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Tontöpfe aus dem Baumarkt sind günstiger als gegossene Glocken und klingen auch genial. Christoph Sietzen am Schlagzeug war Solist bei Johannes Maria Stauds „Whereasthe Reality Trembles“. Foto: © Sophie Wolter

Tontöpfe aus dem Baumarkt sind günstiger als gegossene Glocken und klingen auch genial. Christoph Sietzen am Schlagzeug war Solist bei Johannes Maria Stauds „Whereasthe Reality Trembles“. Foto: © Sophie Wolter

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„Wer in der Kunst keine Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“ – Abenteuerliches Festival „Visions“ in Hamburg

Vorspann / Teaser

„Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“, sagte einst Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt. Christoph Lieben-Seutter, der Generalintendant der Hamburger Elbphilharmonie und Laeiszhalle, setzt dagegen: „Wer in der Kunst keine Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.“ – Zum zweiten Mal nach 2023 fand vom 7. bis zum 16. Februar in der Elbphilharmonie das Festival „Visions“ statt – es wurde aktuelle Musik ausschließlich aus dem 21. Jahrhundert gespielt. Musik unserer Zeit von lebenden Komponisten für derzeit lebende Zuhörer. Dabei steht immer wieder der Mensch im Mittelpunkt. Eine Offenbarung!

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Visions ist zurück! Bei der zweiten Auflage der „Biennale mit Musik für das 21. Jahrhundert“ in der Hamburger Elbphilharmonie haben die Verantwortlichen nach der Erstausgabe 2023 vom 7. bis zum 16. Februar abermals eine Spitzenauswahl aktueller Komponisten, Musik und Musiker zusammengestellt und auf die Bühne gebracht. In sieben Konzerten präsentierten sieben Rundfunkorchester sechzehn Kompositionen, darunter zwei Uraufführungen.

Ein Feuerwerk an stilistisch höchst unterschiedlichen Kompositionen! Etwas, über das Generalintendant der Elbphilharmonie und Laeizhalle, Christoph Lieben-Seutter, im Interview sagte: „Wenn man sich auf ein Hör-Abenteuer einlässt, wird es superspannend.“ Andererseits: wer in ein Konzert mit aktuelle(ste)r [der geneigte Leser mag bereits hier merken, dass Worte wie „neue“, „moderne“ oder „zeitgenössische“ Musik seitens des Festivals vermieden werden] Musik geht, gar in eine Uraufführung, der ist – egal ob er Kenner, Liebhaber oder nur unbedarfter Elphi-Tourist – immer in Abenteurer.

In diesem Jahr fanden alle Konzerte im Große Saal der Elbphilharmonie und es waren zwei Konzerte weniger als 2023. Diese konzentriertere und gestrafftere Form hat dem Festival und seinem Publikum gut getan. Denn seien wir einmal – fern aller bösen oder besserwisserischeren Klugschnackerei – grundehrlich: sieben Tage Musik unserer Tage kann auch für gut vorgebildete und eingehörte Besucher anstrengend sein, gar zu dem einen oder anderen persönlichen Durchhänger führen.

Preisträger Alex Paxton

Eröffnet wurde das Festival – wie schon vor zwei Jahren – mit der Uraufführung eines Werkes, das mit dem Clausen-Simon-Kompositionspreis ausgezeichnet wurde und speziell für dieses Festival, den großen Saal der Elbphilharmonie und das NDR Elbphilharmonie Orchester konzipiert worden ist. In diesem Jahr ging der Preis an den britischen Komponisten Alex Paxton für sein Werk „World Builder, Creator“.

„Neue Musik ist wichtig“, sagt Paxton, „denn sie schafft neue Wege für neue Gefühle. Und die brauchen wir dringend, denn unsere Welt ändert sich ständig und ruft immer neue Emotionen hervor, die wir irgendwie artikulieren müssen, um im Leben klarzukommen.“ Im Zentrum von Paxtons Musik „steht immer die Melodie“ [Melodie, was auch immer das letztlich sein mag – ein Begriff, der sich bei Visions 2025 übrigens immer wieder einschleicht]. „Worldbuilding“ ist in Paxtons Schaffen zentral, denn für ihn ist es das, was Musik kann – Welten entstehen lassen.

