ARCO steht für Art, Research und Creation opus 22 und meint gleichzeitig „Brücke“ bzw. „Bogen“ – zwischen zwei Ländern, zwischen Interpret*innen und Komponist*innen. Mit der aktuellen Ausgabe der sommerlichen Kompositions-Akademie ist sie in ihrem ursprünglich intendierten Rhythmus angekommen: als französisch-österreichische Achse des intensiven, künstlerischen Austauschs mit abwechselnder Präsenz in Marseille und Salzburg. Bisher hat „ARCO“ pandemiebedingt zwei Mal in Südfrankreich stattgefunden, im Juli nun in Salzburg, eingebettet in das umfassende Sommerangebot der Universität Mozarteum.
Deren Rektorin Elisabeth Gutjahr ist maßgeblich an diesem praxisnahen Angebot für junge Komponistinnen und Komponisten beteiligt und wendet sich vor allem an die am Beginn ihrer beruflichen Selbstständigkeit Stehenden. Als Mitbegründerin führt sie die Unterschiede zu traditionellen Kompositionskursen aus: „Es geht für die Teilnehmenden nicht um erste Gehversuche. Es geht vielmehr um das Zulassenkönnen von ganz unterschiedlichen Anregungen von Interpret*innen und Komponist*innen mit diversen Ansprüchen, Erfahrungen und Ästhetiken. Und diese verschiedenen Meinungen auszuhalten, ist gar nicht so einfach. Wir wollen vermeiden, dass man nur hört und umsetzt. Sondern wir möchten, dass die Rückmeldungen zu einem selbstständigen Entscheidungsprozess führen, in den sie hochkarätige, professionelle, andere Ansichten, Impressionen, Beobachtungen integrieren. Das ganze Konzept ist aufgebaut auf Teamfähigkeit, die auf einer Vertrauensbasis beruht.“ Denn bei ARCO geht es nicht darum, sich für einen Lehrer oder eine Lehrerin zu entscheiden, sondern alle erhalten von allen Unterrichtenden Feedback.
Elisabeth Gutjahr ist selbst eine von zehn Tutor*innen. Die österreichische Musikerin und Komponistin Eva Reiter ist ebenso von Beginn an Mitglied des ARCO-Teams: „Wir Dozent*innen kennen einander mittlerweile sehr gut und wertschätzen unsere Arbeiten, die allesamt sehr unterschiedliche Perspektiven einnehmen. Das führt dazu, dass wir inhaltliche und pädagogische Ansätze betreffend im regen Austausch stehen und uns auch zu den kompositorischen Arbeiten der Kursteilnehmer*innen vielfach und kontinuierlich beraten, um sie optimal begleiten zu können.“ Und sie konkretisiert: „Es besteht ein großes Interesse daran, den Komponist*innen in sehr kurzer Zeit den maximalen Input zu bieten, die richtigen Fragen zu stellen, das Know-how sowie die nötige Technik zu vermitteln und sie allesamt auf ihrem individuellen Weg zu begleiten.“ Für Eva Reiter, die als Gambistin und Blockflötistin die Sicht der Interpretin genauso einnehmen kann, wie die der Musikschaffenden, ist es essenziell, das „nötige Handwerk“ zu vermitteln. Defizite bemerkt sie etwa in „vielen Schriftbildern“, in denen „statt einer eindeutigen Geste, oftmals eine sehr abstrakte Komplexität abgebildet“ sei, die zu keinem musikalischen Mehrwert führe und die Ausführenden in falsche Bahnen lenke.
Die intensive gemeinsame Arbeitswoche mit Konzerten und Arbeitssessions ist darauf aufgebaut, dass drei französische Ensembles unterschiedlicher Besetzung gemeinsam mit den Komponist*innen deren neue Stücke erarbeiten. Bereits in den ersten Probenphasen wird klar, an welchen Stellen es noch einer Präzisierung bedarf oder etwa Spieltechniken gefordert werden, die sich so nicht umsetzen lassen. Mit dem Ensemble Multilatérale, der Vokalformation Les Métaboles und dem Streichquartett Tana Quartet waren drei französische Gruppen zu Gast in Salzburg, die über eine ausgewiesene Expertise in der Interpretation zeitgenössischer Musik verfügen. Aus dem Feedback der Komponist*innen und der Interpret*innen versuchen die Akademie-Teilnehmenden dann, ihre Stücke in kurzer Zeit in eine bestmögliche Fassung zu bringen.
