Die Intendantenzeit Klaus Zeheleins an der Stuttgarter Oper nähert sich ihrem Ende. Dann wird man das oft falsch benutzte Wort „Ära“ ausnahmsweise einmal mit vollem Recht verwenden können. Eine der großen Taten der „Ära Zehelein“ war die Gründung des „Forum Neues Musiktheater“. Das Forum gehört zwar zur Staatsoper Stuttgart, besitzt jedoch einen absolut freien, vom Opernbetrieb nicht behelligten Status. Für das Forum wurde ein eigenes Theater geschaffen, ein verwandelbarer Raum in einem langgestreckten modernen Gebäude, das auf dem Gelände des einstigen Römerkastells steht.
Der Komponist Salvatore Sciarrino, einer der wichtigsten Musiktheatererfinder der Gegenwart, geriet beim Anblick des Forum-Komplexes ins Schwärmen: „Wo gibt es heute noch Orte wie diesen auf der Welt? Das ist eine Utopie von Theater, die habe ich hier zum ersten Mal gefunden.“ In der Tat: Im „Forum Neues Musiktheater“ werden nicht nur neue Werke vorgestellt, die Vorbereitungszeit, der Gedankenaustausch zwischen Komponisten, Theatermachern, Musikern, Dirigenten, auch mit dem Publikum, gehören ebenso zur Aufführung. Das Forum gleicht einem Laboratorium, in dem entsprechend viele Versuchsreihen angesetzt und durchdekliniert werden, bis schließlich ein Werk aufführungsreif erscheint.
Zwei Produktionen der letzten Zeit demonstrierten besonders eindringlich die Richtigkeit des Forum-Konzepts: der 1966 in Weimar geborene Hans Tutschku schrieb ein Musiktheater nach Gedichten und Briefen Georg Trakls, dem er als Titel eine Zeile aus dem Gedicht „Abendlied“ gab: „Die Süße unserer traurigen Kindheit“. In enger Zusammenarbeit mit der Regisseurin Françoise Rivalland versucht Tutschku Trakls Texte mit musikalischen, szenischen und bildnerischen Ausdrucksmitteln in einen eigenen, neuen Zusammenhang zu brin- gen. Fünf Instrumentalisten (das Ensemble ascolta), zwei Sängerinnen, ein Tänzer sowie Videoprojektionen und Naturmaterialien, die oft in Trakls Texten erwähnt werden, erzeugen sozusagen einen authentischen „Raum“, in dem alle Ausdruckselemente zu einem suggestiven Musik-Bild-Theater verschmelzen, wobei das beiderseitig entlang den bepflanzten Spielstegen sitzende Publikum beinahe unmerklich zum Bestandteil der Aufführung wurde: ein verschworene Gemeinschaft im Namen und im Zeichen Georg Trakls.
Das zweite neue Musiktheater stammt von dem 1975 geborenen Hans Thomalla und beschäftigt sich mit dem „Medea“-Stoff. Thomalla, ein Schüler Hans Zenders, versucht, der thematischen Komplexität der Geschichte von Jason und Medea dadurch gerecht zu werden, dass er sie in fünf sogenannte Sequenzen aufteilt, die jeweils abgeschlossen einen Teil der Ereignisse behandeln: Der erste Teil, so Hans Thomalla, heißt „drift“ und beschreibt die Fahrt der Argonauten. Der zweite Teil „fremd“ wurde als erster fertiggestellt und in Stuttgart uraufgeführt – darauf kommen wir zurück.
Zwischen Natur und Begriff
Der kurze dritte Teil nennt sich „Flucht“, der vierte spielt in Korinth mit Medeas Kindermord als katastrophischem Höhepunkt. Der fünfte Teil gilt als Epilog und ist einem a-cappella-Chor vorbehalten, der die Ereignisse kommentiert und reflektiert.
Interessant ist an dieser Arbeitsweise, dass der Komponist bisher nur den Stuttgarter Auftrag für „fremd“ ausgeführt hat, für die Komposition der anderen Teile wartet er auf weitere Aufträge, einzeln oder für den ganzen Rest. Man muss auch als Künstler mit den Kräften sparsam umgehen.
