Jedes Jahr ist es das gleiche: Es gibt eine Zeit vor den Leipziger Jazztagen und eine danach. Vorher, beim Lesen des Programms, schaut man etwas skeptisch auf viele Namen und freut sich auf einige bekannte Größen des Jazz. Und danach weiß man, wie vielfältig, spartenübergreifend und humoristisch zeitgenössischer Jazz sein kann und wer/was sich hinter diesen Namen verbirgt. Die Leipziger Jazztage bieten immer Überraschungen, im Jahr 2004 bereits zum 28. Mal. Zu verdanken ist diese Programmvielfalt dem Jazzclub Leipzig und seinem künstlerischen Leiter Bert Noglik.
Hauptschauplatz des viertägigen Jazz-Marathons ist die Oper Leipzig. Hier finden die abendlichen „Großevents“ statt. Auf den Nebenschauplätzen, Moritzbastei, Szeneclub naTo und Reformierte Kirche, sind spezielle Konzerte angesiedelt, die der Erwartungshaltung des Publikums eher entsprechen. In diesem Jahr waren es afrikanische Klänge und Rhythmen in Jasper van’t Hofs seit zwanzig Jahren bestehenden „Pili Pili“-Projekt; Jazzrock, Ambient, Drum’n’Bass, Trip-Hop mit den Musikern um Alex Gunia; frei improvisierte Klezmer-Klassiker der New Yorker Band Rashanim; Live-Elektronik gepaart mit Posaune und Violine. Einen besonderen Akzent setzen die Leipziger Jazztage jeweils in der Reformierten Kirche. Der Samstagnachmittag kann als Ruhepunkt gelten, an dem man nach aufregenden Abendkonzerten wieder zu sich selbst finden kann. Zu dieser Selbstfindung verhalf in diesem Jahr die norwegische Sängerin Sidsel Endresen. In ihrem erstmals aufgeführten Soloprogramm stellte die Stimmakrobatin ihre Virtuosität unter Beweis und ließ in keiner Minute eine Instrumentalbegleitung vermissen.
Der Dreh- und Angelpunkt der Jazztage ist jedoch in der Leipziger Oper zu finden. Hier trifft Weltklasse auf Newcomer und der erste Opernabend war der beste Beweis dafür. Der Nachwuchssaxophonist Markus Kesselbauer eröffnete den Abend und konnte als Begleiter so erfahrene Musiker wie den Pianisten Walter Lang oder den Posaunisten Johannes Herrlich gewinnen. Aus dessen Feder stammt der Titel „Hymn“, eine Parodie auf die Hilflosigkeit von Sportlern während der Eröffnungszeremonie sportlicher Großereignisse samt Hymne. Das chaotisch zeitversetzte Zusammenspiel war signifikant dafür. Seine Liebe zu Leipzig, wo Kesselbauer bei Konrad Körner und Richie Beirach studierte, artikulierte er in „Final Inspiration“, ein Stück zwischen Willkommen und Abschied. Im Herbst wird Kesselbauer seine Studien in New York fortsetzen.
Mit Sicherheit wird er dort auch wieder auf seinen Kollegen James Carter treffen. Wynton Marsalis und Lester Bowie sehen in ihm den „Tenorsaxophonisten der Zukunft“ und sein kapriziöses Auftreten zeigt, dass er sich dessen bewusst ist. Er und sein Orgel-Trio mit Gerald Gibbs an der Hammond B3 und Leonard King am Schlagzeug lieferten in Leipzig ein wahres Feuerwerk ab. Am Schluss des Konzertes gab es auch noch eine Überraschung: Carter holte Kesselbauer auf die Bühne und beide ließen eine auf großen Festivals leider ausgestorbene Sessionatmosphäre aufkommen, die das Publikum erstaunen ließ.
Dass Leipzig für den Jazz schon einmal bedeutende Impulse geliefert hat, bewiesen die beiden Brüder und Altmeister des Jazz, Rolf und Joachim Kühn. Beide zogen, jeder für sich, aus Leipzig in die Welt und feierten jetzt gemeinsam die Rückkehr in ihre Heimatstadt, und sei es auch nur für ein Konzert. Das Duo Kühn/Kühn improvisierte in seinem Programm auf Jazzstandards, verfremdete sie und ließ sie wiedererkennen.
Dass Jazz und Inspiration unmittelbar zusammen gehören, ist bekannt. Alle Künstler des zweiten Abends haben sich von Giganten der Jazz- und Rockgeschichte inspirieren lassen: Das Gianliugi Trovesi Otetto schöpfte unkonventionell und mit italienischem Charme aus der Renaissance-Musik oder schuf skurrile Synthesen aus populärer und Kunstmusik.
Das Duo des Trompeters Thomas Heberer und des Kontrabassisten Dieter Manderscheid zollten dem großen Louis Armstrong mit fast kammermusikalischen Miniaturen Tribut.
Doch die eigentliche Überraschung des Abends und vielleicht des gesamten Festivals war die Annäherung an Jimi Hendrix durch Erika Stucky. Die beiden Schweizer Christie Doran (Gitarre) und Fredy Studer (Schlagzeug) holten sich die amerikanisch-schweizerische Performerin als Vokalistin in ihr seit zehn Jahren existierendes Hendrix-Projekt. Jimi Hendrix machte Erika Stucky zum Publikumsliebling der Leipziger Jazztage. Oder umgekehrt? Jedenfalls hatte man das Gefühl, dass der alte Jimi das Diesseits verlassen musste, um als Reinkarnation in Erika Stucky zurückzukehren. Und sie, die Undankbare, hatte nichts Besseres zu tun, als respektlos über ihn herzufallen. Doch, egal ob mit knallbuntem Kinderrecorder oder Hexenbesen, nie arteten die eigentümlichen Cover-Versionen in Klamauk aus, sie waren einfach nur gute Unterhaltung.
Das Finale der 28. Leipziger Jazztage bot der legendäre Pianist McCoy Tyner. Einstmals veränderte er gemeinsam mit John Coltrane, Jimmy Garrison und Elvin Jones den Kurs des Jazz im 20. Jahrhundert. Zusammen mit Eric Harland am Schlagzeug und George Mraz am Kontrabass ließ er die Zeit mit Coltrane wieder auferstehen. Ein Schritt zurück, zwei Schritte vorwärts. Die Entwicklung wird weitergehen.