Vom 10. bis 11. September fand in der Musikhalle am Johannes-Brahms-Platz das diesjährige Hamburger Musikfest statt, das letzte unter der künstlerischen Leitung von Ingo Metzmacher. Und wie bei diesem Festival inzwischen üblich, gab es auch in diesem Jahr wieder reichlich finanzielle und organisatorische Probleme. So hatte etwa der Hauptförderer, die Zeit-Stiftung, die sonst die Hälfte des Etats beisteuerte, ihr Engagement fast vollständig eingestellt. – Die Stiftung eröffnet in Kooperation mit dem NDR in diesem Jahr ihr eigenes Festival.
Ob das Musikfest überhaupt würde stattfinden können, hing somit ganz von der Zusage der Kulturbehörde ab. Die aber erfolgte erst im Februar, womit den Organisatoren nur ein halbes Jahr Vorlauf blieb; was umso schwerer wog, als Generalmusikdirektor Metzmacher fest entschlossen war, seine zu Ende gehende Amtszeit mit dem Riesenprojekt einer Hamburger Erstaufführung des „Prometeo“ zu krönen. Alle Mittel wurden also auf zwei abendliche Aufführungen von Nonos Opus summum konzentriert, während man das Rest-Musikfest auf die Nacht und den Tag zwischen den beiden Hauptevents komprimierte.
Die reizvolle Idee, ein 24-Stunden-Programm in allen Sälen der ehrwürdigen Laeisz-Halle anzubieten, wurde vom Publikum leider nicht angenommen. Nach einer verhaltenen Premiere des „Prometeo“ am Abend des 10. leerten sich die Reihen merklich. Die Verbliebenen konnten als krasses Kontrastprogramm zu Nono den angejazzten Mozart- und Bachbearbeitungen der Swingle Singers lauschen, die ihren Auftritt im Schatten des Titanen professionell absolvierten. Passend zur fortgeschrittenen Stunde waren die meditativen Kornett-Klänge von Markus Stockhausen und seiner Band, die eine gut 70-minütige Raga improvisierten.
Vom Eingehen auf das Publikum, wie es zu Stockhausens Konzept gehört, konnte allerdings kaum mehr die Rede sein, weil dieses – sofern vorhanden – müde aber glücklich vor sich hindämmerte. Die Solo-Perkussionistin Robyn Schulkowsky schließlich spielte bis vier Uhr nachts einzig zum höheren Ruhme der Kunst.
Den Hartgesottenen hatten die Organisatoren, die hier mit gutem Beispiel vorangingen, im Probensaal eine Schlafstatt eingerichtet. Trotzdem waren am 11. vormittags nur wenige vom erlebnisorientierten Hörertypus schon wieder vor Ort. Das Ensemble Resonanz, das auch in Nonos „Tragödie des Hörens“ spielte und somit die musikalische Hauptlast des Festes trug, nutzte den aufwändig installierten Prometeo-Parcours, um unter anderem Scelsis Raummusik „Elohim“ und Cages „Living room music“ zu realisieren. Als echte Entdeckungen erwiesen sich der israelische Jazz-Saxophonist Gilad Atzmon mit seinem Orient House Ensemble und der Pianist Gianluca Cascioli. Atzmon konnte mit seiner bulligen Physis, George W. Bush gewidmeten Mackie-Messer-Parodien und schreiend-grellen Saxophontönen geradezu als Verkörperung des Festivalmottos „Auflehnung“ gelten. Feinsinnig und intellektuell klang das Prometheische dagegen in Casciolis Konzert durch, der unter anderem Skrjabins „Vers la Flamme“ und Beethovens „Eroica-Variationen“ aufführte. Vor dem Musentempel sammelten sich unterdessen Polizei-Hundertschaften und Wasserwerfer – allerdings galt der Einsatz der geballten Staatsmacht nicht der „Auflehnung“ der Ästheten, sondern einer Demonstration der Bambule-Bauwagen-Bewohner.
Unstreitiger Höhepunkt des Musikfestes 2004 war dann die zweite Aufführung von Nonos „Prometeo“ durch Ingo Metzmacher als ersten und Baldur Brönnimann als zweiten Dirigenten sowie das Ensemble Resonanz, den Solistenchor Freiburg und das Team um Klangregisseur André Richard. Hatte sich die erste Aufführung dieser 140 Minuten lose aneinander gereihter und durch den Raum wandernder Klänge für den Rezensenten noch als echte Hörtragödie dargestellt, waren bei der Reprise 20 Stunden später die cerebralen Aktivitäten eingeschränkt genug, um sich dem beinahe sakralen Ereignis ganz zu überlassen. Nun lebte die Wüste, weite Flächen aus fragilen Streicher- und Holzbläserklängen subtil gemischt und wunderschöne Chorstellen taten sich den müden Ohren auf.
Dass dieser radikale Entwurf eine ebensolche Entschlossenheit und einen unglaublich langen Atem verlangt, wird Metzmacher gewusst haben, und dass die Hansestadt nach vier vergeblichen Anläufen nun endlich einen „Prometeo“ bekommen hat, für den das Warten sich gelohnt hat, kann er sich als bleibendes Verdienst anrechnen. Auch die Idee, diese extrem langsame Raummusik mit der Premiere von Wilsons statischer „Parsifal“-Inszenierung an der Staatoper zu koppeln, zeugt von einer groß angelegten Planung des GMD. Ob man aber mit dem kostbaren Gut Musikfest trotz solch ambitionierter Projekte nicht etwas vorsichtiger hätte umgehen können, muss immerhin gefragt werden. Im Jahr 2005 wird das Musikfest jedenfalls erneut – nach der Pause Mitte der 90er-Jahre – ein Jahr aussetzen, um dann 2006 mit neuem Konzept und unter der Leitung von Simone Young in sein drittes Leben zu starten.