Hans Thomalla hat sich zu seinen Absichten mit „fremd“ ausführlich selbst geäußert. Er sieht in dem Argonautenmythos unter der Oberfläche des militärischen Konflikts zwischen Griechen und Kolchern, gleichsam auf zweiter Ebene, den Konflikt zwischen Natur und Begriff: „Die Verdinglichung des Anderen, der Natur in uns und außer uns, nimmt ihren Anfang in der Landung der Argonauten in Kolchis, dem fremden, unbezwungenen Land. Die Begegnung zweier Welten spitzt sich zu in der Begegnung Jasons und Medeas. Die Königstochter mit magischen Kräften, den Elementen verbunden, ungezähmt, Barbarin in griechischer Perspektive, und der heimatlose Zweckrationalist Jason sind voneinander angezogen. Die verschiedenen Welten bleiben nicht getrennt, sondern sie berühren einander – die Tragödie, die folgt, ist bekannt“. Das Beeindruckendste an „fremd“ ist, dass es Thomalla gelingt, das Prozesshafte in der „Begegnung zweier Welten“ in Musik zu fassen, in Klänge, Geräusche, Gesang. Um die „Natur“ in Kolchis musikalisch zu beschreiben, reiste der Komponist an die Mündung des Phasis im heutigen Georgien, hielt die Geräusche dort – Vogelstimmen, Klopfen, Motorenlärm, Hupen in der Ferne – auf Tonband fest, um sie dann mittels der Instrumente allmählich zu einer eigenen „Klanglandschaft“ zu entwickeln, in der die „Natur“ der Tonerzeugung die Führung übernimmt.
Die Instrumente reflektieren gleich-sam sich selbst. Es ist faszinierend zu hören, mit welcher Raffinesse Thomalla dem kleinen Instrumentarium mit Trompete, Tenor-Posaune, Violoncello, Klavier, Gitarre und reich bestücktem Schlagzeug diese „Klanglandschaft“ förmlich ablauscht, um sie im selben Atemzug überhaupt erst zu erstellen. Das Ensemble ascolta realisiert das mit höchster Klangsensibilität perfekt. Man muss bei Thomallas „fremd“ die Erinnerung an jedwede Form von Oper vergessen. Die Musik begleitet, stützt, akzentuiert nicht eine Handlung mit Personen, sie genügt sich als Handlungsträger selbst. Das umgreift zugleich den Gesang. Wenn Medea in den Raum der Bühne eintritt (siehe unser Foto, wo sich Medea in eine Seitenkammer zurückgezogen hat, während die Argonauten den ihnen „fremden“ Raum erkunden), erkundet Medea ihre eigenen Stimmphänomene in Korrespondenz zu den sie umgebenden Naturklängen: Sie schnalzt mit der Zunge, stößt Luftgeräusche aus, produziert Vokalglissandi, Triller – die Stimme agiert autonom als Naturvorgang, dessen Schwingungen über den Körper sich schließlich in den Raum erstrecken, diesen als Stimm-Klangraum definierend. Die Sopranistin Sarah Maria Sun (siehe auch das Bild auf der Titelseite) bewältigt die vokalen Drahtseilakte mit atemberaubender Perfektion. Mit dem Erscheinen der Argonauten verändern sich die festen vokalen Kontraste. Die Argonauten unter Jasons Führung verlieren ihre musikalisch-sprachlichen Traditionen. Zitate aus Cherubinis „Medea“-Oper und Textpartikel aus Grillparzers „Das goldene Vlies“ werden förmlich zerstäubt. Lautsprecher verzerren den Stimmklang bis zum unartikulierten Schrei.
Duell der Gesangsstile
In diese sozusagen offene Form des Gesangs dringt Medeas Gesang ein, der sich wiederum in Form und Technik auf tradierte Ausdrucksgestalten zubewegt, sich verändert. In der Durchdringung der Ebenen lösen sich die Figuren, ihre Identitäten auf. Jason fühlt sich selbst zum „Gegenstand“ geworden. Der Kampf Jasons und Medeas wird quasi als ein Duell ihrer Gesangsstile und -techniken ausgetragen. Am Ende münden Singen, Instrumentalgestalten und elektronische Akzentuierungen in eine feste Klangordnung. Die Musik signalisiert: Medea wird den Argonauten unter Jason nach Griechenland folgen.
Die szenisch-musikalische Realisation von „fremd“ wurde dem ästhetischen Anspruch des komplexen Werkes absolut gerecht. Das Thema „fremd“ ist brandaktuell. Die Stuttgarter Oper reagierte darauf auch mit ihrer neuen Inszenierung von Puccinis „Madame Butterfly“. Das nennt man intelligente, reaktionsschnelle Dramaturgie, die nicht plan aktualisiert, sondern tiefere, oft verdeckte Schichten in den Werken öffnet. Bei „fremd“ treten die Argonauten als alltags-kunterbunt gekleidete Spieltruppe auf – man denkt unwillkürlich an Shakespeares „Sommernachtstraum“-Handwerker. Auf einer Seitenbühne packen sie aus Koffern ihre Kostüme aus, als wichtigstes Requisit einen Schutzhelm, wie ihn Rennfahrer oder Footballer benutzen. Edler eingekleidet ist nur Jason. Das Entree der Fremdlinge in Medeas „Raum“, wo diese die Stoffwände mit präparierten Schmetterlingen (Natur) ornamentiert hat, ist herrlich komödiantisch inszeniert: Hans-Werner Kroesinger, der dann auch die Begegnungen Jason–Medea mit großer Innenspannung auffüllt. Neben der schon genannten Sarah Maria Sun gelingt Stephan Storck mit dem Argonautenführer eine psychologisch präzis gezeichnete Studie.