Nomen est omen! Nicht von ungefähr hat die Hochschule für Musik und Theater Rostock (HMT) ihr Festival für Neue Musik so sinnbildhaft wie praxisorientiert „Brücken“ genannt. Es geht ihr um Zugangsmöglichkeiten zur Tonkunst unserer Zeitgenossen, und das gleichermaßen für Zuhörer wie Interpreten. Stolz ist man deshalb hier sowohl auf einen im Lehrplan für jeden Studierenden (!) als Pflichtfach verankerten Grundkurs zur Neuen Musik als auch auf jene Initiative, die als „Brücken“-Festival für Neue Musik in Mecklenburg-Vorpommern nun schon seit Jahren an dieser Einrichtung etabliert ist.
Im Herbst 2004 hatte Kompositionsprofessor Manfred Wolf den nicht risikolosen Start gewagt und mit Nicolaus A. Huber eine erste bedeutende Persönlichkeit „in residence“ für eine insgesamt sechstägige und sehr abwechslungsreiche Programmfolge gewinnen können. Im Mai 2006 konnte ein zweiter Jahrgang mit Mauricio Kagel, Sven David Sandström und der erprobten Folge von Vortrag, Diskussion, öffentlicher Probe, Schulbesuch und Konzert folgen. Im Herbst 2007, konkret vom 18. bis 25. November, ging es nun zum dritten Mal um die weiterhin brüchige Verbindung zwischen Neuer Musik, den Interpreten und dem Hörer, um Verständnis für eine Musik, die noch immer um ihren eigenen Platz im Musikleben und im Musikverständnis der Hörer ringen muss. Der „composer in residence“ hieß diesmal Helmut Lachenmann – ein Glücksfall für den Künstlerischen Leiter Manfred Wolf und den als Veranstalter fungierenden Verein für Neue Musik Mecklenburg-Vorpommern (Vorsitz: Birger Petersen), der sich wieder der Zusammenarbeit mit dem Landesverband Mecklenburg-Vorpommern des Deutschen Komponistenverbandes und der HMT zu versichern wusste. Kompetenz also auf allen Seiten.
Und Lachenmann, schon lange zu den originären Anregern und entscheidenden Bedeutungsträgern der Neuen Musik gehörend, ließ sich gern weidlich „ausnutzen“. So arbeitete er mit Studierenden an seinen eigenen Werken, unter anderem mit dem Hochschulorchester am wahrlich anspruchsvollen Stück „schreiben“ für Orchester und unterrichtete nicht weniger als 46 Studierende; die Mitglieder der Meisterklasse Professor Wolfs eingeschlossen. Von einigem Gewicht auch sein sehr persönlich gehaltener Vortrag „Gedanken zum Komponieren“, ein Plädoyer für „Musik als befreite Wahrnehmungskunst“. Er war übrigens Bestandteil des zeitgleichen III. Symposions Musiktheorie der Hochschule, das sich mit insgesamt sieben Vorträgen der Satztechnik und Ästhetik des Lachenmann’schen kompositorischen Werkes widmete.
Der Hauptakzent dieser Woche aber lag natürlich auf der klingenden Musik selbst. Dabei begann der Konzertreigen geradezu mit einer Lehrstunde für das, was Neue Musik eben auch kann: selbst mit ausgefallensten Mitteln zu beeindrucken und zu überzeugen; Geist und Hand eines wirklichen Meisters wie Lachenmann allerdings vorausgesetzt. Und der hatte im Eröffnungskonzert mit seinen bislang drei Streichquartetten – Gran Torso (1971/72), Reigen seliger Geister (1989), Grido (2001) – atemloses Zuhören wie heftigsten Beifall gleichermaßen provoziert. Sorgte hier das hochspezialisierte „stadler quartett“ aus Salzburg für den einhelligen Erfolg, so waren es im weiteren Studierende der HMT selbst, die mit bemerkenswerter und von Lachenmann als „erstaunlich“ charakterisierter interpretatorischer Souveranität beeindruckten. Das betraf etwa den Klavierabend mit den „Schubert-Variationen“ (1956), den „Sieben kleinen Stücken“ (1980), der „Wiegenmusik“ (1963) und der „Serynade“ (1998/2000), aber auch Kammermusik wie die „Pression für einen Cellisten“ (1970) oder „Dal Niente (Interieur III) für einen Solo-Klarinettisten“ (1970). Und es galt im Besonderen für das vom Hochschulorchester höchst engagiert, erstaunlich kompetent und unter Lachenmanns wohlwollend-kritischer Begleitung akribisch erarbeitete „schreiben“ für Orchester (2002/03, rev. 2004). Dankbar vom begeisterten Publikum angenommen: die zweimalige Aufführung innerhalb des Konzertes.
Das Festival lebte aber nicht zuletzt auch von einer bewusst sehr differenziert angelegten Vielfalt weiterer kompositorischer wie interpretatorischer Handschriften. Vorzügliches gab es etwa im Gastspiel des „Kroumata“-Schlagzeuensembles aus Stockholm (Mellnäs, Chini, Xenakis), dem heimischen Ensemble „mv-connect“ (mit zehn Werken von Komponisten aus Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt), dem Berliner „Boreas“-Blechbläserquintett (Werke von Wallmann, Iranyi, Willers, Zerbe, Lopez, Wolf und Sade) und einem weiteren „hauseigenen“ Konzert in der Kopplung mit neuer sorbischer (!) Musik aus Sachsen. Das Angebot war insgesamt groß und vielfältig, die Qualität der Darbietungen vorzüglich, das Echo beim Publikum äußerst erfreulich. Das lässt hoffen! Ein nächstes „Brücken“-Festival wird es vom 16. bis 23. November 2008 geben, dann mit den Gastkomponisten Martin Smolka (Tschechien) und Berislav Sipus (Kroatien).