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Das Pathos archaischer Mittel: Maike Raschke, Michael Leibundgut, Csilla Csövári und Alexander Mayr (v.l.) in der Kölner LICHT-Uraufführung . Foto: K. Lefebvre
Das Pathos archaischer Mittel: Maike Raschke, Michael Leibundgut, Csilla Csövári und Alexander Mayr (v.l.) in der Kölner LICHT-Uraufführung . Foto: K. Lefebvre
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Musikus und Himmelsmama

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Stockhausens SONNTAG aus LICHT als szenische Uraufführung in Köln
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Karlheinz Stockhausens SONNTAG aus LICHT wurde von der Kölner Oper in Zusammenarbeit mit dem Ensemble musikFabrik uraufgeführt. In der Regie der spanischen Theatertruppe „La Fura dels Baus“ war der letzte Teil aus Karlheinz Stockhausens hypertrophem Opernzyklus über die sieben Tage der Woche erstmals szenisch zu erleben.

Allein diese Disziplin. An einem Nachmittag im Jahr 1977 skizzierte Karlheinz Stockhausen den Plan für ein Werk, das er im da­rauffolgenden Vierteljahrhundert ausarbeiten würde. 2003 setzte er den Doppelstrich hinter die letzte Szene, nach beinahe 30 Stunden Musik. Von Beginn an hatte er jedes Detail des gesamten siebenteiligen Opernzyklus über die sieben Tage der Woche angelegt: in der „Superformel“ zu LICHT. Konzertant war jede einzelne dieser Szenen bereits zu hören, doch harrte der SONNTAG – wie auch noch der MITTWOCH – seiner szenischen Uraufführung.

Die Opernhäuser von Mailand und Leipzig haben sich zwischen 1981 und 1996 mit der Uraufführung von fünf der sieben hybriden Musiktheaterwerke um Stockhausens Werk verdient gemacht. In den vergangenen 15 Jahren allerdings ist Stockhausens LICHT-Zyklus der öffentlichen Wahrnehmung etwas entrückt: Die ambivalente Haltung gegenüber Stockhausens von Religion und Esoterik, wissenschaftlichem Forschergeist und regressivem Manichäismus gleichermaßen geprägter „Superbibel“ äußerte sich in gepflegter, oft spöttischer Nichtbeachtung. Kühne Pläne zu einer Gesamtaufführung des Zyklus sind bislang immer gescheitert, nicht zuletzt am gigantischen organisatorischen Aufwand, den das raumsprengende Œuvre verlangt, bis hin zu einem in vier Helikoptern spielenden Streichquartett.

Dass sich nun Köln – eine Stadt, die sich gern mit Stockhausen schmückt – einer der sieben Opern annahm, war in gewissem Sinne die posthume Erfüllung einer Verpflichtung gegenüber dem 2007 verstorbenen Komponisten. Die Gelegenheit einer Umbauspielzeit nutzend hat die Oper Köln in einer Messehalle aus den 1920er-Jahren nun die Uraufführung des SONNTAG „gestemmt“ – unter großem finanziellen wie organisatorischem Aufwand. Die Oper besteht aus sechs, teils kammermusikalischen „Kurzopern“: Jede der Szenen fordert eine eigene Besetzung, auch einen anderen konzeptionellen räumlichen und inszenatorischen Zugang.

Mit einer Inszenierung von MICHAELS REISE UM DIE ERDE, einer Szene aus DONNERSTAG aus LICHT, hat die spanische Theatertruppe „La Fura dels Baus“ vor drei Jahren eine erste Annäherung an Stockhausens LICHT-Zyklus gewagt. Die Koproduktion von Wiener Taschenoper, KölnMusik und musikFabrik überzeugte durch eine intelligente Verschaltung von Konzert und Multimedia, Theatermaschinerie und Weltraumromantik. Diese „Visitenkarte“ der „Furas“ – Carlus Padrissa (Konzeption und Regie), Roland Olbeter (Konzeption und Bühne) und Frank Aleu (Video) – weckte höchste Erwartungen, wie die­se naiv-verspielte Sichtweise auf das große Welttheater des Kürtener Meis­ters sich in einer intensiveren Auseinandersetzung entwickeln würde.

Zwei Räume haben die „Furas“ in das Staatenhaus hineingebaut: einen kreisrunden und einen schuhschachtelförmigen mit einer gewässerten Spielfläche. Liegestühle empfangen den Zuschauer zunächst im „Planetarium“, in dessen Mitte der Arm eines Satelliten wie ein Uhrzeiger kreist und Planetenbilder projiziert. Man befindet sich mitten unter den Darstellern, zwischen Instrumentalisten, mit LED-Leuchten bewehrten Akteuren und auf „Prunkwagen“ und „Weltraumkränen“ bewegten Gesangssolisten: Anna Palimina und Hubert Mayer, Emanationen von EVA und MICHAEL, von deren mystischer Vereinigung der SONNTAG handelt. Die Anmut von Paliminas Kunst überstrahlt gar die Peinlichkeit ihres weißen Plastikweltraumanzugs und der Wasserballerbadehaube, die sie – wie alle übrigen Protagonisten – zu tragen hat. Musikalisch überwältigt LICHTER-WASSER, der erste Teil, mit einer schier­ unendlichen Melodie, die sich wellenartig durch den Raum fortzeugt und den Hörer, dessen Verstandeskräfte in der Beinahehorizontalen bereits angeschlagen sind, mit satten Obertonharmonien einlullt. Auch das Joint-Venture der ENGEL-PROZESSIONEN gelingt musikalisch erfolgreich: In sieben Sprachen preisen die Engelschöre die Schöpfung. James Wood rast als Dirigent gewordener Ben Hur mit einem Rollwägelchen durch den Raum und koordiniert die sieben autonomen Gruppen mit seinen licht­umkränzten Händen.