Der Begriff „Melodie“ schien in der neueren Musik lange Zeit verpönt, ebenso wie Harmonie und Wohlklang. Auch war neue Musik wohl nicht das, was sich wie ein angenehmes warmes Bad nach einem langen und anstrengenden Arbeitstag der Seele darbot. Die Zeiten in denen strenge Dogmen und Verbote die Musikgeschichte und Kompositionslehre bestimmt haben, sind lange vorbei. Die Suche nach dem Neuen, Unbekannten oder Unerwarteten hat trotzdem unter den Komponisten nie nachgelassen.

Lieben-Seutter beschreibt das so: „Heute ist das Spektrum viel größer. Der eine schreibt Geräusch-Musik, der andere serielle atonale Musik, der dritte traditionelle Dreiklänge, der vierte nutzt Live-Elektronik. Diese Freiheit bedeutet aber keineswegs Beliebigkeit, sondern Vielfalt.“ Diese Vielfalt wollte das Festival-Programm abbilden. Das ist in geradezu grandioser Weise gelungen! – In Gesprächen am Rande des Festivals konnte man immer wieder hören, dass die Musikauswahl in diesem Jahr „gefälliger“ und „besser zu hören“ war als vor zwei Jahren. Ob dieses Zufall, eine musikgeschichtliche Entwicklung oder gar ein Zugeständnis an das Publikum ist, ist schwer zu beurteilen.

Beschäftigung mit menschlich existenziellen Themen

Auffallend ist im diesjährigen Programm die Beschäftigung der Komponisten mit menschlich existenziellen Themen und einer Ebene, die sich mit dem Lebensraum des Menschen und seiner nicht immer nur unmittelbaren Umgebung beschäftigt. Paxtons machte mit seinen weltbildnerischen Ideen den Anfang, Bernd Richard Deutsch vertont Johann Wolfgang von Goethes Urworte (Dämon, das Zufällige, Liebe, Nötigung, Hoffnung). Alberto Posadas „Königsberger Klavierkonzert“ beschäftigt sich mit den Sieben Königsberger Pregel-Brücken, stellt die Frage, wie man von einem Ort zum anderen kommt. Den „Raum zwischen den Ereignissen“ versucht Johannes Maria Staud in seinem „Whereas The Reality Trembles“ zu erforschen. Olga Neuwirths „Masaot / Clocks without Hands“ hat ihren Ursprung in dem „vielstimmigen, zersplitterten Gesang meiner Herkunft“. Die Sterne, gedehnte Zeit, Engel und Luzifer durchsetzen das Gedankengebäude von Georges Lentz „… To Beam In Distant Heavens …“. „das herz pumpt das blut durch die aorta in die arterien bis hin zu den den feinsten kappilaren und zellen des körpers / stöhnen, schreien / ermüden / sich erholen / wiederholen“ heißt es im Werkkommentar zu Bernhard Ganders „Blood Beat“. Clara Iannotta beschreibt in „Moult“ das Phänomen der Häutung, der Verpuppung eines Lebewesens, Arnulf Herrmann begibt sich auf eine „Tour de Trance“.

Der Mensch selbst ist ein Thema, das viel öfter in allen seinen Lebens- und Pseudo-Lebens-Lagen thematisiert werden sollte! Das, was wir Menschen tun ist nicht immer nur leben, es ist oft nur funktionieren [„Was machst Du beruflich?“ – „Keine Ahnung, aber ich gehe da jeden Tag wieder hin.“] und anderen Menschen gefallen wollen. Die Musik kann uns hier helfen, uns auch mit uns selbst auseinanderzusetzen. Das muß sein und ist ausdrücklich erwünscht und erlaubt!

