Woher das Unbehagen? – Liegt es an der Musik? An der Zeit? An beidem? Ausschließen können wir die Ausführung. Deren Qualität ist in jedem Fall, auch in den vergangenen Ausgaben der Konzertreihe, als kontinuierlich hoch zu beschreiben. Ein formidables WDR Sinfonieorchester, geleitet von bestens disponierten Dirigenten in zwei der schönsten Konzertsäle, die die Musikstadt Köln aufzuweisen hat. Dazu ein Publikum, das sich nicht zwei Mal bitten lässt. Wann immer die Konzerte im großen Sendesaal wie in der Philharmonie anstehen, ist man dabei. Im Klaus-von-Bismarck-Saal überwiegt ein Fachpublikum, in die benachbarte Philharmonie kommen alle. Zumal hier aber ist Neugierde spürbar, Bereitschaft, sich begeistern zu lassen. Soweit die gute Nachricht.
Welche Zeit in welcher Musik?
Auf der anderen Seite kommt man aus den Konzerten mit Erfahrungen, die einen am Widerspiegelungstheorem, das durch die Programminformationen spukt, zweifeln lassen. Was weiß eine Musik von der Zeit, in der sie entsteht, in der sie auf- und ausgeführt wird? Weiß sie überhaupt etwas davon? Muss sie davon etwas wissen? Ja, kann es so etwas überhaupt geben, dass ich an einer Musik die Signatur der Gegenwart ablesen kann? Der Veranstalter scheint das so nahezulegen. „Jede Zeit hat ihren Sound. In der Konzertreihe ‚Musik der Zeit‘ lädt der WDR seit 1951 Komponistinnen und Komponisten ein, ihre Perspektive auf die Gegenwart mit dem Radiopublikum zu teilen.“ Zu vermuten steht, dass es so einfach nicht ist. Nicht nur deshalb, weil Kunstmusik, von der ja hier die Rede ist, keinen spezifischen „Sound“ ausbildet, so wie das eine mit fragwürdigen Typisierungen operierende Kulturwissenschaft glaubt, wenn sie Epochen separiert, um ihnen dann Etiketten um den Hals zu hängen: „So, liebes Publikum, klingen die Zwanziger, die Sechziger undsoweiter Jahre!“ Komposition, und dafür muss man ihr unendlich dankbar sein, macht sich davon unabhängig. Wäre es nicht so, würde es ja bedeuten, dass in den Komponierstuben erst einmal über „Zeit“ und „Gegenwart“ gebrütet würde, Definitionen derselben erstellt würden, um dann den „Sound“ dazu zu fertigen. Dass so etwas abwegig ist, lässt sich unschwer erkennen, weswegen die Schlussfolgerung naheliegt, dass Komponisten, wenn sie überhaupt irgendwelche „Perspektiven“ auf irgendetwas werfen, dann in jedem Fall nicht „auf die Gegenwart“. – Was machen Komponisten? Sie reflektieren auf ihr Material, haben ihre Manieren, ihr mehr oder minder ausgebildetes Verantwortungsgefühl, damit umzugehen.
Und so kommt es denn, dass Musik, deren Uraufführung ein Menschenalter zurückliegt, gegenwärtig wirken kann und dass solche von hier und heute den Eindruck hinterlässt, als seien ihr die Spuren der Alterung bereits ins juvenile Antlitz eingeschrieben. Das war, im Übrigen, die eine Erfahrung der jüngsten „Musik der Zeit“-Konzerte. Die andere bestand in einer groben Fahrlässigkeit der Veranstaltungs-Dramaturgie. Man glaubte, die provokante Vertonung einer hochgelobten, von kannibalistischen Fantasien durchzogenen Gegenwartsliteratur ausgerechnet auf den Gedenktag 9. November terminieren zu dürfen, wozu sich nur sagen lässt: Musik der Zeit gegen die Zeit zu programmieren, ist definitiv keine gute Idee. Weiter kann die Konkretion an dieser Stelle nur nach ihren beglückenden Momenten ausgeführt werden, weswegen schlussendlich auf „Pli selon pli“ (Portrait de Mallarmé) für Sopran und Orchester zu sprechen zu kommen ist, auf eine Arbeit, mit der Pierre Boulez buchstäblich sein halbes Komponistenleben gerungen hat. Damit aber hatte sich, im allerletzten „Musik der Zeit“-Konzert, ein Vorhang gehoben. Alles lag wie verwandelt da. Ein WDR Sinfonieorchester unter Jonathan Nott mit der Solistin Magali Simard-Galdès exekutierten ein kompositorisches Vermächtnis, das in jedem Augenblick dieser über eine Stunde währenden Klangpoesie zu fesseln, zu überraschen verstand.
Nur der ist ein Mensch, heißt es bei Schiller, der spielt, und zwar mit der Schönheit. Nichts anderes macht Boulez, wenn er die Silben so weit ornamentiert, bis die Worte aus dem Sinnverstehen austreten und sich der Imagination öffnen. Und natürlich kennt sein rhythmisierter Orchestersatz auch keine Themen mehr, die irgendwie verarbeitet würden, werden müssten, keine Motive, die durch die Orchestergruppen wanderten. Wie es überhaupt das Orchester als Ganzes nicht mehr gibt, das als ein Ganzes sich artikulierte. Das Orchestertutti, das zu Beginn aufplatzt, ist wie eine Reminiszenz auf ein unwiderrufliches Ende. Als Kollektiv zusammenwirken? Eine komische Idee aus einer anderen Zeit, einem anderen Jahrhundert. Der Urknall, sagt Boulez in „Pli selon pli“, ist passiert. Was danach passiert, sind Interaktionen von Bestandteilen des aufgesplitterten Universums. Kammermusikalische Inseln bilden sich aus. Und zwar in einer Geschwindigkeit, die einem den Atem stocken lässt. Rechts Bläser, links Streicher, in der Mitte, keilförmig formatiert, fünf Harfen. An den Rändern eine Armada von Schlagwerk. Neun Perkussionisten haben unentwegt zu tun. Boulez’ Kunst der Instrumentierung ist mitreißend. Harfen, beantwortet von Marimbaphonen, beantwortet von Röhrenglocken. Durchweg alles vor oder nach den Schlagzeiten. Und wenn die große Trommel dann doch einmal auf der Eins kommt, wirkt das geradezu frappierend. Boulez spielt die Karten wie ein Meister. Nichts vorhersehbar, alles stimmig und, das macht den Unterschied, alles von ungemeiner Fasslichkeit. Musik, die uns in ihre Zeit hineinreißt.
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