Hauptbild
Ensemble der Berliner Operngruppe. Foto: Roland H. Dippel

Ensemble der Berliner Operngruppe. Foto: Roland H. Dippel

Hauptrubrik
Banner Full-Size

Puccini-Gold! - „Le Villi“ mit der Berliner Operngruppe im Konzerthaus

Vorspann / Teaser

Puccinis erste Oper „Le Villi“ ist kurz, etwas flach und ein Beitrag zum Deutsche-Romantik.-Boom in Italien um 1880. Die Berliner Operngruppe machte alle Einwände gegen die Geisterstory um die Racheaktionen verblichener Frauen an ihren Schändern zunichte. Felix Krieger dirigierte ein hinreißendes Plädoyer für das halb gesunkene Mittelgut. Die Besetzung war schlichtweg begeisternd und fabelhaft. 

Publikationsdatum
Paragraphs
Text

Was macht man im Jubiläumsjahr zu Giacomo Puccinis 100. Todestag, wenn einem „La rondine“ zu bekannt vorkommt und man den dekadent-skurrilen „Edgard“ nach Alfred de Musset erst vor fünf Jahren präsentiert hat? Da blieb für Felix Krieger und seine jedes Jahr im Konzerthaus leidenschaftlich umjubelte Berliner Operngruppe nur noch der Griff nach Puccinis lediglich halbwegs gelungenem Opernerstling „Le Villi“. Dieser entstand auch aufgrund eines kruden Booms deutscher Romantik an italienischen Opernhäusern (unter anderem erfolgte 60 Jahre nach der Uraufführung an der Mailänder Scala die Erstaufführung von Webers „Freischütz“). 

Die Handlung von „Le Villi“ ist eine Übertragung von Adolphe Adams „Giselle“ in üppiges Opernmelos über einer von Ferdinando Fontano nach Kräften gedehnten Handlung. Innovativ ist das melodramatische Kopfkino des zweiten Teils: Ein Erzähler (hier Operngruppe-Dramaturg Christian Reichart in deutscher Sprache) erzählt von den Geistern im Schwarzwald: Bislang unbescholtene Frauen quälen in ihrer Schattenexistenz erfolgreiche Womanizer in den Erschöpfungstod und heulen dann satanisch auf. Bei Puccini klingt das eher nach Tschaikowskis „Schwanensee“, den der zukünftige italienische Starkomponist zum Zeitpunkt der beiden 1884 ausgeführten Fassungen für das Teatro dal Verme und das Teatro Regio in Turin nicht gekannt haben konnte. „Le Villi“ hat trotz der elliptischen Dramenform, welche nur aus dem Abschied des Liebespaars Anna und Roberto, dann aus der Wiederbegegnung des Untreuen und der Untoten besteht, eine umfangreiche Tonträger-Präsenz. Am Landestheater Niederbayern kam das Stück in 20 Jahren sogar in zwei Inszenierungen heraus. 

Weniger ist mehr: Mascha Pörzgen erarbeitete mit den Solisten einfach, aber wirkungsvolle Gesten. Hier geht es in erster Linie um Singen – und das Auge hört mit. Erst ein zinnoberrotes, dann ein schwarzes Kleid für die mit verlorener Jungfräulichkeit ins Geisterreich wechselnde Anna und für den trotz Charakterschwäche betörenden Roberto edles Schwarz mit Silberpunkten. Mihaj Damian ist als Guglielmo baritonale Edelstatisterie mit eindeutig zu wenig Partienstoff für seine Qualitätsliga. Hinten singt der prächtige Chor als höllische und von Puccini mit der Bizarrerie von Verdis „Macbeth“-Hexen vertonten Heerscharen, denen eine Verortung auf dem Brocken oder im Schwarzwald ziemlich egal ist (gekonnte Leitung: Steffen Schubert). Felix Krieger veredelt dieses noch stark am späten Verdi-Stil klebende Puccini-Scheingold mit kalkulierter Sinnlichkeit und das Stück gekonnt aufmöbelnder Glanz-Ökonomie. Wie vor einigen Jahren bei Mascagnis „Iris“ (auf CD überprüfbar) klingt diese Musik um ein Vielfaches besser als sie in den Noten wirkt. 

Das liegt auch an den beiden Hauptpartien, die sich im ersten Akt auf Augenhöhe ansingen, bevor Roberto vor der Teufelskraft auf die Knie geht, unten bleibt und nicht mehr auf die Beine kommt. Maria Katzarava hat bereits vor sechs Jahren als „Giovanna d'Arco“ am gleichen Ort bewiesen, dass sie extreme Partien brillant und mit warm glühender Intensität meistert. In die relativ kurze Partie der Anna legt sie an nur wenigen Stellen zu, trübt Puccinis Melodienstrom nicht durch Hinterfragen. Eine Sensation war das minimal abgewandelte und eine andere Affektwelt öffnende Farbspiel ihrer beiden Romanzenstrophen. Vincenzo Costanzo ist ein ebenbürtiger Partner, der nicht minder betörend singt. Immer auf Linie kaschiert er die negativen Seiten des in Mainz eine größere Erbschaft verlumpenden Roberto und hat seine Stärken im zweiten Akt im Widerstreit vom durch Puccini etwas undifferenziert in Melodien gefassten Konflikte von virilem Liebes- und Todestrieb. Derlei ästhetische Vorbehalte gegen das eigenwillige Opus vergaß man in den fast zu kurzweiligen 70 Minuten, mit denen Puccini bereits seine Vorliebe für knappes Timing bei größtmöglicher Melodienbreite artikuliert. Wie sollte es anders sein? Im leider zu wenig gefüllten Konzerthaus erschütterte der Applaus das Haus fast in den Grundfesten. Ein wunderbares Plädoyer für zweitklassige Opern in erstklassiger Ausführung.

Weiterlesen mit nmz+

Sie haben bereits ein Online Abo? Hier einloggen.

 

Testen Sie das Digital Abo drei Monate lang für nur € 4,50

oder upgraden Sie Ihr bestehendes Print-Abo für nur € 10,00.

Ihr Account wird sofort freigeschaltet!