Publikum – auch Menschen

Der zentral wichtige Mensch in der Musik ist übrigens neben den Komponisten und den Musikern der Zuhörer, das Publikum. Was wäre Musik ohne Zuhörer? Nichts! [Ich höre schon irgendwelche klugen Musikphilosophen …..] Abermals: Nichts! Deshalb darf man das Publikum als Veranstalter in den Blick nehmen. Das von Lieben-Seutter versprochene Hör-Abenteuer bezieht sich ja nur auf das Musikhören im engeren Sinne. Ein Konzertbesuch aber ist mehr!

Es muß endlich einmal gesagt werden: Die Crew in der Elbphilharmonie – von der Kasse über den Einlass, die Garderobe, das Buffet bis hin zum Einlaß – und nicht zu vergessen, das Personal, das überall „herumsteht“, nur um die Menschen zu umsorgen und auf den rechten Weg zu bringen – ist großartig und sucht seinesgleichen in der Welt der kulturellen Spielstätten! Ihr alle seid toll! Danke für Eure Betreuung, Euren Dienst und Eure unerschütterliche gute Laune!

Die Verantwortlichen in der Elbphilharmonie machen also vieles richtig und gut! Das Vorderhauspersonal stimmt! Die Auswahl der Komponisten und der gespielten Werke (diese Bewertung mag je nach persönlichem Geschmack der Zuhörer variieren) ist hochklassig und spannend, die Künstler sind überwiegend atemberaubend, immer aber wunderbar! – Das alles honoriert das Publikum, indem es frühzeitig zur Vorstellung kommt und noch ein Gläschen Kribbelwasser im Foyer zu sich nimmt.

Auch die Menschenmengen, die zu einem solchen doch nicht alltäglichen und möglicherweise ungewöhnlichen bzw. ungewohnten Konzert kommen, sprechen eine klare Sprache: In sieben Konzerten gab es 13.157 Besucher – das entspricht einer Auslastung des Saales von 92 % – das ist ein Wert, der sich gerade bei Konzerten mit Musik unserer Zeit durchaus sehen lassen kann! 6000 neugierige Menschen haben dabei die Elbphilharmonie zum ersten Mal besucht. Besonders stolz ist man bei den Verantwortlichen in der Elbphilharmonie über den Anteil der Gäste unter 30 Jahren – er lag bei 23,5 %.

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Und nach dem Konzert – ab in den Club … Foto: © Sophie Wolter

Und nach dem Konzert – ab in den Club … Foto: © Sophie Wolter

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An die Hand nehmen

Warum also ist bei so vielen hochkarätigen Mitarbeitern in der Elbphilharmonie nicht möglich, die Brücke zwischen der Bühne und dem Zuschauerraum, zwischen Künstlern und Zuhörern – gerade hier bei aktueller Musik – professionell auszufüllen? Unbenommen: Es ist schwierig, eine in jeder Hinsicht so diverse Gruppe wie „das Publikum“ in denn Griff zu bekommen. Da gibt es Menschen (6000!), die noch nie in der Elbphilharmonie waren, vielleicht auch mit der „ernsten“ Musik nicht so vertraut sind. Und es gibt das Gegenteil: die Wissenden. Und es gibt die schier unzähligen Menschen, die zwischen diesen beiden Polen anzusiedeln sind.

Irgendwann muss doch mal jemand wahrnehmen, dass bei Helmut Lachenmanns hochgerühmten „My Melodies“ etwa 10 % des Publikums nach und nach den Saal verlassen haben. Vielleicht sind die wirklich informativen Komponistengespräche nicht die ultima ratio, zumal wenn sie nicht mehr bieten, als das Programmheft und womöglich erst nach der Aufführung der Komposition stattfinden. Auch die teils englisch geführten Interviews grenzen eine große Menge des Publikums aus, erst recht, wenn immer wieder in jeweils unterschiedlichem Kontext über so zentrale und gleichzeitig inhaltlich wie (musik-)philosophisch wichtige Begriffe wie „time“ und „space“ gesprochen wird. Wen will man damit ansprechen, von wem erwartet man allen Ernstes ein wirkliches Begreifen solcher komplexer Zusammenhänge?

