Als erste der beiden größeren Musiktheater-Uraufführungen der diesjährigen Ausgabe des Neue-Musik-Festivals Eclat kam „Philoktet“ von Samir Odeh-Tamimi auf die Bühne. Im Rahmen eines Kompositionsauftrags des Eclat-Veranstalters Musik der Jahrhunderte (MdJ) hat sich der palästinensisch-israelische Komponist mit der mythologischen Figur des Philoktetes beschäftigt, der von Odysseus auf der Insel Lemnos ausgesetzt wurde.
Der Stoff wurde bereits in der Antike mehrfach aufgegriffen, erhalten ist der Text der 409 v. Chr. uraufgeführten Tragödie von Sophokles. Dem folgt Claudia Pérez Iñesta in weiten Teilen, ergänzt ihr Libretto jedoch um zwei an Scharnierstellen eingefügte Zitate aus Werken von André Gide und Heiner Müller, die geradezu komplementäre Sichtweisen auf den antiken Mythos ins Spiel bringen. Das Versmaß des Altgriechischen, dessen Aussprache das MdJ-Ensemble der Neuen Vocalsolisten sich in wenigen Wochen angeeignet hat, gibt über weite Strecken den Rhythmus der Inszenierung von Odeh-Tamimi und Rosabel Huguet vor, wobei die Dialoge zwischen Philoktet (Countertenor Daniel Gloger singdarstellerisch in Hochform) und dem von Martin Nagy mit beweglichem Tenor gegebenen Neoptolemos im Mittelpunkt stehen, während der intrigante Odysseus (Andreas Fischers tiefschwarzer Bass als Stimme der Hinterlist und Berechnung) eher im Hintergrund die Strippen zieht, als es darum geht, Philoktet samt dessen legendären, von Herakles stammenden Bogenausrüstung (mit den ins Blut der Hydra getauchten Giftpfeilen) nach zehn Jahren wieder auf ihre Seite zu ziehen. Bariton Guillermo Anzorena changiert zwischen der Rolle des „Eindringlings“ und dem auch gestisch agierenden Chor (Johanna Vargas und Susanne Leitz-Lorey: Sopran, Truike van der Poel: Mezzosopran), der wie im antiken griechischen Sprechtheater, auf dessen Tradition auch die szenische Ausgestaltung verweist, kommentierende Funktion hat.
Ebenfalls in die Bewegung des Stücks eingebunden sind die neun Musikerinnen und Musiker des Berliner Zafraan Ensembles: Wie auf einer Beinprothese humpelt Miguel Pérez Iñesta mit seiner Kontrabassklarinette nach vorn. Eindringliche 70 Minuten zeitgenössischen Musiktheaters, das als Auftragsarbeit angesichts der Möglichkeiten der Neuen Vocalsolisten dennoch ein wenig spröde wirkt. Weitere Schlaglichter auf das Verhältnis von Sprache und Klang – das Thema zieht sich als roter Faden durch das gesamte Festivalprogramm – aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln setzten Gemma Ragués Pujol mit „Probleme“, einem vor allem im Timing und dem Wortwitz bemerkenswerten „Stück für drei Stimmen und einen Psychotherapeuten“, den die Komponistin bei der Uraufführung persönlich verkörpert (Gaia: Johanna Vargas, Problem I: Guillermo Anzorena, Problem II: Andreas Fischer), sowie das Duo Los Panteros, in dessen Improvisationen die ägyptische Sängerin Aya Metwalli und der libanesische Producer und Bassist Tony Elieh mikrotonale Reibungen arabischer Skalen, ästhetische Formen der Neuen Musik und Electrosounds miteinander verschränken.
Harry Schmidt
Das Festival als Versuchsanordnung
„Play along!“ – das Kommando aus dem Off kennt man üblicherweise als Aufforderung zum Mitspielen bei Übungsversionen von Musikstücken. In den Anfängen musste man dazu Langspielplatten auflegen und konnte dann versuchen, den Solopart oder bei Jazz-Playalong, die Improvisation zu übernehmen. Der mediale Fortschritt brachte immer neue Verbesserungen und Optimierungen dieser Idee: Man konnte bei gleicher Stimmung verschiedene Tempi spielen. Gerade mal ein Jahrzehnt ist es her, dass der Verlag Schott Music erstmals eine Playalong- und Singalong-App für iPad auf den Markt brachte.
