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Bad Reichenhaller Gruppenbild (v.l.): unten sitzend die Pianisten Axel Bauni und Jan Philip Schulze; oben stehend die Sänger Peter Schöne, Mojca Erdmann und Ann-Carolyn Schlüter sowie die Komponisten Wilhelm Killmayer, Jan Müller-Wieland und Aribert Reima
Bad Reichenhaller Gruppenbild (v.l.): unten sitzend die Pianisten Axel Bauni und Jan Philip Schulze; oben stehend die Sänger Peter Schöne, Mojca Erdmann und Ann-Carolyn Schlüter sowie die Komponisten Wilhelm Killmayer, Jan Müller-Wieland und Aribert Reima
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War Friedrich Schiller ein Komponist?

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Spannende Erfahrungen bei einer Liederwerkstatt in Bad Reichenhall
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Die Kurbäder rüsten kulturell mächtig auf. Das Festspielhaus Baden-Baden konkurriert inzwischen mit den berühmtesten Festspielen in der Alten Welt, auch wenn es meistens nur nachspielt, was andernorts schon entstanden ist. Die Aura ist entscheidend, und diese ist in Baden-Baden auf jeden Fall authentisch vorhanden. Was der badischen Bäderstadt an der Oos recht ist, ist dem bayerischen Bad Reichenhall auch recht. Kurzerhand gründete man im vergangenen Jahr ein Festival, nannte es „Alpen-Klassik“, was sich wie ein Milchprodukt anhört, doch Zitherklänge und Jodler vernimmt man im stilvollen Alten Kurhaus keineswegs. Im Gegenteil: Das Programm ist anspruchsvoll, dabei bunt gemischt. Rudolf Buchbinder und Frank Peter Zimmermann, Ernst Stankovski und Michael Heltau, Klaus Maria Brandauer und Peter Simonischek sind einige bekannte Namen, die in Reichenhall erscheinen oder schon erschienen sind.

Doch die künstlerische Leiterin, Kari Kahl-Wolfsjäger, denkt auch an die Zukunft, vor allem bei der Musik. Sie gründete gleichsam als Festival im Festival eine Reichenhaller Liederwerkstatt, und entwickelte für diese zugleich auch das dramaturgische Konzept: Man nehme einen bekannten und auch großen Dichter, forsche nach Komponisten, die dessen Texte schon vertont haben, und – und dies ist das Entscheidende! – bitte einige lebende Komponisten nach Reichenhall, damit sie hier vor Ort in Klausur oder anregenden Kollegengesprächen in einer Woche Kompositionen zum jeweiligen Thema erstellen mögen. Im vergangenen ersten Werkstattjahr war Friedrich Hölderlin „dran“, und es war äußerst spannend zu erfahren, wie Wolfgang Rihm, Aribert Reimann, Manfred Trojahn, Wilhelm Killmayer, Jan Müller-Wieland und Moritz Eggert sich auf dem Hintergrund eines reichen historischen und auch aktuellen Repertoires von Hölderlin-Vertonungen mit dem Dichter auseinandersetzten.

Im Schiller-Jubiläumsjahr hieß das Thema natürlich Schiller. Dass Schiller ein besonders enges und differenziertes Verhältnis zur Musik, auch und im besonderen zu deren Formgebungen und Strukturen besaß, ist weitgehend bekannt, aber gleichwohl keineswegs abschließend erforscht. So war es sinnvoll, an den Anfang der Schiller-Liederwerkstatt einen Vortrag über „Schiller und die Musik“ zu stellen. Kristina Maidt-Zinke beschrieb anschaulich die „Bewegung, die Schiller mit seiner Ästhetik vollzogen hatte, wie diese Bewegung ziemlich genau der musikgeschichtlichen Entwicklung von der barocken Affektenlehre über die abrupten Gefühlskontraste von Sturm und Drang und Empfindsamkeit bis zur Klassik entsprach, in der Rationalität, Formstrenge des Barock und befreite menschliche Leidenschaften auf einer neuen Ebene zur Synthese fanden“.

Wie stark Schillers Gedichte, Balladen, Texte, auch Ausschnitte aus den Dramen, die Komponisten seit Schillers Lebzeiten zu Vertonungen inspiriert haben, davon vermittelten die zwei Programme der Liederwerkstatt einen guten Eindruck. Immer wieder Schubert, dann aber auch Karl Friedrich Zelter, Nikolaus von Krufft, Johann Rudolph Zumsteeg, Johann Friedrich Reichardt, Robert Schumann, Felix Mendelssohn-Bartholdy, Franz Liszt, Robert Kahn – so viele Namen so viele Handschriften.

Dagegen standen dann die vier eingeladenen Komponisten, die auch schon bei Hölderlin dabei waren: Wilhelm Killmayer, Aribert Reimann, Wolfgang Rihm und Jan Müller-Wieland. Aribert Reimann vertonte „Amalia im Garten“, Erinnerung, Schmerz, Raserei und Zusammenbruch einer liebenden Frau. Reimann „vertont“ nicht, sondern übersetzt Inhalt und Form des Textes in eine zwingende musikalische Gestalt, die analog zum Gedichte einen autonomen Ausdruck gewinnt. Eine hochexpressive Musik, die von der Sopranistin Mojca Erdmann und dem Pianisten Axel Bauni bis zum finalen „Ach!“ furios umgesetzt wurde. Wolfgang Rihm, der nicht nach Reichenhall kommen konnte, wählte „Zwei Sprüche“ des Confucius/Konfucius als Vorlage: Reflexionen über Zeit und Raum. Rihm belässt dem Text dessen klare Form und Formulierung, stützt Sprache und Aussage mit eher diskreten Klang-Zeichen. Auch so kann man Schiller „vertonen“. Der Bariton Peter Schöne, begleitet von Jan Philip Schulze, fand dafür den ruhigen, gleichwohl dringlichen Ton. Wilhelm Killmayer entschied sich für die Ballade vom „Ritter Toggenburg“, deren erste Strophe von einem Sopran, die folgenden vom Bariton vorgetragen werden. Killmayer findet für die fast magische Atmosphäre des Gedichts von einer L’amour de loin, einer hoffnungslosen Liebe bis zum Tod, fein ausgehörte Klänge und einen beredten Ausdruck. Mojca Erdmann und Peter Schöne waren wieder adäquate Interpreten. Schließlich Jan Müller-Wieland: „Wallensteins Stern“ für Mezzosopran und Klavier, eine Textcollage nach einem Xenion von Schiller und/oder Goethe sowie nach Worten aus „Wallenstein“ und „An die Freude“. Das Xenion dreht sich um Ich oder Nicht-Ich, da sich die Autoren nicht mehr befragen lassen, komponiert sich Wieland oder Müller eine witzige, griffige, fast surreal wirkende Textcollage über Sterne, Soldat, Leben, Zeit, die Welt des Gehirns, stürzende Mondsichel und das Wörtchen „nie“, das die fulminante Mezzosopranistin Anne Carolyn ein Dutzend Mal zu wiederholen hat.

Schiller intelligent in ein neues Kunstwerk verwandelt. Die nächste Liederwerkstatt wird sich mit Heinrich Heine beschäftigen.

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