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Computergesteuerte Erweiterungen des Klaviers wie die des Berliner Komponisten Roland Pfrengle („Im Ganzen – Spektren für Klavier und Live-Elektronik“) sorgten auf dem 4. Internationalen Heilbronner Pianoforum für große Aufmerksamkeit. Roland Pfrengle ließ das Ausschwingen der Klaviersaite mit verschiedenen Filtern rund einhundertmal pro Sekunde abtasten. Aus diesen Spektralinformationen hatte ein Computer Steuerdaten zu gewinnen, um selbstgenerierte Klänge ebenso wie Modulationen des Live-Klavierklangs zu beeinflussen, zu starten und zu stoppen. Die avancierte Technik imaginierte im Medium des Kunst-Scheins die Rückgewinnung der Naturbasis. Seltene Hörerfahrung. Gefordert war hier aber vor allem der Pianist Jeffrey Burns, der in jedem Moment die artifizielle Poetik dieses Werks gegen den unfreiwilligen romantischen Rückfall zu verteidigen, zu behaupten hatte.
Das in Heilbronn uraufgeführteWerk Pfrengles sowie das seinnes Berliner Komponistenkollegen Stefan Tiedje (Enlightened Clavier für Klavier und Computer) gehörten auf dem Festival indessen nicht zu den dezidierten Programmschwerpunkten. Der künstlerische Leiter des Pianoforums, der Komponist Helmut Flammer, der zu seinem 50. Geburtstag in Heilbronn mit einer Partituren-Ausstellung geehrt wurde, hatte im dicht gewebten Programm aus 16 Konzerten und 4 Fachvorträgen andere Wegzeichen abgesteckt.
Gleich die ersten beiden Konzerte, Klavierwerke israelischer Komponisten, markierten seinen erklärten Programmschwerpunkt. Komponistenpersönlichkeiten wie der 1915 geborene Abel Ehrlich und der zur zweiten Generation zählende, 1942 geborene Menachem Zur, waren persönlich zugegen, als die Berliner Pianistin Elzbieta Stemlicht jüngere Werke dieser beiden und anderer Israelis zur Aufführung brachte, indessen geriet die dreistündige Israel Retrospektive – eine übergroße Kraftanstrengung für die Interpretin – insgesamt eher zu einem Rück- als einem Ausblick.
Problematisch erschien allerdings auch das Verfahren, individuelle Ästhetiken unter Israel I und Israel II zu rubrizieren und solcherart unterschiedliche Sprechweisen wie Perlen an einer Schnur aufzureihen. Selbst wenn die Chimäre eines „Nationalklangs“ von einzelnen Komponisten noch immer gesucht werden würde, bliebe die Frage, ob es angemessen ist, dieser Idee eines nun bald vorvergangenen Jahrhunderts konzeptionell nachzugeben.
Und dennoch erbrachte der von Helmut Flammer gewählte, sicherlich als Geste zu verstehende Themenschwerpunkt – wenn auch nicht unter dem irreführenden Titel „jüdische Musik“ – einen überraschenden Festival-Höhepunkt.
Der Pianist und Multimediaspezialist Jeffrey Burns hatte nämlich in sein Programm nicht nur Computerkompositionen, sondern auch die ersten drei Klavieressays des nunmehr 89-jährigen deutsch-israelischen Komponisten Josef Tal integriert.
Tiefen Eindruck hinterließ in Heilbronn die Nachdenklichkeit und Ernsthaftigkeit, mit denen Tal in diesem halbstündigen Werk seine Fragen aufwarf. Erschütternd die Rigorosität, mit der er seine nicht selten janusköpfigen Antworten formulierte. Geprägt von tiefem Misstrauen gegen eine ubiquitäre Soundscape-Mentalität, in der die Klänge gewissermaßen „von der Leine gelassen werden“, beharrt Josef Tal, ein Pionier der elektronischen Musik, auf der Kompetenz, auf der Steuerungshoheit des Komponisten auch für diesen Parameter.
Insofern wahrt seine Musik Distanz zu solchen Neoromantizismen und Neoimpressionismen, die nicht selten im Fluchtpunkt des sogenannten „Mittelmeerstils“ liegen, dem sich viele israelische Komponisten verpflichtet fühl(t)en.
Ein anderer von Flammer gewählter Themenschwerpunkt betraf die russische Musik. Besondere Aufmerksamkeit, weil vorgestellt im einzigen Porträtkonzert des Festivals, galt dem 1932 geborenen Sergej Slonimski. Der hierzulande nahezu unbekannte Pianist und Komponist, seit 1959 Dozent für Musiktheorie am Leningrader Konservatorium, beeindruckte und irritierte mit seinen Bach-, Schumann- und Brahmsdenkmälern.
Sämtliche dieser zwischen 1970 und 1995 entstandenen Werke (24 Präludien und Fugen, Intermezzo in memoriam Johannes Brahms, Fantasie über Themen aus Schumanns Genoveva und andere) gerieten zu Stilkopien, wenn auch zu solchen in vollendeter Meisterschaft.
In Heilbronn wurden sie gehört als Indizien eines stolzen Traditionsbesitzes, zugleich einer Unsicherheit, die sich ratlos rückwärts wendet, nach hinten absichern will. Je profunder Slonimski seine pianistisch-kompositorischen Fertigkeiten ausbreitete, desto konturloser verschwand er im Kernschatten seiner Heroen.
Wie am Rande des ungemein intensiven und von hohem künstlerischen Einsatz geprägten Festivals zu erfahren war, hatte die Organisation ihre größte Hürde in der deutschen Steuergesetzgebung. Wird ein ausländischer Künstler verpflichtet, führe dies bruttoverrechnet zu einem Abzug von 46 Prozent, zusammengesetzt aus 25 Prozent Vorsteuerabzug für ausländische Einkünfte, 5 Prozent Solidaritätszuschlag und 18 Prozent Umsatzsteuer. Hinzu komme die unsägliche Praxis der Bundesländer, mehr und mehr nur noch sogenannte „Landeskinder“ zu fördern.
Alles in allem konstatierte Helmut Flammer einen neuen Nationalismus, nachgerade einen neuen Provinzialismus – ausgerechnet im Zeichen vorgeblich „europäischer Einigung“. Notwendig sei eine Art „konzertierte Aktion“ aller betroffenen Organisatoren, um die Internationalität dieser und anderer Festivals auch künftig sicherzustellen.