In DÜFTE-ZEICHEN lässt „La Fura dels Baus“ aufscheinen, warum sie mit ihren in 25 Jahren Theaterarbeit gesammelten Mitteln seit einiger Zeit auch die Opernbühnen „umkrempeln“: Sie kreieren mächtige Bilder, in denen sie auch vor dem Pathos der archaischsten Mittel nicht zurückschrecken. Feuer, Wasser, Wind, Erde. Die Elemente geraten mit einer Vielzahl von Tänzern in Bewegung, um die mys­tische Vereinigung von Eva und Michael vorzubereiten. Der Raum ist dabei erfüllt von Düften, die Stockhausen für diese Szene vorgeschrieben hat: „Hier gibt’s was zum Schnüffeln“, heißt es eingangs im typischen Stockhausentonfall, von dem man nicht weiß, ob man ihn komisch, oder nur peinlich finden soll, der Synthesizer dröhnt dazu. Die Szene gipfelt im Auftritt eines Knabensoprans aus dem Publikum, der sich im Duett mit der Altistin – die er als „Himmelsmama“ apostrophiert – als Alter Ego des Komponisten zu erkennen gibt: „Ein Musikus bin ich.“ Auf einem hydraulischen weißen Pferd reitet der Knabe auf und davon in den Himmel, in die Tiefe des Staatenhauses. In den da­rauffolgenden Szenen folgt, was schon vorangegangen war: hymnische Feier, Sonntag eben.

Man kann der Inszenierung von „La Fura dels Baus“ Vieles vorhalten, doch nicht, dass sie das Werk nicht ernst nähme: Sie ist werktreu bis in die Requisiten. Leider kommt sie dabei über ein „Micky-Mousing“ selten hinaus. Tiefpunkt ist in diesem Sinne die Szene LICHT-BILDER, eine enzyklopädische Litanei, in der Stockhausen die ganze Schöpfung aufruft. Das Gotteslob wird hier zur additiven Fleißübung, die durch die brillante Performance der auswendig spielenden Solisten letztlich auch nicht gerettet werden kann. „Die letzten Eierschalen des Serialismus“ (Gerhard R. Koch) knirschen kräftig zwischen den Zähnen. Bebildert wird das ganze von einer harmlosen 3D-Show, die zu großen Teilen der Schmuck-Werbung entstammen könnte und noch nicht einmal im Keim Rhythmus oder Musikalität enthält.

Solche Peinlichkeiten auf der Ebene des Videos finden sich auch in HOCH-ZEITEN, jener Szene für Chor und Orchester, die vom Publikum zweimal in je verschiedenen, durch Einblendungen miteinander verbundenen Sälen gehört wird. Ratlos blickt man auf die billige, computeranimierte Projektion von Instrumenten, die das musikalische Geschehen „bebildern“. Dennoch sind die HOCH-ZEITEN ein Höhepunkt des sechsstündigen Spektakels. Kurz vor Schluss und nach vielen Stunden harter Rezeptionstätigkeit erlebt man zum ersten Mal das berührende Moment einer echten Kommunikation zwischen Menschen. Instrumente umspielen einander mit der zärtlichsten denkbaren Musik. Ob als Pieta-Bild oder schlicht im „face à face“: Für einmal hat in diesem Abschnitt auch die Regie aus der Musik heraus Bilder entworfen, die über das enge Korsett der Stockhausenschen Regieanweisungen hinausgehen. Hier läge der Weg, die Szenen weiter zu denken (auch wenn der SONNTAG in dieser Hinsicht sicherlich die undankbarste der sieben Opern ist). Dass in der dichten Sitzordnung der Musiker das raummusikalische Moment der HOCH-ZEITEN nivelliert wird, ist in diesem Zusammenhang leicht zu verschmerzen. In der Chorszene der HOCH-ZEITEN, die hier vom Band zugespielt wird, bitten die „Furas“ schließlich noch zu einer Art pankulturellem Hochzeitsritual, versetzt mit Elementen des Straßentheaters; problematisch wie Stockhausens „kolonialistischer“ Zugriff: ein bisschen Konfetti, ein bisschen Karneval, die integrierte Zugabe.

Die Geste der Umarmung, mit der Karlheinz Stockhausen nicht nur nach sämtlichen Religionen und Kulturen, ja, Welten greift und diese seinem Kosmos einverleibt, bleibt in ihrer Größe faszinierend – auch nach diesem Abend. Dass Stockhausen nicht nur ein großzügiger, sondern auch ein großer Komponist war, verdeutlichen der musikalische Leiter Peter Rundel, Kathinka Pasveer am Mischpult, die Darsteller der Oper Köln und das Ensemble musikFabrik in jedem Augenblick. Ob man in nächster Zeit einen Umgang mit den dubiosen Gehalten, den ­Banalitäten und fragwürdigen Momenten dieses Monuments finden kann, bleibt ­abzuwarten. Entscheidend könnte auf diesem Weg die Frage sein, welchen ­Zugriff die Erben künftigen ­Interpreten auf das Werk erlauben. Bleiben Sie bei ihrer gralshüterischen Konsequenz, wird man vielleicht dazu übergehen, das Andenken des großen Komponisten Stockhausen zu bewahren, indem man wie in den vergangenen 15 Jahren die Aufführbarkeit des LICHT-Zyklus bestreitet. Was angesichts solcher musikalischer Interpreten, wie sie der Kölner SONNTAG versammelt, ­zunehmend unglaubwürdig erscheint.

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