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Konfuzianisches Gesamtkunstwerk: Das Deutschland-Gastspiel der koreanischen Ahnenzeremonie Jongmyo Jeryeak

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Bei den Gastspielen in Berlin, Hamburg, München und Köln ist die Zahl der Mitwirkenden mit 66 Personen weitaus geringer als bei der in der Halle Jeongjeon des Jongmyo-Schrein. In dem 1995 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärten Heiligtum feiert Südkorea bis heute jedes Jahr am ersten Sonntag im Mai die königliche Ahnenzeremonie Jongmyo Jeryeak. 2008 wurde die seit 1462 nicht veränderte Folge von Hymnen, Tänzen und Devotionalien in die Liste der weltweit wichtigsten immateriellen Kulturgüter der UNESCO aufgenommen.

Anlass zum Deutschland-Gastspiel des National Gugak Center war der 50. Jahrestag des koreanisch-deutschen Kulturabkommens. Das südkoreanische Kulturinstitut, zu dem vier Ensembles verschiedener Sparten und insgesamt 432 Künstlerinnen und Künstler gehören, widmet sich der Pflege alter Traditionen und der Neuinterpretation traditioneller Musik. Es folgt dem Prinzip der „Ehrung der Vergangenheit, um etwas Neues zu erschaffen“. Die heutige Aufführungsform des Jongmyo Jeryeak basiert auf einer Version aus der Goryeo-Dynastie (918-1392) und wurde von König Sejong bearbeitet.

Zugegeben: Für europäische Hörer und Zuschauer tragen diese Jahreszahlen und Epochenkategorien der koreanischen Geschichte allenfalls geringfügig zu einem tieferen Verständnis der Ahnenzeremonie bei. Jongmyo Jeryeak ist ein rituelles, repräsentatives, episches, choreographisches und ornamentales Gesamtkunstwerk. Sowohl Gebetsverse wie handlungsbezogene Verse sind auf ganz knappen Raum und wenige Silben verkürzt. Sie vermitteln den Eindruck von Archaik und Enigmatik. Der Ahnenkult ist Teil der Staatsreligion des Konfuzianismus.

70 Minuten Spiritualität in ästhetischer Vollendung. In den festlichen Roben dominieren die Farben Rot und Blau. Strukturbildend wirkt zum Beginn eines neuen musikalischen Satzes der in die Länge gezogene Vokal des Jipsa (Zeremonienmeisters), die Holzklapper des Jipsak (Leiters des Orchesters) sowie die in langen Tönen, rezitativisch und psalmodierend intonierenden Stimmen. Die Sänger sitzen in der ersten Reihe des Orchesters, das vor allem aus Saiteninstrumenten, Holzblasinstrumenten und Schlagwerk besetzt ist. Es entstehen lange an- und abschwellende Tonfolgen von hoher Homogenität. Das koreanische Instrumentarium enthält dekorative Wunderwerke wie das Eo, ein hölzernes Schlaginstrument in Form eines auf dem Bauch liegenden Tigers. Die Tänzerinnen und Tänzer tragen stab- und riemenartige Requisiten: Das mit einem Drachenkopf, Fasanenfedern und Holzmurmeln geschmückte Jeok, hölzerne Schwerter (Geom) und Speere (Chang).

Hier ist alles Zeichen: Die Neigung und Bewegung der Requisiten, die in äußerster Zeitlupe ausgeführten Armbewegungen und Richtungswechsel der immer in symmetrischen Parallelbewegungen gehaltenen Choreographie. Auffallend wirkt die aus westlicher Perspektive sehr ausdrucksneutral und deshalb äußerst konzentriert anmutende Mimik. Die Verse berichten von der Landnahme durch die Vorfahren und deren weise Herrscher, vom Beginn der nationalen Zivilisation und Kultur, von Rechtsprechung und Schutz. Emotionale Regungen gibt es während der Gesänge und Bewegungsfolgen kaum, wohl aber rituelle Wortfolgen der Bescheidenheit, der Verehrung und eines tiefen Respekts. Die Opfer militärischer Aktionen, Verluste und Emotionen bleiben unerwähnt. Die Teile des Rituals bilden eine strenge Liturgie vom Beginn mit dem „Empfang der Geister der Ahnen“ bis zum Ende, wenn die zu Papier gebrachten Gebete verbrannt und vergraben werden.

Das sieht man im Prinzregententheater nicht. Das Gastspiel erhält durch die Präsentation auf Bühnen und Podien wahrscheinlich eine Übergewichtung der theatralen Anteile. Während in christlichen Liturgien seit der frühen Neuzeit beträchtliche Kontrastwirkungen zwischen den Messteilen bestehen, bleibt das herausgebildete koreanische Ritual homogen. Kategorien wie Variantenreichtum und Spannungssteigerung haben dort offenbar keine Relevanz.

Das in der Münchner Konzertreihe Musica Viva gezeigte Gastspiel erhielt großen Applaus und respektvolle Aufmerksamkeit. Trotz eines Aufbau, Struktur und Instrumentarium detailgenau erläuternden Programmheftes bleibt der Eindruck von nur mangelhaften Verständnis für eine Kunstform, in welcher historische Aufführungspraxis und Gegenwärtigkeit stufenlos zusammenfallen. Zumindest in dem Ahnenritual Jongmyo Jeryeak des Königs Sejong (1379-1450).

  • Musikfest Berlin, Philharmonie 12.09. - Elbphilharmonie Hamburg 17.09. - musica viva (BR), Prinzregententheater München 23.09. (besuchte Vorstellung) – Kölner Philharmonie 26.09.  

 

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