So viel Aufbruch war nie – nach Weltkrieg, Kriegstechnokratie und Entwertung des Einzelnen zum Menschenmaterial musste nach 1918 kommen und kam: ein umfassender Neuansatz, zu dem sich viele Künstler berufen fühlten. Einen Kulminationspunkt dieses Strebens und Anspruchs bildete das „Bauhaus“ in Weimar und Dessau. Einen bald auch in Paris oder New York anerkannten Gipfel dieser Innovationsbegeisterung bildete das von Oskar Schlemmer 1922 geschaffene „Triadische Ballett“.
Es ist das alte Thema, das von „Golem“, „Sandmann“, Kleists „Marionetten“-Überlegungen über faustische „Homunculi“ und Hoffmann-Offenbachs „Olympia“ tief in unser technologisches Zeitalter hineinragt – zur „Metropolis“-Welt, dem Roboter und Michelin-Männchen der Werbung über „Blade-Runner“-Replikanten bis zu „Real Humans“, „Transformern“ und Avataren in Film und Fernsehen.
Der durch Freunde und Ehefrau enorm tanz-affine Schlemmer hat in drei 25-minütigen Tanzreihen jeweils sechs „Figuren“ zunächst auf geometrische und vielfarbige Formen wie Kugel, Scheibe, Spirale, Keule, Spitzkegel, Rolle, Zylinder undundund reduziert. Vielfältige „Kostüm“-Materialien – Holz-Rock, Woll-Trotteln, „Fat-Suit“-Teile, senkrecht und waagrecht getragenen Scheiben, durch Drahtspiralen erweiterter Kopf und Hüfte – verändern und legen Bewegungsabläufe offen. Derartige Modernität galt den brauen Kulturbarbaren natürlich als „entartet“. 1977 hat Choreograph Gerhard Bohner diesen Kultur-Solitär aufwändig rekonstruiert und sich dann von der ursprünglichen Klassik- und Hindemith-Musik gelöst. Bohner ließ von Hans-Joachim Hespos eine zwischen Schlagwerk-Explosionen, Saitengezirpe und Bläser-Phrasen vexierende Klang-Kulisse komponieren und auf Band einspielen: es wurde ein stupender Erfolg, der in über 80 Vorstellungen rund um die Welt gastierte.
Münchens Ballettdirektor Ivan Liška und seine Frau Colleen Scott tanzten damals mehrere Rollen und betreuten nun mit Unterstützung von Fachkräften der Berliner Akademie der Künste die Neueinstudierung durch neun Tänzerinnen und Tänzer der Junior Company des Bayerischen Staatsballetts – unter Verwendung der originalen Hespos-Band-Zuspielung.
Im schwarzen Raumgeviert der fast an Bauhaus-Gegebenheiten erinnernden Reithalle war den jungen Tänzern in den von Spitzentanz über Pirouette bis zu Sprüngen reichenden Bewegungsabläufen mitunter doch die Bemühung anzumerken: Sperrigkeit und Schwere der Kostüme stellen ganz andere Anforderungen. Doch die Mechanik eines auf die von unsichtbaren Fäden bewegten Holzteile reduzierten Hampelmanns (Elvis Abazi), die Wucht wie die Reduktion von Kugelhänden (Florian Sollfrank) oder die zwischen ägyptischer Zweidimensionalität und Renaissance-Dekoration changierende Reduktion der Scheibenmänner beeindruckte. Über die rein analytische Zerlegung und Entlarvung von Bewegungsabläufen hinaus in Scheiben-, Perlmutt- und Spiralrock (Alisa Bartels, Anna-Lena Uth, Alisa Seetinia) begannen Bohners Choreographie und die Neueinstudierung auch anzurühren und zu faszinieren. Speziell der zart-feingliedrigen Pauline Simon im getüpfelten Kugelrock, später im kugelbesetzten bunten Türkenrock samt Kugelhaube, erst recht im ihrem finalen Drahtspiral-Kopfputz wie Hüftbesatz gelang es, eine kleine Liebesgeschichte, ein Wechselspiel zwischen zwei Männern und schlicht zauberisches Silberglitzern im nächtlichen Raum zu „erzählen“. Gabriele Radaelli und Elvis Abazi vereinten in ihren Scheiben-Wirkungen Gefährlichkeit und Fremdheit, ehe Abazis „Abstrakter“ noch einmal die ganze Faszination von Oskar Schlemmers in Raum und Tanz erweiterte „Bildende Kunst“ verstrahlte – bald einhundert Jahre alte Invention wirkte fabelhaft zeitlos, analytisch alterslos und somit unverändert modern. Hingerissener Beifall, fünf sofort ausverkaufte Münchner Aufführungen – von 27. bis 30.Juni Gastspiele in Berlin – denen viele weitere zu wünschen sind.