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Dittrich-Opern an der Staatsoper. Foto: Vincent Stephan
Dittrich-Opern an der Staatsoper. Foto: Vincent Stefan
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Spätwerk aus der Schlingensief-Factory – Uraufführung von Paul-Heinz Dittrichs „Die Blinden / Die Verwandlung“ in der Berliner Staatsoper

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Was wäre das Musiktheater ohne den belgischen Dramatiker Maurice Maeterlinck – von Claude Debussys „Pelléas et Mélisande“ und Paul Dukas’ „Ariane et Barbe-Bleue“ bis zu Henry Févriers „Monna Vanna“? Und was ohne den Romancier Franz Kafka – von Gottfried von Einems „Der Prozess“ über Hans Werner Henzes „Ein Landarzt“ und Roman Haubenstock-Ramatis „Amerika“ bis Aribert Reimanns „Das Schloss“?

Der jüngste Opernabend in der Werkstatt des Schiller-Theaters kombiniert die szenische Uraufführung von Karl-Heinz Dittrichs „Die Blinden“ – für fünf Sprecher, Bläserquintett und Cembalo aus dem Jahr 1984 – mit der Wiederaufführung von „Die Verwandlung“ – für fünf Vokalisten, einen Sprecher, einen Pantomimen und drei Instrumentalisten.

Dass Addition in der Kunst nicht automatisch die Schaffung eines größeren Kunstwerks bedeutet, bewies erneut die jüngste Uraufführung in der Staatsoper. Wie ein Nachtrag zur MaerzMusik wirkt diese Hommage für den 1920 geborenen, in der DDR wenig geschätzten und in seinem kompositorischen Schaffen bis heute unterbelichteten Komponisten Paul-Heinz Dittrich. Da Franz Kafka und Maurice Maeterlinck in der DDR als „Dekadente“ verpönt waren, hatte der Komponist diese Werke als „szenische Kammermusiken“ konzertant zur Uraufführung gebracht.

Die Verwandlung

Der Zuschauer, im Werkstatt-Raum diesmal ohne Tribünen in einer Rauminstallation sich selbst überlassen, hat die Möglichkeit, einen der wenigen gestapelten Stühle zu ergattern oder sich aus einem Kissenberg zu bedienen. Die Blickrichtung scheint das Orchester vorzugeben, doch in der Mitte des Saals ist das Cembalo positioniert, und wenn der Zuschauer sich auf den Dirigenten Diego Martín Etxebarría und auf die fünf dahinter in Stehbetten positionierten Sänger ausrichtet, so versäumt er die Entwicklung einer in seinem Rücken angesiedelten, drehbar gelagerten Wohnstube.

Insgesamt fühlt sich der Betrachter zurückversetzt in die Zeit der Theaterarbeiten von Christoph Schlingensief, denn all zu deutlich verweist die Ästhetik dickwandig gepinselter Figuren und Texte in permanenter UV-Licht-Bestrahlung auf die Schlingensief-Factory. Dies ist nicht verwunderlich, da Schlingensiefs Mitarbeiter Thomas Goerge hier in Personalunion für Inszenierung, Ausstattung und Video verantwortlich zeichnet. Geradezu zwangsläufig überlagern sich Reminiszenzen an die Bayreuther „Parsifal“-Inszenierung, an die „Kirche der Angst“ und an das Schwarzafrika-Projekt des früh verstorbenen Regie-Provokateurs.

Hier sind es zwei in adrettem Weiß gekleidete Schwarze, die für Verstörung und für den Bogenschlag zu den Flüchtlingen von Lampedusa sorgen sollen. Aber bei den Jugendlichen, die es sich in der zweiten Aufführung, auf Kissen liegend, bequem gemacht haben und die so die szenische Gesamtinstallation aus dem an der Raumdecke angebrachten Spiegel betrachten, löst der als Exilant mit würfelköpfiger Kunstpuppe durch die Reihen kriechende Akteur (Abdoul Kader Traoré aus Burkina Faso, dem Operndorf Schlingensiefs) nur Lacher aus.

Die hier aufgebotene Videokunst wirkt antiquiert, denn diese Form der Schwarzweiß-Ästhetik von Insekt und gespiegeltem Menschenauge ist spätestens mit dem Tod von Christoph Schlingensief stehen geblieben. Was die zehn in Reihe geschalteten Monitore zeigen, ist außerdem kaum zu erkennen, so wenig wie die auf der schwarzen Untiefe der Hinterbühne gedoppelte Projektion, aber der abgelichtete Hund (Alice) ist auf dem Besetzungszettel an achter Stelle, gleich nach dem Sprecher und Live Video-Macher (Lionel Putiaire Somé) als Beteiligter genannt.

Zu den besten Momenten des Abends zählt beim Einlass eine Tonbandcollage mit Dittrich als sympathisch erzählendem Berichterstatter über das Verbot Kafkas in der DDR, unterbrochen von Störfaktoren, wie Informationen über Tropenkrankheiten.

Das Vokalquintett (Lydia Brotherton, Claudia von Hasselt, Joachim Vogt, Jakob Ahles und Jörg Gottschick) in der Schlaf-Wachzustands-Reihenbett-Draufsicht wird begleitet von den mit Blinden-Armbinden als ihrem persönlichen Äquivalent gekennzeichneten Instrumental-Solisten, Mitgliedern der Staatskapelle und der Orchesterakademie.

Die Blinden

Maeterlincks Drama erzählt von zwölf Blinden, die auf einer Insel von ihrem Führer alleingelassen werden. Sie rufen sich innere Bilder der Erinnerung wach, bis sie bemerken, dass ihr Führer tot bei ihnen liegt. Rettung versprechen nahende Schritte, aber es sind die des Todes.

„Die Blinden“ haben auch Beat Furrer und Walter Zimmermann als Opernlibretto genutzt und dabei die Anzahl der Blinden beibehalten. Bei Dittrich rezitieren dien fünf Vokalisten Maeterlincks Dramentext als rhythmisierten Sprechgesang in der Ich-Form, und das präparierte Cembalo kämpft klanglich gegen eine Ratsche. Dittrichs Vertonung ist von einer unerbittlichen Schärfe und Härte.

Ein afrikanischer Zwischentext leitet über zum szenisch nahtlos angefügten zweiten Teil, der – separat entstanden – von Violine, Klarinette und Cello begleitet wird. Kafkas Text „Die Verwandlung“ ist collagiert mit seinem „Brief an den Vater“. Als Relikt aus der Erzählung wird das hinter Glas gerahmte Bild der Frau im Pelz aufgehängt, die Stube, den Hund und den Käfer werden im Video sichtbar. Später wird der Wohnraum-Quader, wie ein großes Rhönrad in einem Drehmechanismus gelagert, in Schwung gesetzt, so dass die Alttagslebensinhalte kumulieren. Doch wie der Erzähler aus einer Partitur am Notenpult den Kafka-Text vorliest, das liegt weit unter der Qualitätsschwelle eines hochsubventionierten Kulturinstituts. Vielleicht wollte Goerge auf diese Art beweisen, was er fett auf einen Karton geschrieben hat, „Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit“.

Nach 80 Minuten ist der in seinen Mitteln arg retardierende Abend gelaufen.

Bei der zweiten Aufführung dankte das Publikum herzlich, wenn auch weder verstört noch begeistert.

Weitere Aufführungen: 4., 5., 9. ,11. April 2014.

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