Drei junge Musiker konzertierten erstmals mit Hamburgs ehrwürdigem NDR Sinfonieorchester und wagten sich gleich an die Prüfsteine ihres Repertoires: Veronika Eberle spielte Bruchs unverwüstliches erstes Violinkonzert, Claudius Popp interpretierte Haydns berühmtes D-Dur-Cellokonzert und Giuliano Sommerhalder grub das dagegen kaum bekannte Trompetenkonzert von Arutjunjan aus.
„Hamburg Debüt“ nennt sich das Pilotprojekt, das erstmals Stipendiaten der Deutschen Stiftung Musikleben in der Hamburger Musikhalle mit einem A-Orchester zusammenspannte und dem vollem Haus einer staunend lauschenden Gemeinde präsentierte. Verblüffung herrschte indes nicht nur über die durchweg reifen, durchdachten und persönlich gewachsenen Interpretationen der jungen Elite, die es hier nach Herzenslust zu loben gilt. Denn überrascht durfte man zunächst über die verkehrten Vorzeichen zwischen Arrivierten und Nachwuchs sein. Nicht die alten Hasen vom NDR wiesen hier den jungen Hüpfern den Weg der unerhörten Zwischentöne, der frechen Akzente und famosen Farben, nein, es waren die drei Solisten, die den Motivationsmotor mit süßem geigerischem Schmierstoff, mit erregender Celloenergie und stupendem Trompetenstrahl schnellstens von Null auf Hundert brachten. Grillig die Mienen und versteinert die Gestalten der NDR-Musiker, die zu Beginn Strawinskys Feuervogel in der Fassung von 1919 zum Anwärmen auf den Pulten liegen hatten. Unter den animierenden Händen von Maestro Eiji Oue ließen die beamtenorchestralen Altmeister natürlich nichts anbrennen. Alles hatte seine Ordnung. Mit den ersten Tönen von Julius Popp aber entstand die Musik als mutige Vergegenwärtigung der alten Noten, die auf einmal wieder ganz frisch zu sein schienen. Popp, der noch während seines Studiums bei David Geringas mit 21 Jahren zum Solocellisten von Daniel Barenboims Berliner Staatskapelle berufen wurde, darf mit dem derzeit kostbarsten Cello des Deutschen Musikinstrumentenfonds, den die Stiftung gemeinsam mit der Bundesregierung 1993 gegründet hat und der mittlerweile zu Deutschlands größter und wertvollster Instrumentensammlung für den Nachwuchs angewachsen ist, musizieren: Der legendäre Geigenbaumeister Andrea Guarneri schuf es 1691 in Cremona, der legendäre Cellist Ludwig Hoelscher hat es einst gespielt.
Der heute 24-jährige Julius Popp erweist sich auf seinem wunderwonnigen Cello als ein Interpret von Rang. Er bedient weniger das symphonisch durchwirkte, diskursive wie sanglich ausgewogene Moment Joseph Haydns, er lädt das Legato des Wiener Klassiker gehörig auf, er phrasiert gewagt, er rhythmisiert ruppig. Und siehe da: Wo Motive von seinen Streicherkollegen aufgegriffen werden, nimmt er vorab Blickkontakt auf, gibt den Ball ab und hält ihn, derart vorgefühlt, sensibel und flüssig im Spiel. Popp erfindet Papa Haydn neu, kreiert gar ein grandioses Gleichgewicht zwischen Belcanto und Musikdrama. Alexander Arutjunjans As-Dur-Trompetenkonzert hat zwar schon Übervirtuose Maurice André zu höheren Weihen verholfen, trotz allem wirkt das 1950 komponierte Opus des Armeniers heute so, als habe es den Vorgaben des Sozialistischen Realismus ein wenig zu distanzlos gehuldigt. Die stalinistisch angesagte Volkstümlichkeit kann allerdings durchaus hübsch klingen, wird sie denn von einem so brillanten jungen Trompeter wie Giuliano Sommerhalder geadelt. Der 21-Jährige tritt in diesem Herbst seine Stelle als Solo-Trompeter des Leipziger Gewandhausorchesters an. Sein warmer, runder, fein schattierter Jubelton war jedenfalls ein Ereignis, das nur die Jüngste im Bunde noch zu übertreffen wusste. Veronika Eberle ist noch keine 18 Jahre alt, sie musiziert nach erfolgreichem Wettbewerbsvorspiel der Stiftung auf einer Violine, die der neapolitanische Meister Joseph Gagliano um 1790 geschaffen hat. Wer Veronika jetzt mit Bruchs romantischem Dauerbrenner hören durfte, konnte so etwas wie eine traumhaft schöne Liebesbeziehung miterleben. Die Münchner Jungstudentin, die parallel zum Studium ihr Abitur macht und bereits mit Simon Rattle das Beethoven-Konzert musizieren durfte, scheint mit ihrem Instrument wahrlich „die Richtige“ gefunden zu haben. Zwei wesensverwandt hintergründige Persönlichkeiten haben sich da getroffen. So authentisch und ungekünstelt, so ernst und tief, so rein und süß hört man heute wenige junge Geigerinnen. Davon kündeten jetzt gar die Gesichter der NDR-Sinfoniker, die einen Hauch von echter Begeisterung erkennen ließen.
Bewerbung:
Junge Musiker, die sich um ein Instrument bewerben möchten, können sich bei der Deutschen Stiftung Musikleben, Stubbenhuk 7, 20459 Hamburg, unter www.deutsche-stiftung-musikleben.de oder unter Tel. 040/37 03 53 90 informieren. Der nächste Wettbewerb des Deutschen Musikinstrumentenfonds findet Ende Februar 2007 im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe statt. Die Ausschreibung wird im Herbst veröffentlicht.