Geschichte hat merkwürdige Kontinuitäten. Ein Ort, der einst tragende Funktion hatte, mag diese auch ahnen lassen, wenn die Voraussetzungen sich gänzlich geändert haben. Und Warschau war in Zeiten des Kalten Krieges so etwas wie eine kulturelle Plattform, auf der, allen ideologischen Vorbehalten zum Trotz, Begegnung möglich war. Ungeachtet aller gegenwärtigen Debatten um Entschädigung und Reparation wächst heute das kulturelle Engagement westlicher Staaten in Warschau. Deutschland, auf musikalischem Sektor maßgeblich vertreten durch den wiedererstarkten Deutschen Musikrat, nimmt hierbei eine markante Position ein. Aber auch die anderen Länder des europäischen Festlandes zeigen sich an Polen interessiert. In Warschau scheint so etwas wie ein kultureller Stützpunkt der EU-Länder heranzuwachsen. Es ist wie bei Vereinswahlen, wo sich mehrere pointierte Charaktere anbieten: Man einigt sich auf einen Dritten, der auf der einen Seite stark genug ist um zu repräsentieren, auf der anderen aber keinen Neid aufkommen lässt. Und Warschau hat einiges zu bieten, schon die sozialistische Vergangenheit bereitete dies vor.
Denn schon damals seit den 50er-Jahren gab es den Warschauer Herbst, den ein polnisches Unabhängigkeitsbestreben, vielleicht im Verbund mit nicht zum Schweigen zu bringenden Katholizismus, dem System abtrotzte. Er war damals so etwas wie ein Rotlichtbereich im musikalischen Grau des sozialistischen Realismus. Hier durfte man, was andernorts unerwünscht war. Und man machte es mit langem Atem. Freilich hatten sich schon damals westliche Staaten und ihre Kulturinitiativen eingeklinkt und den Warschauer Herbst zu Vorzugspreisen beliefert. Jetzt, wo es um Kulturfinanzen, die ein rigider Kapitalismus mit Vorliebe zusammenstutzt, noch schlechter in Polen bestellt ist, setzt sich das Prinzip fort. Der Warschauer Herbst ist ein vehement von vorwiegend jungem Publikum angenommenes Festival – und man sorgt national wie international dafür, dass er nicht zum regionalen Event zurückgefahren wird. Schon früher hatte man Zeichen gesetzt (es gab zum Beispiel am Tag nach dem Konzert sogleich die Schallplatte davon!), und auch jetzt tut man das modellhaft. Im Frühjahr gibt es seit zwei Jahren ein weiteres Festival „Turning Sounds“ mit Musik einer zweiten avancierten Szene: DJs, Electronic, Remixing. Wer Herbst sagt, muss an das Frühjahr denken. Und dass sich im Umfeld des Festivals deutsche Landesmusikräte mit polnischen Parallelorganisationen trafen, um über die Ausweitung von Austausch zu sprechen, dass sich die internationale Vereinigung der Musikinformationszentren (IAMIC) unter dem Titel „Music in transition“ hier zusammenfand, um über die Änderung der Musikszene oder auch über Urheberrechte im digitalen Umfeld zu debattieren, all dies kündet von der Vitalität des Ortes. Die Legende lebt.
Auf der IAMIC-Tagung stand vor allem der veränderte Begriff von zeitgenössischer Musik im Zentrum. Zwischen Konzertsälen und Clubs war ein Leitmotto, das die Umdenkprozesse zu umreißen versuchte. Wirklich erleben wir derzeit einen drastischen Wandel der Festival-Kultur, der Elfenbeinturm bricht auf, Neue Musik sucht sich Spielorte außerhalb der tradierten, mehr oder weniger repräsentativen Spielorte. Immer größere Teile der jungen Generation, die musikalisch ernst genommen werden wollen, weichen den Kultstätten der zeitgenössischen Musik aus, es findet ein Prozess der Dezentralisation statt. Neue Techniken, der Gebrauch neuer medialer Mittel werden immer wichtiger, das präsentierte Großwerk (für das etwa ein Festival wie Donaueschingen immer noch bürgt) steht unter solchen ästhetischen Vorgaben eher am Rande. Der Werksbegriff selbst weicht sich auf. Ein Musiker, der zum Beispiel eine große Zahl gesampelter Ausschnitte neu und aufregend remixt, wird diese Tat kaum als Werk im klassischen Sinne verstanden wissen. Und als Ort der Verbreitung mag unter Umständen das Internet gewählt werden.
