Die Aufführung von Messen, Motetten und Oratorien aus der Feder von Joseph Haydn gehört zur musikalischen Visitenkarte eines Ortes, der in diesem Spätsommer das letzte Kapitel einer ungebrochenen Erfolgsstory im internationalen Festivalbetrieb aufschlägt. Zum unverwechselbaren Profil gehörte hier ein treffsicheres Gespür für die Lust nach sinnlicher Erfahrung quer durch die Musikgeschichte des 17. und 18. Jahrhunderts.
Vor 19 Jahren erfüllte sich der einstige Karajan-Schützling sowie ehemalige Generalmusikdirektor von Augsburg und Duisburg, Bruno Weil, als Spiritus Rector dieses Festivals einen Traum, der an einem idyllischen Ort im Ostallgäu, dem ehemaligen Benediktinerkloster Irsee, gelegen ist. Seit 1993 öffnet die dortige Schwabenakademie ihre Tore einem sinnenfrohen Musikfestival, dessen Name Klang & Raum zugleich für ein Programm mit barocker Lebensfreude steht. Hier realisiert sich Weils Idee, Musik im Originalklang den entsprechenden Räumlichkeiten entspringen zu lassen. Unter der Devise „Kunstgenuss und Gastfreundschaft“ ist über Jahre vor Ort ein begehrtes Forum für Spezialisten der historischen Aufführungspraxis gewachsen. Emma Kirkby, Bob van Asperen, Lucie van Dael, Andreas Staier, Christoph Prégardian, Hille Perl oder Dorothee Oberlinger gastierten regelmäßig im barocken Kloster, nicht zuletzt, weil sie hier auf hervorragende Bedingungen mit guter Akustik stießen. Bruno Weil versteht sein Musizieren vor Ort als den Versuch einer Annäherung an den möglichen Originalklang, und „das Publikum spürt diesen Moment von Wahrhaftigkeit, wenn im Vordergrund der überspringende Funke des Musizierens steht“. Auch Entdeckungen unbekannter Repertoires im Kammermusikbereich prägen den programmatischen Geist von Irsee. Schon nach wenigen Stunden Aufenthalt vor Ort taucht man als Zuhörer und Gast dieses Festivals in eine Atmosphäre, die von ganz besonderer Strahlkraft gekennzeichnet ist. Die überwältigende Barockszenerie der Klosteranlage, die bis in kleinste Details spürbare Gastfreundschaft der Veranstalter und die abwechslungsreichen Konzerte auf künstlerisch höchstem Niveau schaffen schnell Abstand vom Alltag.
Das Festival erfreute sich wachsender Popularität, gehörte nie zu den Selbstläufern der Festivalszene. Die Mundpropaganda ersetzte so manch aufwendige Werbekampagne, die Auslastung lag bei rund 85 Prozent, die Gäste kamen auch aus dem fernen Ausland gereist, einzig Jugend war für diesen Ort kaum zu gewinnen. Das Festivalkonzept beinhaltete neben hochkarätigen Interpretationen auch Symposien und kulinarische Genüsse, jeweils auf das Konzertprogramm Bezug nehmend. Auf diese Weise ist über die Jahre eine große Festivalfamilie zusammengewachsen, die teilweise nach dem Vorbild einer gemischten Donatoren- und Sponsorenfinanzierung zum Gelingen beigetragen hat. Das Besondere wurzelte im persönlichen Ambiente, denn bei aller künstlerischen Weitläufigkeit, blieb hier immer ein Moment von Intimität gewahrt und Snobismus außen vor.
Leider sind es trotzdem die Finanzen, die Bruno Weil im letzen Jahr dazu veranlasst haben, das Festival nicht mehr fortzusetzen, denn „ich hätte wesentliche künstlerische Abstriche machen müssen und das kam für mich nicht in Frage“. So hätte man wegen des zunehmend knapper werdenden Budgets das Ensemble Tafelmusik aus Toronto nicht mehr einfliegen lassen wollen, doch für Weil steht und fällt die künstlerische Arbeit eben genau mit diesem Orchester, das er seit vielen Jahren mit zahllosen Aufnahmen, Konzerten und Tourneen begleitet hat. Weil sieht sich ohne Verbitterung an einem Punkt angekommen, da sich die künstlerischen Träume nicht mehr angemessen realisieren lassen.
In diesem Jahr nun geht dieses besondere Festival zu Ende, und vom 1. bis 4. September will Bruno Weil noch einmal hörbar machen, was Klang & Raum aus künstlerischer Perspektive so unverwechselbar macht, gerade auch wenn bekannte Kontinente der Musikgeschichte betreten werden: „Der Klang des 18. Jahrhunderts in historischer Aufführungspraxis. Durch die beiden Konstanten „Tafelmusik Orchestra“ und Tölzer Knabenchor entstand ein integres, vertrautes Musizieren, das die Nähe des Komponisten in den Vordergrund stellte. So wurden beispielsweise die, von Beethoven gewünschten Metronomangaben respektiert und umgesetzt.“ Vor diesem Hintergrund schließt Weil in diesem Jahr seinen Zyklus mit Beethoven-Sinfonien ab. Auf seine immer an Grenzen gehende Lesart der 9. Sinfonie darf man also gespannt sein.
Fast schon zum Ritual geworden ist die Aufführung von Joseph Haydns „Schöpfung“ mit den beiden tragenden Klangkörpern des Festivals Klang & Raum. Bruno Weil spricht dabei von einer Musik, „deren Vielfalt durch eine einmalige Aufführung nicht abzudecken ist“, und so wird sie in diesem letzten Festivaldurchgang unter seiner Leitung noch einmal erklingen.
Mit diesem furiosen Finale ist wohl ein musikalischer und emotionaler Tanz auf dem Vulkan zu erwarten, wenn Bruno Weil in der Stiftskirche zu Irsee ein letztes Mal den Taktstock unter den Fahnen von Klang & Raum hebt. Doch das Ende scheint auch ein Neuanfang, denn Bruno Weil lässt im Gespräch durchklingen, dass „die Hoffnung für ein neues Festival wächst, allerdings nicht als Imitation von Klang & Raum, sondern als vollkommen neues Konzept an einem anderen Ort“.