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Staatstheater Nürnberg (Oper): „Töt' erst sein Weib!“ (Premiere: 06.06.2016) - Stefan Herrmann, Elke Wollmann, Hans-Sachs-Chor. Probenfoto: Ludwig Olah
Staatstheater Nürnberg (Oper): „Töt' erst sein Weib!“ (Premiere: 06.06.2016) - Stefan Herrmann, Elke Wollmann, Hans-Sachs-Chor. Probenfoto: Ludwig Olah
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Viel Bemühung ums Erschrecken – „Leonoren-Projekt“ von Musikhochschule und Oper Nürnberg

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Beethovens revolutionäres Engagement, sein damaliges Ringen um die musiktheatralische Anklage staatlichen Terrors und das Fortdauern derartigen Horrors bis heute – das hat die Oper wie die Musikhochschule Nürnberg motiviert, mit einer Collage aus Beethovens „Leonore 1805“, deutschen und internationalen Opfer- sowie Brücken-Texten der Dramaturgie in die „THW-Halle“ des NS-Dokumentationszentrum zu gehen.

Das ganze Ambiente und der langgestreckte Raum beeindrucken. Anfangs müssen die Besucher durch ein Labyrinth aus Gitterkäfigen mit Gefangenen (der aus dem Nürnberger Hans-Sachs-Chor geformte „Projekt-Chor“) hindurch zu ihren Hockern – und als im Gefangenen-Chor von „Luft“ und „Freiheit“ gesungen wird, öffnet sich an der gegenüberliegenden Stirnseite das große Tor zum grünen Innenraum vor der großen Volkshalle mit Bäumen – das ist der Moment der Aufführung.

Doch dem steht gegenüber, dass genau zu diesem uniform grau gewandeten Chor die Ziegelwand hinter den Gitterkäfigen einfach nur anheimelnd rotbraun leuchtet – und das ausstattende Bühnen-Trio Scior-Özel-Wiedemann sich mehr auf Video, Pressekonferenz-Imitation und die Singspiel-Beschwörung um Marzelline durch einen rollbaren „urban-gardening“-Anhänger konzentriert hat als auf Zentrales von Werk und Hinzugefügtem. So wirkt die Entscheidung, Florestan auf einer Netzfläche hoch oben „gefangen“ zu halten, vordergründig spektakulär, aber dann prompt für das Zusammenspiel in der Kerkerszene nur unergiebig, für die „Befreiung“ - nach einer Collage aus Walter-Steinmeier-Redetexten - mittels Hebebühne dann nur noch umständlich und unsinnig aufwändig. Aus der hinzuerfundenen Sprechrolle „Frau eines Verschwundenen“ macht Nürnbergs Schauspielerin Elke Wollmann keine argentinische „Madre del Plazo de Mayo“, sondern eine engagierte, auch via „Medien“ kämpfende fesche Frau von Heute. Doch daraus wie aus der dramaturgisch abstrakt überzeugenden Idee, den Handlanger, Mitmacher und Wendehals Rocco mit dem verantwortlichen und letztlich mordbereiten Terror-Chef Pizzarro zu einer Figur zu verschmelzen, schlagen Dramaturgie und Regisseur Stefan Otteni keine interpretatorischen Funken, geschweige denn szenisch überzeugende Lösungen. Dazu sind die von der Dramaturgie gelieferten Brückentexte zwischen NS-Opfer-Zitaten, Guantanamo- und Syrien-Texten auch in der Präsentation zu banal schlicht. Die Umstellung etlicher Musiknummern eröffnet keine neuen Horizonte, das mehrmalige Sitzplatzwechseln des Publikums keine „andere Perspektive“.

Was blieb, war die Freude zu hören, wie Guido Johannes Rumstadt mit dem Orchester der Musikhochschule den noch weicheren, noch weiter ausholenden Beethoven von 1805 zum Klingen brachte – und so mehrfach innerlich mitschwingen ließ: die spätere Direktheit und dramatische Sprengkraft der Kerkerszene wie der allerlösenden „Trompete von Jericho“ bis zum „erfüllten Augenblick“ der kettenlösenden Melodie des „Siehe, da stiegen die Menschen ans Licht“. Den jungen internationalen Solisten der Musikhochschule tat das ganze Produktionsteam keinen Gefallen, sie deutschen Sprechtext unvollkommen artikulieren zu lassen. Sie wirkten im weiten Raum zu wenig darstellerisch geführt. Gesungen wurde gut und mehrfach hoch engagiert. Doch die auf fünf Folgevorstellungen angelegte Produktion wirkt insgesamt sowohl zu wenig didaktisch, um etwa Schulklassen den Bogen zwischen NS-Diktatur, heutigem Folter-Horror samt Staatsterror und Beethovens künstlerischer Durchdringung erfahren zu lassen, andererseits als „Opernstudio“-Aufführung nur „bemüht innovativ“ - aber wenig ergiebig. Da ist Jenny Erpenbecks neue Dialogfassung von 2007 (vgl. nmz online vom 05.03.2016) mit einer zurückblickenden, grauhaarigen Leonore musiktheatralisch wie künstlerisch haushoch überlegen und alle Projekt-Arbeit wert.

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