Und hier kommen auch neue Urheberschaftsbegriffe in den Blickpunkt. Peter Rantasa vom österreichischen Musikinformationszentrum stellte einen aus den USA stammenden neuen Rechtebegriff vor, wo der Autor freiwillig auf gewisse Verwertungsrechte verzichtet, um auf diesem Weg eine vielfältigere Nutzung seines Produkts zu erzielen (das doppelte Copyright-C deutet dies an). Herwig Geyer von der GEMA hingegen verwies auf das gut funktionierende Rückkoppelungssystem von Rechtwahrnehmung und Unterstützung neuer kreativer Ansätze in den europäischen Ländern. Hier zeigen sich ungeklärte Fragen einer musikalischen Landschaft, die sich im Umbruch befindet. Man wird unterschiedliche Lösungsmodelle erproben müssen, die Künstler jedenfalls werden nicht warten, bis die Arten, auf welche sie Kunst machen, rechtlich geregelt sind. Umso nötiger ist es, die Situation des umfassenden Wandels zumindest zu begreifen, also die gegenwärtige Position zu bestimmen. Und Wandel heißt eben auch, Zügel eventuell lockerer zu lassen und Standpunkte nicht als Gesetzesvorgaben zu verstehen. Er heißt, das Spiel der Kräfte zu beobachten und daraus Schlüsse zu ziehen, die die Taten der Zukunft beeinflussen.
Warschauer Herbst, das ist ein Spagat der Orte: Das Lutoslawski-Konzertstudio, vormals ein Zentrum des Warschauer Herbstes, wurde dieses Jahr verschmäht. Man tauchte ab in Szene-Lokalitäten wie „Fabryka Trzciny Arts Centre“, in den Ziegelbau der „Koneser Vodka Distillers“ oder ins „Olympic Centre“, ging auf der anderen Seite in die Repräsentationslokalität der Nationalphilharmonie oder in den spirituellen Raum der Saint Trinity Lutherkirche. Zeitgenössische Musik, das versuchte der Leiter des Warschauer Herbstes Tadeusz Wielecki zu vermitteln, sucht keine Enklaven, sondern taucht ins Leben mit seinen die Gesellschaftsebenen spiegelnden Treffpunkten. Sie erzwingt keinen eigenen Ort, sondern geht unters Volk. Luigi Nonos Spätwerk „La lontananza nostalgia utopica futara“ fand in spiritistischer Darbietung der Violinistin Christine Michaela Pryn in die Fabrik zurück, Jonathan Harveys (er bildete einen Mittelpunkt des diesjährigen Herbstes) eindringlich direktes elektronisches Glockengemälde „Mortuos Plango, Vivo Voco“ fühlte sich in der Kirche heimisch und die große Uraufführung des gut 50-jährigen Breslauer Gorecki-Schülers Rafal Augustyn „Symphonie der Hymnen“ mit 100 Minuten Dauer konnte nur in der konservativen Umgebung der Philharmonie zu Hause sein. Es war ein in zwanzig Jahren entstandenes Großwerk neoromantischer Ausrichtung, das den Geist des polnischen Komponisten Szymanowski heraufbeschwor und einst vielleicht mit der Erfolgsstory von Goreckis „Sinfonie der Klagelieder“, die aus einem launigen Sidestep der Geschichte in die Charts geriet, liebäugelte. Man zollte Achtung und wunderte sich zugleich darüber, wie weit zeitgenössische Lager heute auseinader liegen. Denn zum Konzert, das drei Stunden davor experimentelle Ansätze jüngerer polnischer Komponisten vorstellte (Magdalena Dlugosz mit einem Stück für Saxophon und Elektronik und Wojciech Ziemowit Zych mit dem Ensemblestück „Kaspar Hausers Freunde“ fielen in eigenwilliger Gestaltung besonders auf), gab es keine Brücke.
Vielleicht vermittelte der Warschauer Herbst das auf besondere Weise: Zeitgenössische Musik heute ist auf keinen noch so weiten gemeinsamen Nenner zu bringen. Wir beobachten Vielfalt, die in der Orientierung immer schwerer wird. Wir begegnen unterschiedlichen Publikumsschichten, die miteinander wenig zu tun haben. Und hier wird ein weiteres Modell vorgelebt: Demokratie. Der Warschauer Herbst schlug große ästhetische Bögen: von der multimedialen, zwischen des Stilen suggestiv springenden Computer-Oper „Europe“ nach Worten von William Blake von Stanislaw Krupowicz, die eine mystische Operntrilogie „The Land of Ulro“ nun, nach zwei Vorläufern aus Holland und Litauen mit einem polnischen Projekt abschloss, zum großen Finalkonzert mit den vier Lutoslawski-Sinfonien (zehnter Todestag des Komponisten!). Vom höchst gelungenen Auftritt des deutschen Türmchen-Ensembles bis zu einem wohl eher (ästhetisch wie interpretatorisch) enttäuschenden Konzert des Moskauer Studios für Neue Musik, von der grandiosen Video-Oper „One“ des Holländers Michel van der Aa bis zu musikalischen Repetitiv-Strukturen des Österreichers Bernhard Lang. Landschaften entstehen. Warschau ist, heute wie früher, Vermittlungsort. Dass der Deutsche Musikrat diesem Ort seit vier Jahren eine besondere Aufmerksamkeit schenkt, beginnt sich als kluge Weichenstellung zu erweisen.