Musik ist ohne „und“ samt allem, was sich an diese harmlose Konjunktion dranhängen lässt, immer seltener zu haben: Immer mehr Festivals, Konzertreihen, Tagungen und Zeitschriften geht es um: Musik und Philosophie, Musik und Politik, Musik und Gesellschaft, Musik und Technik, Musik und Natur, Musik und Architektur, Medien, Malerei, Film, Video, Licht, Text, Tanz, Tod, Glaube, Liebe, Hoffnung, Gott und die Welt … Zweifellos kann und sollte Musik kontextualisiert werden, zumal Neue.
Dank ihrer semantischen Unbestimmtheit und Vieldeutigkeit lässt sie sich an andere Disziplinen, Künste, Diskurse, Erfahrungen, Arbeits- und Lebensbereiche anschließen. Und freilich wurde und wird auf diesem Weg auch erreicht, dass Musik und ihr Gegenüber sich im Idealfall wechselseitig kommentieren und in ihrer Eigenart erhellen. Gute Gründe für interdisziplinäre Themenstellungen und Fragen liefert auch der im Laufe von einhundert Jahren immer weiter entgrenzte Material- und Musikbegriff sowie das weitgehend enthierarchisierte Kulturverständnis, das heute kaum mehr zwischen Hoch- und Subkultur unterscheidet. Denn, wo Musik spätestens seit Cage alles sein kann und benutzen darf, da ist sie eben auch mit allem verbunden oder überhaupt deckungsgleich. Warum also tiefstapeln? Die 29. Ausgabe des Festivals Wien Modern steht vom 30. Oktober bis zum 30. November unter dem Motto „Die letzten Fragen“. Die hier (ur-)aufgeführten Werke sollen die existentiellen Kardinalfragen behandeln – und vielleicht sogar Antworten geben: „Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Und wo zum Teufel sind wir hier überhaupt?“
Derlei Ein- und Anbindungsversuche von „Musik und …“ sind jedoch auch problematisch. Denn, wo es den Hauptsatz „Musik“ nur noch als Konjunktionalsatz „Und“ gibt, geht es möglicherweise immer weniger um Musik. Besonders brisant ist, dass Komponisten, Interpreten, Veranstalter und Musikjournalisten der Eigengesetzlichkeit von Musik immer weniger vertrauen und Relevanz zumessen. Statt zu versuchen, Musik als Kunstform und Medium zumeist auditiver ästhetischer Erfahrung eigenen Rechts zu verstehen oder gar – wie Adorno – als „begriffslose Erkenntnis“, wird Musik für viele ohne das um sich greifende „Und“ zum Problem, denn sie sagt nichts, will nichts, bedeutet nichts, folglich ist sie und gilt sie auch nichts. Was sich seit einiger Zeit schleichend vollzieht und gegenwärtig häufiger offenbart, lässt sich beschreiben als der Prozess einer inhaltistischen Reduktion und zweckrationalen Refunktionalisierung von Musik oder voraufklärerisch gesagt: als Eingang der Musik in ihre selbst- und fremdverschuldete Unselbständigkeit. Ästhetischer Freigang war gestern. Heute bewegt sich Musik immer häufiger am Gängelband des „Und“, das sie mit Welt und Wirklichkeit verbinden soll, im Endeffekt jedoch vor allem eines bewirkt: Ein Ab- und Umlenken von der durch Musik bereiteten Hörerfahrung, hin zu all dem anderen, eben dem „Und“, zum je nach Belang austauschbaren dies und das, und, und, und … Musik wird entweder systematisch mit Bedeutung überfrachtet und überfordert, oder kurzerhand für wertlos erachtet und entsorgt. Entweder kann sie uns und die Welt retten oder weg damit! Bevor es so weit kommt, wäre jedoch erst einmal die Musik vor solchen Polarisierungen zu retten.
Weitere Uraufführungen
04.11.: Detlev Glanert, Requiem für Hieronymus Bosch, Festival Novemer Music Hertogenbosch
04.–06.11.: OndÅ™ej Adámek, Günter Steinke, Cathy van Eck, Dirk Reith, neue Werke, Festival NOW! in Essen
05.11.: Günter Steinke, Parole für Holz und Blech, WDR-Funkhaus Köln
07./17.11.: Rudolf Kelterborn, Zehn Duos für Bariton und Klavier, Gare du Nord Basel, und Quartett für acht Blasinstrumente, Conservatoire Genf
10.11.: Evan Gardner, Gunfighter Nation, Opera Lab Berlin beim Festival Klangwerkstatt Berlin
14.11.: Natalia Solomonoff, neues Werk für Ensemble Aventure, Elisabeth Schneider Stiftung Freiburg
18.11.: Isabel Mundry, Zu Fall für Orchester, Tage für neue Musik Zürich
19.–21.11.: Festival Comprovise 2, Brick 5, Wien
26.11.: Ulrich Schultheiss, Violinkonzert, Petrikirche Münster
27.11.: Michael Pelzel, Mysterious Anjuna Bell, WDR-Funkhaus Köln