Hauptrubrik
Banner Full-Size

Nehmt alles in allem: Es war eine große Zeit

Untertitel
Die Konzerte der Salzburger Festspiele und die Ära Landesmann
Publikationsdatum
Body

Notwendiger Nachtrag: Die Salzburger Festspiele mit mehr als 200 Veranstaltungen in fünf Wochen lassen sich nicht in einem Aufsatz erfassen. Über die Operninszenierungen und das „Zeitfluss“-Festival berichteten wir in der vorigen Ausgabe der neuen musikzeitung. Im Folgenden soll auch das Konzertprogramm in einem gedrängten Überblick dargestellt werden. Wie seit neun Festspieljahren wurde es auch 2001 wieder von Hans Landesmann gestaltet.

Notwendiger Nachtrag: Die Salzburger Festspiele mit mehr als 200 Veranstaltungen in fünf Wochen lassen sich nicht in einem Aufsatz erfassen. Über die Operninszenierungen und das „Zeitfluss“-Festival berichteten wir in der vorigen Ausgabe der neuen musikzeitung. Im Folgenden soll auch das Konzertprogramm in einem gedrängten Überblick dargestellt werden. Wie seit neun Festspieljahren wurde es auch 2001 wieder von Hans Landesmann gestaltet.Das wichtigste Merkmal der Salzburger Konzertdramaturgie in der Ära Mortier/Landesmann war die umfassende, gleichrangige Einbeziehung der Musik unserer Zeit in die Konzertprogramme. Hans Landesmann, allein zuständig für die Konzertplanung, war und ist der Auffassung, dass zur Musik auch und unabdingbar ihre Geschichtlichkeit gehört. Man darf das Kontinuum aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nicht unterbrechen, wenn man es nicht zerstören will. Das haben inzwischen auch andere erkannt: Die Musealisierung des Konzertbetriebs, die fast zwangsläufig in dessen Absterben führt, ist nur dadurch aufzuhalten und ins Gegenteil zu verkehren, wenn es gelingt, die Musik der Zeit im Bewusstsein der Menschen präsent zu halten. Wenn eine bisher eher traditionelle Institution, wie es die Salzburger Festspiele sind, sich so entschlossen zur Gegenwart und deren schöpferischen Künstlern bekennt, dann wächst daraus zwangsläufig so etwas wie eine Signalwirkung: Zur Nachahmung empfohlen.

Wer sich noch einmal die Salzburger Konzertjahre unter Hans Landesmann in Erinnerung rufen möchte, dem sei die im Zsolnay-Verlag erschienene zweibändige Dokumentation der Festspiele unter Mortier und Landesmann empfohlen. Der erste Band enthält Oper und Schauspiel, im zweiten werden in einer Reihe von Aufsätzen die Schwerpunkte und Ziele der Salzburger Konzertdramaturgie unter Landesmann beschrieben. Die Autoren heißen Pierre Boulez, Wolfgang Rihm, Friedrich Cerha, Maurizio Pollini, dazu bekannte Kritiker wie Peter Hagmann von der Neuen Zürcher Zeitung sowie der Orchestervorstand der Wiener Philharmoniker, Clemens Hellsberg.

Bleiben wir bei den „Wienern“: In den ersten Mortier-Jahren war in der Oper das Verhältnis des Orchesters zu den Festspielen heftig gestört. Seit Hellsberg hat sich das Klima merklich verbessert. Die Wiener Philharmoniker nehmen wieder ihre unangefochtene Spitzenposition bei den Festspielen ein. Sie engagieren sich inzwischen auch ehrgeiziger in ihren Programmen: Im letzten Jahr studierten sie sogar Messiaens monströse „Turangalila“-Sinfonie ein. Wichtig wurde für sie besonders die Begegnung mit Pierre Boulez, der ihnen seine speziellen Werke nahe brachte, der aber auch dankbar das Angebot annahm, mit den „Wienern“ einmal Bruckner einzustudieren. Nach der „Achten“ war in diesem Jahr die „Neunte“ an der Reihe: Wie klingt Bruckner unter Boulez? Nun, sie klingt im wahrsten Sinne des Wortes, und zwar wunderbar durchsichtig, klar, durchgehört, weiträumig disponiert und formal genau strukturiert.

Noch einmal die „Wiener“, und zwar gleich dreimal: Unter Simon Rattle spielte Alfred Brendel alle fünf Beethoven’schen Klavierkonzerte (siehe unser Bild auf Seite 1). An Natürlichkeit des Musizierens, an energischem Nachdruck und zarter lyrischer Empfindung, an heller Klangbewusstheit und spannungsvoller Beredtheit zwischen Solist und Orchester waren die Aufführungen schwer zu überbieten: Beethoven klassisch und modern zugleich. Dazwischen erklangen Schönbergs „Fünf Orchesterstücke“ op. 16 und die „Variationen für Orchester“ op. 31. Rattles Präzisionsstreben und der „Wiener Klang“ ergaben so etwas wie einen authentischen Schönberg: Klarste Strukturen mit Schönklang, wirklich sinnliche Musik.
Schönberg und Beethoven konfrontierte auch Roger Norrington mit seiner Camerata Salzburg in drei Programmen. Der Bariton Thomas Hampson absolvierte in vier Konzerten einen spannenden Exkurs in das amerikanische Lied: instruktiv und oft überraschend Qualitätsvolles war zu vernehmen. Auf jeweils ein Konzert verkürzt erschienen auch die bekannten Reihen der „Next Generation“ und des „Progettto Pollini“ im Programm. Von Hans Zender erklang „Das Hohe Lied Salomons“ unter Sylvain Cambreling, die Berliner Philharmoniker präsentierten sich unter einem nach schwerer Erkrankung erstaunlich revitalisierten Claudio Abbado mit einer grandiosen Darstellung von Mahlers siebter Sinfonie. Mozart wird bei allem Ehrgeiz nicht vergessen, im Gegenteil: Die Matineen des Mozarteum-Orchesters zeichnen sich seit Jahren durch eine überragende Qualität aus, die der umsichtigen Arbeit des Chefdirigenten Hubert Soudant zu verdanken ist. Das Mozarteum-Orchester feiert in diesem Jahr sein 160-jähriges Bestehen. Darüber soll in der nächsten Ausgabe berichtet werden, ebenso über die verdienstvolle Arbeit des Internationalen Orchesterinstituts Attergau, wo junge Musiker unter der Patronanz der Wiener Philharmoniker ins Orchesterspiel eingeübt werden, diesmal unter der Anleitung von Valerie Gergiev. Auch dieser jugendliche Enthusiasmus wirkt auf die Salzburger Festspiele verjüngend, ebenso wie der finale Auftritt des Gustav-Mahler-Jugendorchesters unter Franz Welser-Möst mit Mahlers großartig realisierter achter Sinfonie. Hans Landesmann hatte sich dieses Finale zum Abschied von Salzburg gewünscht.

Weiterlesen mit nmz+

Sie haben bereits ein Online Abo? Hier einloggen.

 

Testen Sie das Digital Abo drei Monate lang für nur € 4,50

oder upgraden Sie Ihr bestehendes Print-Abo für nur € 10,00.

Ihr Account wird sofort freigeschaltet!