Alessandro de Marchi setzt in seinem letzten Sommer als künstlerischer Leider der Innsbrucker Festwochen der Alten Musik mit drei Musiktheater-Produktionen einen Schwerpunkt für Antonio Vivaldi. Der Start war „L’Olimpiade“ (Venedig 1734), es folgen bis zum Ende des Festivals am 29. August „La fida ninfa und das Oratorium „Juditha triumphans“. Die Eröffnungspremiere im Tiroler Landestheater wurde durch eine insgesamt sehr gute Besetzung zum Ereignis – vor allem durch die drei herausragenden Counterstimmen von Bejun Mehta, Raffaele Pe und Bruno de Sá.

Bruno de Sà (Aminta), Raffaele Pe (Megacle) & Bejun Mehta (Licida) © Birgit Gufler
Vivaldis „Olimpiade“ als Innsbrucker Festwochen-Olympiade der Counterstimmen

Luigi De Donato (Alcandro) & Margherita Maria Sala (Aristea) © Birgit Gufler
Bernsteinleuchten der Musik
Diese Nachlässigkeit vergisst man fast im sinnlichen Bernsteinleuchten der Musik, weil Vizioli szenisches Takt- und Feingefühl zeigt und mit diesem in hoher Schwingungsdichte die souveräne musikalische Leitung de Marchis noch mehr beflügelt. Anna Maria Heinreich setzte die berühmten drei Streifen eines weltbekannten deutschen Sporttextilien-Herstellers auf das Kleid der Königstochter Aristea. Deren Freundin-Rivalin Argene ist natürlich keine Hirtin in Verkleidung, sondern mit schwarzem Kostüm und roten Haaren die Angehörige einer verfolgten Minderheit. Solche Details flankieren die Begebenheiten in der hellenischen High Society. Als Hauptschauplatz setze Emanuele Sinisi eine realistische Turnhalle mit Gerätschaften aus Holz und Leder, in der Bausünden noch ausblieben und die Turner-Mannschaft wie die sportelnden Hauptfiguren mit blütenweißen Turnhosen antreten. Die Handlung frei nach Herodot gibt einiges her. Zum einem ähnelt ein Prinzenschicksal dem des König Oedipus mitsamt perfidem Orakel, geht hier aber gut aus. Zum anderen will der König – beliebtes Märchenmotiv der Neuzeit – nur den besten zum Schwiegersohn und Aristea deshalb mit dem Olympiasieger verheiraten.
Vizioli mag seine Figuren, setzt aber keinerlei Andeutungen über deren Zukunft nach dem Fallen des Vorgangs. Das ist schön, aber auch unentschlossen. Und gibt de Marchi die Gelegenheit, mit seinem idealen Gesangsensemble, dem Festspielorchester und dem Coro Maghini (Leitung: Elena Camoletto) in der musikalischen Gegenwart zu schwelgen und zu schweben, als ob es kein Morgen gäbe. Ovationen nach jedem Akt und ekstatische Begeisterung am Ende. Die Mussolini-Zeit bleibt dekoratives Zitat, obwohl gerade sie in die Wirkungsgeschichte von Vivaldis „L’Olimpiade“ dieser Oper eingraviert ist.

Bejun Mehta (Licida_links)_Christian Senn (Clistene_hinten)_Raffaele Pe (Megacle_hockend) & Luigi De Donato (Alcandro_rechts hinten) © Birgit Gufler
Was für eine Besetzung: Dass es im Cast keine Tenor-Stimme gibt, vermisst man bei diesen drei Counterstimmen sofort: Bejun Mehta als Licida, Raffaele Pe als Megacle und Bruno de Sá als Aminta – ein traumhaftes Trio sich ergänzender Vokalfarben und charakterstarker Temperamente. De Marchi erweist sich insgesamt als herausragender Besetzungsstratege: Die beiden Mezzo-Partien halten mit ebenso unterschiedlicher wie passgenauer Gestaltung mit, desgleichen die tiefen Stimmen. Als flüchtige Dame Argene gehören Benedetta Mazzucato mindestens zwei von Vivaldis Arienjuwelen. So modelliert sie keineswegs melancholisch oder säuerlich eine zu ihren Gefühlen stehende Leidende. Eine Spur differenzierter noch gerät die olympische Brautbeute Aristea durch Margherita Maria Sala. Eine ambivalente und deshalb sympathische Persönlichkeit. Mit kesser Lippe beklagt Aristea lautstark, dass Frauen bei den Spielen draußen bleiben müssen, und goutiert dann die Seelenbeichte ihrer Freundin Argene bei einem Glas guten Rotweins. Beide Frauen klingen dunkler als die Counterstimmen – faszinierend! Luigi De Donato als Alcandro und Christian Senn als Clistene ergänzen auf ähnlich olympischer Höhe.
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