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Melissa Droste, Siegfried Berg. Foto: Klaus Lefebvre
Melissa Droste, Siegfried Berg. Foto: Klaus Lefebvre
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Offene Lesart – Benjamin Brittens „The Turn of the Screw“ in Hagen

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Das Theater Hagen punktet seit vielen Jahren mit einem ambitionierten Opernspielplan: auf der einen Seite das „klassische“ Repertoire, das vom „klassischen“ Opernpublikum gern goutiert wird, auf der anderen Seite Raritäten und Uraufführungen, die den lobenswerten Mut der Theatermacher belegt, neue Wege zu gehen jenseits ausgetretener Pfade. So auch jetzt zum Ende der Spielzeit, die ja gar keine war.

Da folgte auf Donizettis „L‘elisir d‘amore“ als erster Premiere des Jahres auf der realen Bühne und mit echtem Publikum nun Benjamin Brittens „The Turn of the Screw“. Ein absolutes Kontrastprogramm. Eine (imaginäre?) Geistergeschichte? Oder ein handfester Krimi, an dessen Ende es zwei Tote zu beklagen gibt? Man weiß es nicht so genau. Britten nicht, das Publikum bei der Premiere dieser Inszenierung auch nicht. Denn Regisseur Jochen Biganzoli lässt im Theater Hagen eine klare Deutung, die Entscheidung für eine der beiden Lesarten, offen.

Eine namenlose Gouvernante nimmt eine Stellung in dem abgelegenen Landgut Bly an, um dort mit den beiden Waisenkindern Flora und Miles zu machen, was uns seit gut einem Jahr als „Homeschooling“ bestens bekannt ist. Beauftragt vom Onkel der Kinder, der als Vormund weder Zeit noch Lust dazu zu haben scheint, sich selbst zu kümmern.

Die Gouvernante schleppt ihren Reisekoffer in eine finstre, ja unheimliche Lebenswelt, in der außer den Kindern nur noch die alte Haushälterin Mrs. Grose lebt. Die Bühne (Wolf Gutjahr) ist nichts als eine einzige schwarze Fläche, hin und wieder bestückt mit einer Handvoll Requisiten. Auch die Kostüme (Katharina Weissenborn) sind schwarz. Im Kontrast dazu zehn Leuchtstoffröhren mit gleißend hellem, kaltem Licht, die waagerecht vom Schnürboden hängen und ihre Position von ganz unten auf dem Bühnenboden bis ganz nach oben in den Himmel verändern. So entstehen im Laufe der sechzehn Opernszenen immer wieder unterschiedliche Räume: von klaustrophobisch eng bis geräumig und weit. Auf dieser fast spartanischen Spielfläche konzentriert sich alles auf nichts anderes als die Figuren. Und sie unterstreicht das Gruselige, wenn die Geister der beiden längst zu Tode gekommenen ehemaligen Bediensteten Quint und Miss Jessel erscheinen. Üben sie über ihren Tod hinaus noch immer einen Einfluss auf das junge Geschwisterpaar aus? Konterkarieren sie alle Bemühungen der Gouvernante, die ganz auf sich allein gestellt und damit offenbar überfordert ist? Es stellen sich Fragen, ob hier Fälle von Kindesmissbrauch vorliegen, die man vertuschen will und ob die Kinder unter psychischen Schäden leiden.

Letzteres deutet Jochen Biganzoli an, wenn die Kinder mit Kreide Bilder auf den Boden kritzeln. So beginnt oft der Prozess der Verarbeitung erfahrenen Leids (das Publikum erlebt das Malen via Live-Projektion auf der Rückwand der Bühne). Aber was wirklich im Hause Bly geschehen ist, wer weiß?

Biganzolis Interpretation bringt im Verein mit Gutjahrs Bühne unablässig bezwingende, Assoziationen weckende Bilder auf die Bühne. Auch Joseph Trafton, seit 2017 Generalmusikdirektor des Philharmonischen Orchesters Hagen, lässt sich von ihnen inspirieren und schafft Klänge, die zwischen Zerbrechlichkeit und gewaltiger Dramatik alle Zwischentöne packend aufleuchten lassen.

Gesungen wird großartig: Angela Davis als Gouvernante, Maria Markina als Haushälterin Mrs. Grose, Anton Kuzenok als puppenhaft sich bewegender Quinn, Penny Sofroniadou als Geist der toten Miss Jessel – und vor allem die Darsteller der beiden Kinder Melissa Droste und Siegfried Berg, die sowohl sängerisch als auch darstellerisch jeden Anspruch an Professionalität einlösen. Am Ende sind beide tot: Flora steigt in einen Sarg, Miles malt sich ein weißes Kreuz auf sein Hemd. Das Ende einer rätselhaften Geschichte, deren Vielschichtigkeit, mit der Biganzoli sie erzählt, sich wohl erst erschließt, wenn man seine Inszenierung mehr als einmal erlebt hat.

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