Nein – es kommt hier jetzt keine schnell dahingetippselte Lösung. Diese gibt es möglicherweise auch nicht. Die Bemühungen sind unübersehbar – aber sie reichen noch lange nicht aus. Es hilft aber keinesfalls eine Bemerkung wie „wollen ja auch niemanden verschrecken“. Musikvermittlung [und man hört, es könnte da in der alten Störtebecker-Gastronomie etwas entstehen] ist wichtiger denn je! Schlechte Nachricht: man wird immer wieder jemanden verschrecken! Aber es gibt so viele Unwissende, die einfach nicht wissen, was da in diesen heiligen Musentempeln geschieht: Wann wird geklatscht – und warum klatscht man in einer Generalpause des Orchesters nicht? [Warum gibt es *gruebel* überhaupt Generalpausen?] Ihnen zu helfen ist für den Erhalt unserer Kultur und ihrer Einrichtungen existenziell!

Auch der Satz von Lieben-Seutter, man wolle „niemanden belehren“ klingt zeitgeistig und zugewandt. Aber „nicht belehren“ (und jetzt lassen Sie und kleingeistig nicht über Formulierungen streiten) – warum eigentlich nicht? „Belehren“ ist nichts anderes als Weitergabe von Wissen – für uns studierte Musikwissende (Lieben-Seutter, Gilbert, Lebitsch, …. und in aller Bescheidenheit: der Autor dieser Zeilen) scheint eine Pflicht zur Belehrung zu bestehen – denn die, die wir belehren, denen wir damit (Hör-)Hilfen anbieten, haben immerhin durch ihre Steuern unser Studium wesentlich mitfinanziert!

So aber nicht!

Fazit: Belehrung muß sein – und sie muß zugewandt und freundlich sein. Hochnäsigkeit gegenüber dem Publikum ist unangebracht. Die zwei Szenen, die der Spiritus Rector dieses Festivals, Alan Gilbert, sich in seinen beiden Konzerten geleistet hat, sind allerdings (wenn auch menschlich, künstlerisch und gar kulturell-musikalisch verständlich) unentschuldbar! Beim ersten Konzert kam zwischen den Sätzen (wohl nach einem Toilettenbesuch) ein Zuhörer leise und unauffällig (wenn auch im vorderste Saalbereich) wieder zurück. Diesen mit Augen, Ganzkörpereinsatz und Kopfschütteln zu seinem Platz zu begleiten – das geht gar nicht! Dann muß die Anweisung eben heißen: kein Einlaß während des Konzertes.

Beim letzten Konzert hat jemand zu früh, zu laut und zu intensiv in den noch verklingenden Klang hineingeklatscht. Ein Unwissender? Ein extrovertierter Spinner? Publikum! Am Pult in sich zusammensacken und mit der Hand auf seine Stirn schlagen (auch ein leichtes Kopfschüttteln war zu sehen) ist eine Reaktion, die absolut nicht angemessen ist. – Auch muß man über Gilberts nächste Aktion nachdenken, die er selbst dem Publikum gegenüber als „zweite Chance“ bezeichnete: er ließ das Orchester die letzten Takte noch einmal spielen. Vermutlich gab es eine Tonaufnahme, die Gilbert retten wollte. Aber was macht er mit der Musik und dem Publikum? Er hätte das knapp fünf Minuten dauernde Stück auch noch einmal ganz spielen können. So lässt er nur Fragen zurück – warum kann man so wenige Takte auch allein spielen? Haben die keinen inneren Zusammenhang zur Gesamtkomposition? Könnte man auch nur ein paar Takte vom Anfang spielen und dann nach Hause gehen? Aktuelle Musik eben!

Ausklang

All das aber ist schnell vergessen, wenn das Konzert vorbei ist – denn dann geht es weiter. In der schon erwähnten (derzeit leerstehenden) ehemaligen Störtebeker-Gastronomie gab es nach den Konzerten die Möglichkeit, bei Musik und Getränken in die Clubkultur einzutauchen. Bis tief in die Nacht konnten die Festivalbesucher in einer Pop-Up Bar mit DJs aus London, Brüssel und Hamburg abhängen, chillen. Eine finale Ohrenspülung quasi. Genial!

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