Inzwischen heißen unser Ensemblepartner oder unser Orchester nicht mehr LP, CD, oder iPad, sondern KI für Künstliche Intelligenz. Genoel von Lilienstern arbeitet in den Bereichen von KI-gestützten Kompositionsexperimenten und brachte seine neueste Versuchsanordnung „Unsupervised Sound“ nach Stuttgart zum Eclat-Festival auf dem Pragsattel. Sechs Musiker und Musikerinnen des Ensemble Garage werden auf der Bühne inszeniert, Geige, Gitarre, Posaune, Keyboards, Saxophon und Schlagzeug. Der siebte Mitspieler dieses Klanglabors war die KI. Die Abläufe des angeblich streng wissenschaftlichen Aufbaus werden von Discolasern markiert, eine Stimme führt die Musiker durchs Programm und fordert sie zunächst auf, bestimmte Tonfolgen und Klänge zu spielen. Diese werden von der KI aufgezeichnet, bearbeitet und dann den Musiker*innen als Partitur angeboten. „Play along“ fordert die Maschine die menschlichen Mitspieler immer wieder auf. Interessant ist, dass Kunst hier entsteht, weil im Zuge rechnerischer Verarbeitungsprozesse Fehler auftreten, quasi fehlerhafte Koan (Programme), die dann letztlich die Gestaltungshöhe der Musik ausmachen sollen. So faszinierend das Konzept war, so anstrengend war es auf die Dauer, dem sich wiederholenden Ablauf des Versuchsaufbaus immer und immer wieder aufs Neue zu folgen. Dennoch: Wieder einmal heißt es bei Eclat, man präsentiert Musik, die state of the art ist, man gibt Musiker*innen und Komponist*innen Experimentierraum, wie er dringend nötig ist. Das Publikum nahm es an, nach zwei Jahren Live-Abstinenz waren die Ränge gut gefüllt und es gab einige Konzerte, die ausverkauft waren.
Höhepunkt des Festivalfreitags aber war ohne Abstriche das Konzert des SWR Symphonieorchesters unter der meisterhaften Leitung von Titus Engel. Hatten früher Stimmen geunkt, das Orchester verliere mit der Fusion viel von seiner Kompetenz in Sachen Aufführung Neuer Musik, so durfte man feststellen, dass diese Sorge hier deshalb ganz unbegründet war, weil die Musik dieses Jahrgangs sich ganz an die Kernkompetenz eines Symphonieorchesters angepasst hatte, den großen und reichen Klang. Zeynep Gedizlioglu nutzte den Apparat virtuos für ihr neues Orchesterwerk „Lauf“, indem sie die Suche der Komponistin nach dem Klang programmatisch ausleuchtete. Wobei programmatisch das falsche Wort ist – die Musik folgte einer eigenen Logik und entfaltete vielfarbiges Flirren, das durch eine ewig repetierte, nach unten fallende Motivfigur konterkariert wurde.
Auf Zeyneps Klangfinessen folgte ein beinahe bruitistisches Klavierkonzert von Bernhard Gander. Der Rebell aus Tirol zog alle Register einer alarmistischen Musik, nur ein kurzes, quasi impressionistisches Intermezzo gab dem Zuhörer Erholungszeit. Joonas Ahonen am Klavier führte dieses Allegro barbaro, diesen Kraftakt, mit einer Leichtigkeit aus, als wäre es ein Mozart-Klavierkonzert. Besonders effektvoll war die ausgeprägte Basslastigkeit: die linke Seite der Klaviertastatur, acht Kontrabässe, alle Celli, alle Posaunen, Tuba und Bassklarinette übernahmen die Handlung. Geigen, Bratschen und Flöten durften zusehen und zuhören.
Auch bei Stefan Kellers anschließendem Orchesterwerk „Elektras Tanz“ standen – dem Titel entsprechend – rhythmische Aspekte im Vordergrund. Sein Stück nahm sich Zeit und ließ der Fantasie des Zuhörers freien Raum, was Elektras Seelenzustände wohl mit dem musikalischen Fortgang zu tun haben könnte. Der Seelenzustand des Publikums nach dem Konzert: Die Pausengespräche des kritischen Experten*innen-Publikums waren fast ausnahmslos euphorisch, zumindest bei der Stichprobe, die der Rezensent nehmen konnte.
Am Tag vier brachte ein spielfreudiges und überzeugendes Mivos Quartet Kammermusik mit Elektronik aus den USA nach Stuttgart. Neben einem Werk von Ambrose Akinmusire konnte man neue Namen aus der experimentellen US-Szene entdecken, darunter „Doll time“ von Chikako Morishita oder „Voices from the Ancestors“ von Andile Khumalo.
In der Reihe SWR2 JetztMusik trat als hinreißender Protagonist das SWR Vokal-Ensemble auf. Dieses Jahr in einem Doppelkonzert mit dem Trio Catch. Bis auf eine Ausnahme, dem Stück „VISIO aus VISIO–FICTIO“ für drei Violas, 24 Stimmen und Verstärkung von Valerio Sannicandro, war es ein Konzert ohne Elektronik, rein instrumental oder a cappella. Was für eine Oase inmitten der ständig anschwellenden Klang- und Bilderflut eines Neue-Musik-Festivals. Peter Rundel führte das 24-köpfige Vokalensemble genauso souverän durch Alberto Posadas klangschönen Doppelchor „Ubi sunt“, wie durch die komplexen „Future Memories für gemischten Chor/24 Stimmen a cappella“.
Schön der Wechsel von Chor zu Trio Catch, das in Martin Adámek wieder einen adäquaten Klarinettisten nach dem Weggang von Boglárka Pecze gefunden hat. Mit Kompositionen der ungarische Komponistin und Pianistin Judit Varga sowie des französischen Gitarristen und Komponisten Julien Jamet bot das Trio Catch hier dem Hörer eine differenzierte, auszuhorchende Musik an, die in ihrem piano-Gestus in wohltuendem Kontrast zum großen Effekt einiger Festivalangebote stand.
Andreas Kolb