Was haben dicke Wintersocken mit Purcells „Dido und Aeneas“ zu tun? Sie sollen fürs Wohlbefinden der Besucher_innen in der Tischlerei der Deutschen Oper Berlin sorgen: Pflichtobjekte vor Betreten des mit Luftpolsterfolien zum weißen Kubus umgestalteten Vielzwecktheaterraums. Dramaturg Curt A. Roesler, selten so groß, wie wenn er, auf der Garderobentheke stehend, das Publikum indoktriniert, gibt im Foyer den Einsatz, sich ganz leise zur Ruhe zu be- und vorher die Schuhe abzu-geben.
So eigenwillig lädt die Deutsche Oper Berlin zur kurzweiligen Pocket-Version einer Oper jenes britischen Komponisten, dessen „King Arthur“ unlängst in der Staatsoper zu einem überlangen Abend aufgeblasen wurde. Hier ist das andere Extrem zu erleben.
Eine sphinxhaft lächelnde, sich jedoch bei einer Nachfrage britischer Besucher als des Englischen unfähig erweisende Hostess bettet die bestrumpften Besucher_innen mäandrisch auf fliesunterwattierten Kracher-Verpackungsfolien.
Die Videoprojektion auf der Decke des Raums – mit vorproduzierten Beziehungs-Takes und plakativen Schlagworten zur Beziehung zwischen Karthagos Königin Dido und dem griechischen Helden Äneas – ist kopfquer zur angeordneten Liegerichtung durchwegs schlechter zu lesen als im Stehen. Besser also, die Liegenden schließen gleich die Augen und lauschen – so nicht die Gerüche des Nebenmanns, verqualmte Kleidung oder Käsefüße, dies olfaktorisch verhindern.
Zu Lauschen gibt es viel im quadrophonischen Umfeld, denn so kurz, wie die Oper aus dem Jahr 1689 ohne ihren verloren gegangenen Prolog dauert – knapp 60 Minuten – soll es auch in der Neuproduktion der Deutschen Oper Berlin nicht abgehen. Die knapp viertelstündige Komposition „La Didone abbandonata“ des 1957 geborenen Michael Hirsch ersetzt als italienische Komplettwiedergabe der Handlung jenen verschollenen Prolog zu Purcells in englischer Originalsprache ertönender Nummernabfolge.
Glücklicherweise hat es mit dem atmosphärisch dichten, elektronisch erzeugten Klingeln, Säuseln und Wassertropfenglucksen zum Vokallamento nicht sein Bewenden. Denn auch die Purcell-Komposition selbst hat Hirsch bearbeitet, ausgedünnt für ein kleines Instrumentarium mit vier Streichern, Akkordeon, Flöte, Trompete, Posaune und Bassklarinette sowie zwei backstage aufspielenden Percussionisten.
Das Programmheft erwähnt zwar einen Rattenschwanz von Helfern bei der szenischen Realisierung (über Ausstattungshospitanz und ein „Team Filmproduktion“ bis hin zu den Namen „Auszubildende[r] für Veranstaltungstechnik“), vergisst aber die solistischen Instrumentalist_innen des Kammerensembles zu nennen, die nicht einmal kollektiv Erwähnung finden (wohl aus dem Orchester der Deutschen Oper Berlin). Außerdem ist noch ein anonymer Live-Elektroniker am Werk, denn Hirsch hat das barocke Klangbild mit Klangeruptionen von Sturm und Bruch, des Meeres und der Liebe Wellen überlagert.
Martin G. Berger, der mit einer Musiktheaterregie in einem veritablen Berliner Bordell für Aufmerksamkeit gesorgt hatte, hat die von Michael Hirsch übermalte Purcell-Oper mit (zu) viel Video-(Live-)Einsatz inszeniert.
Der von ihm anfänglich verordnete Publikumsschlaf gebiert als Ungeheuer der Unvernunft ein blondlockiges Quartett in goldenen Streifenröcken und schwarzen Tops: Alexandra Hutton und Meechot Marrero – sowie Jörg Schörner und Andrew Dickinson als Crossdresser – als Zauberin, Hexen, Geist, Belinda und Chor von „Didos innere[n] Stimmen“. Die scheuchen die schlafenden Zuschauer_innen auf gruppieren sie zu händchenhaltendem Reigen, animieren sie später auch zu Paartänzen. Für ein gemeinsames Frühstück mit dem Liebespaar am Morgen danach verteilen sie Croissants (selbstredend auch in Transportfolienbeuteln). Zuvor war Dido von den Geistern in Verpackungsfolie gehüllt worden, später wird die Flucht des Aeneas mit eben jener Folie kurzzeitig verhindert. Beim ersten Auftritt des ungeschlacht lautstarken Aeneas (Stephen Barchi) sinkt die Folienwand vor der Orchesterformation zu Boden; nun ist der vordem nur auf Monitoren vervielfacht präsente Dirigent Jens Holzkamp mit seiner behutsam pointierten Ausdeutung der klanglichen Substanz auch live in Aktion zu erleben.
So aufwändig die Raumausstattung wirkt, offenbar wurde auch bei einer Nachweihnachts-Occasion von Goldlametta zugegriffen: wiederholt werden Plastik-Goldschnipsel gestreut, als Schiff hat Bühnenbildnerin Sarah-Katharina Karl eine Bühnengiraffe mit jenen Goldbandstreifen umhüllt, die in Silke Bornkamps Kostümen die Streifenröcke bilden. In der Schlussnummer besteigt die makellos singende Sopranistin Abigail Levis die Giraffe und wird damit quietschend in den Bühnenhimmel gehievt – um für den verdienten Applaus ebenso langsam retardierend wieder herabgesenkt zu werden.
Die angekündigte Devise der Dido als „erfolgreiche[r] Powerfrau“ löst sich jedoch ebenso wenig ein wie die von der Bühnenbildnerin angekündigte Reise „in Didos Kopf“.
Nach der dritten Aufführung des Auftragswerks der Deutschen Oper Berlin dann Stau bei der Sockenabgabe und Schuhwiedererlangung – und eine verschenkte Marketingidee für Dido-Latschen oder Aeneas-Treter mit DOB-Logo. Da kann die Marketingabteilung wahrlich noch vom Brezelmann lernen, der sich vor dem Eingang aufgepflanzt hat und (mit unfreiwilligem Bezug zu den Käsefüßen in der Tischlerei) seine Käse- und Salz-Brezeln anpreist:
„Brezeln, garantiert plastikfrei,
frisch aus der Dido-Bäckerei!“
- Weitere Aufführungen: 7., 9., 10. und 11. Februar 2017.