen wirkten dagegen wie künstlerische Leichtgewichte. Zu „Luzifers Traum“ für einen Pianisten und einen Schauspieler ist Stockhausen ziemlich wenig eingefallen. Das dreiviertelstündige Herumstochern in den Reihentönen wird auch durch die stimmlichen Einlagen nicht interessanter; das Stück tritt an Ort, und einem Vergleich mit den früheren Klavierstücken Stockhausens hält es nicht stand. Abwechslungsreicher, da pittoresker, war da schon die unmittelbar anschließende zweite Szene. Sechs Schlagzeuger in grotesken Gewändern und Masken, Mitglieder der Kölner musikFabrik, waren um das Publikum herum postiert – allerliebste kleine Teufelchen, die im Kampf mit der Flötistin Kathinka Pasveer, die sie zu beschwichtigen versuchte, ihre widerborstigen und manchmal ordinären Geräusche produzierten.
Wie in der dampfenden Klangmaterie des Orchesterstücks und im exorzistischen Ritual des Schlussteils artikuliert sich auch hier, in diesem „Zivilisationsprozess“ mit den sechs Perkussionsteufeln, etwas von den inneren Konflikten, die in Stockhausen rumort haben müssen. In „Samstag aus Licht“ versucht er sich ihrer offenbar Herr zu werden. In den bizarr-bedrohlichen Bildwelten dieses Luzifer-Tags kann man auch den Nachhall der Traumata, die der Komponist in seiner Jugend unter dem Nationalsozialismus erlebte, heraushören: Ungeheuer, die der Schlaf der Vernunft gebiert und die hier im quasi-barocken Szenario eines Kampfs zwischen Gut und Böse Gestalt angenommen haben. Die Privatmythologie, die Stockhausen zu diesem Zweck schuf, hat zweifellos auch ihre problematischen Seiten. Doch schmälert das nicht den Wert seines Versuchs, die Schrecken unserer Zeit in überzeitliche Bilder und Formen zu fassen.