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Geht in die Sommerpause: Oper Leipzig. Foto: Website Oper Leipzig
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Poesievolles Schlachtross – Festtage mit Wagners „Ring“ an der Oper Leipzig

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Am Sonntagabend gingen die Richard-Wagner-Festtage zu ende, für die Oper Leipzig beginnt nach „Der Ring des Nibelungen“ die lautstark ersungene Sommerpause. Für die drei angekündigten Leipziger Zyklen in der nächsten Spielzeit dräut energische Konkurrenz: An der Semperoper schreitet Christian Thielemann zweimal alles andere als gemessen zum „Ring“ und der neue Chemnitzer GMD Guillermo García Calvo steht bereits freudvoll jauchzend in den Startlöchern.

Vor allem auswärtige Besucher diskutierten, vom Richard-Wagner-Verband Leipzig mit einem üppigen Rahmenprogramm verwöhnt, lebhaft die 2016 vollendete Inszenierung von Rosamund Gilmore und das fast ausschließlich mit hier bekannten Gästen erweiterte Ensemble.

Im „Rheingold“ verabschiedete sich Jürgen Kurth mit unverändert konditionsreichen Rufen des Gottes Donner. Seit 1981 glänzte der Bariton in Fachpartien von Mozart bis zur Gegenwart an der Oper Leipzig. Egal ob „Moses und Aron“, „Die Hochzeit des Figaro“ oder „Hänsel und Gretel“: Jürgen Kurth war der Mann für alles.

Der Applaus spiegelt mit Bravi, dann wieder jäh einbrechend, die Extreme dieses „Ring“-Zyklus. Unveränderte Bewunderung gebührt Thomas Mohr für seinen Siegfried in „Götterdämmerung“. Er hat Souveränität und darstellerisches Bewusstsein, zeigt eine hervorragend gestützte Gesamtleistung und vokale Instinktsicherheit bis zum listig, wie im Flug genommenen hohen C. Das war im „Rheingold“ bei seinem Loge noch nicht absehbar. Da wurde das Gipfeltreffen von ihm, „Lichtalbe Wotan“ (Tuomas Pursio) und „Schwarz-Alberich“ (Jürgen Linn) zur etwas monochromen Konferenz der „Drei Baritone“. Symptomatisch für die vier Abende: Es gibt viele spannende und verheißungsvolle Konstellationen. Letztlich aber werden diese nicht ganz in der bei intensiv beworbenen Festtagen zu erwartenden Gründlichkeit aufgefächert.

Neben magisch geratenden Stellen wie die Instrumentalsoli vor dem Blutsbrüderschwur und dem wunderbar gestaffelten Abzug der Walküren verzehrt sich das Gewandhausorchester vor allem bestens angemessen in den fahlen, apokalyptischen Weltuntergangsstimmungen. Nach Bachfest, Klassik airleben und Richard-Strauss-Wochenende wird der geschmeidige Glanz an manchen Stellen verständlicherweise etwas extrovertiert und pauschal. Immer wieder befeuert Hausherr Ulf Schirmer die Blechgruppen zu konditionstreibenden Kraftakten, zeigt sich souverän, sicher und kenntnisreich. Christiane Libors Fanfaren-Sopran kontert als „Götterdämmerung“-Brünnhilde mit vokaler Chuzpe, Thomas J. Mayer lässt sich als „Walküre“-Wotan zur Freude des Auditoriums nicht aus der sonoren Bahn schleudern. Schieres Glück macht die Sieglinde von Simone Schneider: Eine gefasste, leuchtende und intensive Stimme mit Reserven auf dem idealen Weg zum perfekt durchdrungenen dramatischen, wenn nicht gar hochdramatischen Fach. Nur an ganz wenigen, ausgewählten Momenten darf das eilfertige Tanzensemble zu großer Ballettform auftrumpfen und reißt dann wie in den goldigen, wenig sinnfälligen Rheintöchter-Szenen das Geschehen symbolträchtig an sich. Nicht ganz plausibel wirken Carl Friedrich Oberles von der Regie wenig sinnfällig genutzte Spielflächen. Das fast allgegenwärtige, immer poesiereiche Heldenross Grane (Ziv Frenkel) wirft fast noch mehr Fragen auf als die Runen auf Wotans Speer. Im Al-Fresko-Furor wird die von Gert Mattenklott an „Götterdämmerung“ apostrophierte „Ästhetik des Maßlosen“ zu Dynamit und Dauerfeuer.

Die sensiblen Kontraste dazu lassen sich gar nicht alle nennen. Wichtig neben Glanzmomenten von Irene Theorin (Brünnhilde in „Die Walküre“ und „Siegfried“), Simon O´Neill (Siegmund), John Lundgren (Wanderer) und Christian Franz (Junger Siegfried) ist zum Beispiel die Waltraute von Karin Lovelius, die mit Stimmreserven, dabei gezielt spannungstreibender Nervosität und Fahrigkeit die sonst oft als kühler Wurmfortsatz empfundene Erzählung zum Höhepunkt macht. Ihr vergleichbar läuft der als Fasolt, Hunding und „Siegfried“-Fafner vielbeschäftigte Rúni Brattaberg nach etwas aufgerautem Einstieg als Hagen zur Höchstform auf: Stimmschurkerei der Extraklasse. Kathrin Görings „Walküre“-Fricka bewegt sich auf ähnlichem Spitzenlevel und Jürgen Linn, als Einziger darf er seinen Part in den ihn betreffenden drei Teilstücken ohne Stimm- und Rollentausch durchziehen, zeigt sich als starker Sängerdarsteller mit langjähriger Erfahrung im Topformat. Tuomas Pursio hält als präpotent-neurotischer Gunther problemlos mit. In Routine und stellenweise als stimmliche Leichtgewichte wogen die Rheintöchter, Walküren und Nornen durch Wagners Klangwelten. Das sind die einzigen Momente in diesem „Ring des Nibelungen“-Zyklus, wo man bei den Mitwirkenden ein bisschen Sehnsucht nach Ferien merkt.

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