Der schwarze Bühnenvorhang mit schmalen, goldenen Bordüren ist noch geschlossen, da wird im Orchestergraben der Züricher Oper die Musik angeknipst. Fabio Luisi geht mit der Philharmonia Zürich in die Vollen und fordert von Beginn an bei Franz Lehárs Operette „Das Land des Lächelns“ einen opulenten Sound, der das Melos betont und Streicherschmelz mit Blechglanz kombiniert. Und wenn die Melodie des Operettenschlagers „Dein ist mein ganzes Herz“ im Orchester erklingt, dann ist man schon mitten in der traurigen Schmonzette angekommen.
Fünf Jahre ist nun Andreas Homoki Intendant des Züricher Opernhauses und hat in dieser Zeit das unter seinem Vorgänger Alexander Pereira am Ende in Luxus und Sängerglanz erstarrte Haus mit neuen, auch unbequemen Regiehandschriften und selten gespielten Opern wie Wolfgang Rihms „Hamletmaschine“, Bernd Alois Zimmermanns „Die Soldaten“ oder in dieser Saison Manfred Trojahns „Orest“ konfrontiert. Das Credo seiner Arbeit in Zürich sei „Glaubwürdigkeit und Nachvollziehbarkeit der szenischen Handlung“, ist im Opernmagazin zu lesen. Für „Das Land des Lächelns“ hat Regisseur Homoki fast alle Dialoge gestrichen, weil das Stück allein über die Musik funktionieren soll. So reiht sich wie in einer Revue – auch das Bühnenbild von Wolfgang Gussmann mit geschwungener Showtreppe erinnert daran – eine Arie an die nächste und ein chinesischer Tanz an den anderen.
Das Ganze wird fast zur Operettengala mit aufwändigen traditionellen Kostümen und einem Ballett, das zu den Ganztonskalen und Piccologirlanden aus dem Orchestergraben klischeebeladen Trippelschritte macht, mit Fächern wedelt und mit Köpfen wackelt. Aber auch Kostüme der 20er-Jahre werden bedient. Bei ihrem ersten Auftritt trägt Lisa (Julia Kleiter) Frack und Zylinder. Der seiner Ex nach China folgende Graf Gustav von Pottenstein, genannt Gustl (etwas blass als Sidekick: Spencer Lang) tut dies mit Kniebundhose und Schiebermütze (Kostüme: Wolfgang Gussmann, Susana Mendoza). Auch der überragende Piotr Beczala als Prinz Sou-Chong bleibt als Figur flach. Christoph Marthaler, Peter Konwitschny oder auch Barrie Kosky haben in der Vergangenheit gezeigt, wie man Operetten neue Seiten abgewinnen kann und dabei Reibungsenergie gewinnt. Homoki verzichtet bewusst auf ironische Brechungen oder einen eigenen Regieansatz, sondern inszeniert handwerklich solide, aber ohne jeden Biss. Die eigentlich traurige Geschichte vom dem Wienergirl, das, wie es im Libretto heißt, leider kein Chinagirl wird und am Ende ziemlich desillusioniert wieder in ihre Heimat zurückgeht, bleibt belanglos.
So sind es vor allem musikalische Momente, die haften bleiben, wenn Piotr Beczala bei den hohen Schlusstönen nochmals an Glanz zulegt. Seine Interpretation der für Richard Tauber komponierten Arie „Dein ist mein ganzes Herz“ sorgt für ein kollektives Glücksgefühl im Züricher Opernhaus. Aber auch Julia Kleiter singt sich nach einigen Schärfen und leichten Intonationstrübungen in diesen musikalisch hochwertigen Abend hinein und hat auch für die dramatischeren Passagen genügend Reserven. Rebecca Olvera ist Sou-Chongs charmante, hell timbrierte Schwester Mi, die ihr kurzes Liebesglück mit Graf Gustl genießt und ein bisschen Leichtigkeit in die zähe Inszenierung bringt. Fabio Luisi kostet mit der delikat spielenden Philharmonia Zürich die süßlichen Aromen aus. Das Orchester klingt auch im Fortissimo noch rund und sinnlich. Und wenn die Streicher die Sänger auf Händen tragen und der Orchesterklang anschwillt, schaut Puccini um die Ecke.
- Weitere Vorstellungen: 21./25./29. Juni, 2./6./9./13. Juli 2017. www.opernhaus.ch