Elisabeth Gutjahr ist stolz auf die rasant wachsende Zahl an internationalen Bewerber*innen: Waren es im ersten Jahr überschaubare 25, wollten dann – trotz anhaltender Pandemie – im zweiten Jahr 50 junge Komponist*innen mitmachen und in diesem Jahr gar 100. Alle waren verpflichtet, drei Stücke einzureichen, mit denen sich die Jury auseinandersetzte. Zwölf wurden dann ausgewählt, eine arbeitsintensive Woche in Salzburg zu verbringen, was so manche an die Grenzen ihrer Aufnahme- und Leistungsfähigkeit brachte. Eva Reiter fasst den Prozess zusammen: „Bei der Akademie wird also klar, wo das theoretische Konstrukt eines Stückes und dessen praktische Umsetzbarkeit auseinanderklaffen. Hier werden spontan alternative Lösungen gefunden, hier wird ausprobiert, diskutiert und umgesetzt.“
In zwei Abschlusskonzerten präsentierten die drei Ensembles und der Dirigent und Referent Leo Warynski die zwölf Uraufführungen im Solitär, dem großen Konzertsaal der Universität Mozarteum und in dem als „Blackbox“ konzipierten Max-Schlereth-Saal. Geboren zwischen 1988 und 1999, aus China, Südamerika, Griechenland, Rumänien oder auch Österreich und Deutschland kommend, deckten die Komponist*innen eine vielfältige stilistische Sprache ab. Gerade der erste Abend, an dem das Vokalensemble Métaboles eingebunden war, zeigte, welch besondere Herausforderung es ist, für menschliche Stimmen zu schreiben, deren Möglichkeiten auszuschöpfen und ein geeignetes Textmaterial auszuwählen: mit theatralen Aspekten, beeinflusst von Luciano Berio oder Mauricio Kagels Kompositionen aus den 1960er Jahren, oder dem Ausreizen von glissandierten Vokalisen, Persiflagen auf exaltiertes Sängerverhalten, dem Entstehenlassen von als dreidimensional empfundenen Klangwellen und der Verwendung eines Nietzsche-Zitats, oder mit erstickenden Klängen und rhythmisiertem Flüstern auf ein Gedicht von Paul Celan.
Am zweiten Abend konnte optional mit Zuspielungen gearbeitet werden. Auch hier beeindruckte die Bandbreite der künstlerischen Zugänge: Sei es, dass die Grenzen zwischen den akustisch erzeugten Klängen mit den vorab aufgenommenen mehr und mehr verschmolzen, sodass ein Unterscheiden nicht mehr möglich war, oder sei es ein Klarinettenquintett, das auf die lange Tradition dieser Besetzung referierte.
In jedem Fall vermittelten die neuen Stücke einen reflektierten Zugang, den die Komponist*innen jeweils in einem kurzen Gespräch während der Umbauten erläuterten.
Die aus der Türkei stammende, in Berkeley lebende Eda Er: „Als Komponistin, die sich mit dem Thema Weiblichkeit und den Problemen von weiblichen Minderheiten beschäftigt, bin ich sehr glücklich, dass meine Komposition das Publikum erreicht hat, diese mit dem Publikum kommuniziert hat und ich meine Verantwortung als Künstlerin gegenüber der Gesellschaft, für die ich komponiere, erfüllt habe.“
Interessant scheint auch, so der Tenor mancher Teilnehmenden, dass die ästhetischen Erfahrungen der französischen Ensembles sich von anderen unterscheiden. Das führte zu erhöhtem Kommunikationsbedarf in Bezug auf Spieltechniken und interpretatorischen Anspruch. Die kreative Kooperation zwischen GMEM – Centre National de Création Musicale in Marseille und der Universität Mozarteum Salzburg schlägt sich auch in der Auswahl der Referent*innen nieder: Johannes Maria Staud, seit 2018 Professor für Komposition in Salzburg, Eva Reiter, die seit 2020 Komposition an der Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien unterrichtet und aktuell an einem künstlerischen Forschungsprojekt zum Thema „Transforming Instrumental Gestures“ arbeitet, und Rektorin Elisabeth Gutjahr als österreichische Tutor*innen, die Sängerin und Vokalperfomerin Donatienne Michel-Dansac, der in Paris lebende Organist und Komponist Francesco Filidei und die Komponisten Yann Robin (ARCO-Mitbegründer), Henry Fourès und Christian Sebille sowie das Tana Quartet und der Dirigent Léo Warynski aus Frankreich.
Die Komponistin und Musikerin Eda Er ist begeistert von den Tutor*innen: „Sie haben alle sehr unterschiedliche Ansätze, aber sie verstehen die individuellen Bedürfnisse und unterstützten mich aufrichtig – nicht nur mit meinem Stück für diese Akademie, sondern auch als Komponistin auf meinem Weg. Ich habe das Glück, sie nun alle zu kennen, und ich hoffe, sie in Zukunft wiederzusehen.“ Mit einem Teil der Kolleginnen und Kollegen ist sie nach wie vor im Kontakt, als Gesprächspartnerin und manchmal als Ermutigerin.