Heiter-melancholisch, stets elegant. Fasziniert hat die Leichtigkeit der Chansons von Charles Trenet von Anfang an. Wie die Piaf, wie Montand ist Trenet heute kulturelles Allgemeingut in Frankreich. Längst vergessen die unschönen Vorfälle, als man den Künstler nach Kriegsende der Kollaboration beschuldigte. Zu keiner Zeit verdächtig waren seine Lieder. Trenets „Douce France“ etwa war und ist berühmt wie hierzulande nur die Lili Marleen. Man muss dies wissen, um zu ermessen, was es bedeutet, wenn sich ein österreichisch-französisches Kulturprojekt zum Musiker-Exil in Frankreich zwischen 1933 und 1945, wenn sich ein solches Geschichtsaufarbeitungsunternehmen einer Ikone des französischen Chansons bedient und dahinter ein Fragezeichen setzt. Douce France? Will sagen: Gab es dieses geliebte, dieses liebenswürdige Frankreich tatsächlich für alle, die vor dem Nazi-Terror aus Österreich und den Nachfolgestaaten der Donaumonarchie ins „Mutterland der Menschenrechte“, nach Frankreich geflüchtet sind?
Gefragt hat sich dies der Orpheus Trust in Wien, ein Geschichtsverein, den die gebürtige Holländerin und Wahl-Österreicherin Primavera Gruber 1996 fast im Alleingang gegründet und dank einer bewundernswerten Energieleistung über ein Jahrzehnt mit Geist und Leben erfüllt und geleitet hat. Die Erinnerung an die seit der Nazizeit vergessenen, vertriebenen, ermordeten österreichischen Musiker ist – in dieser Form erstmalig und einzigartig – systematisch vorangetrieben und in einer Datenbank dokumentiert worden. Bewusst hat man das Gespräch mit den Überlebenden gesucht, hat Ausstellungen, Publikationen, Konzerte veranstaltet; alles in allem 25 Veranstaltungen pro Jahr, bis dieses wissenschaftlich-humanitäre Unternehmen mangels politisch-finanzieller Unterstützung zur Aufgabe gezwungen war. Zehn Jahre lang hat man wie Orpheus dafür gekämpft, um wieder heraufzuholen, was in die Unterwelt abgesunken war. 2006 das Aus. Im Kulturverständnis der regierenden schwarz-blauen Regierung aus ÖVP und FPÖ waren derartige bürgerschaftliche Initiativen nicht vorgesehen. Mit „höchst merkwürdigen Argumenten“, so Primavera Gruber, habe das österreichische Kultur-Staatssekretariat alle Anträge und Anfragen nach Unterstützung abgewimmelt und den Orpheus Trust schlussendlich „verhungern“ lassen. Auch Idealismus und Selbstausbeutung haben Grenzen. So gesehen wäre das Projekt zum Musik-Exil in Frankreich (mit Symposium, Wanderausstellung, zweisprachigem Aufsatzband) eigentlich der Schwanengesang des Vereins, wenn nicht in Gestalt des Archivs der Berliner Akademie der Künste ein Retter in der Not auf den Plan getreten wäre. Die Erinnerungsarbeit des Orpheus Trust soll nun in Berlin, unter Beibehaltung von Name und Wahrung der Bestände fortgeführt werden.
Wie der Orpheus Trust sein Vereinsziel verstanden hat, vermittelt der vorliegende Sammelband noch einmal auf instruktive Weise. Die für historisches Arbeiten erforderliche Distanz zum Thema, der nüchterne Blick auf Forschungsstand und Forschungsbedarf verbindet sich hier mit einer berührenden Nähe zu den Schicksalen. Auffällig die Behutsamkeit, mit der verknäulte Fäden aufgedröselt, abgebrochene Zweige der Überlieferung neu sortiert werden. Exemplarisch in dieser Hinsicht ist der Beitrag der jungen, durch einen tragischen Unfall ums Leben gekommenen Autorin Dominique Lassaigne. „Das Mädchen mit dem Fahrrad“ hat sie ihren Aufsatz überschrieben, in dem sie den Augenzeugenbericht des Musikethnologen Simha Arom mit einem kritischen Blick auf die „französische Geschichtsschreibung zur Internierung (der ‚ex-österreichischen Deutschen‘) im Frankreich des Zweiten Weltkrieges“ verknüpft. Geschildert wird die Irrfahrt der Aroms, einer polnisch-jüdischen Familie, durch das Frankreich Vichys, wobei die Autorin zu dem Schluss kommt, dass das „freie Frankreich“ im Süden bei der Internierungspraxis dem deutsch besetzten Norden sogar voranging. Von der Familie Arom überlebt allein der kleine Simha – dank einer Kombination aus Zufällen und Zivilcourage. 60 Jahre später trifft Simha Arom seine Retterin auf wunderbare Weise in Jerusalem wieder …
Neben Zeitzeugenberichten und vertiefenden historischen Studien gelten weitere Beiträge des Aufsatzbandes den Musikern und Komponisten Eric-Paul Strekel, Hanns Eisler, Max Deutsch, Erwin Weiss, Samuel-Baruch Taube, Marcel Rubin, Fritz Spielmann, Joseph Kosma, Eric Zeisl und Adolf Sieberth. Eine Fülle von Namen, die doch nur den Bruchteil einer Geschichte erzählen. Die angehängte Liste der Exilanten aus der Datenbank des Orpheus Trust spricht für sich: Auf zwei eng beschriebenen Druckseiten laufen die Namen derjenigen, für die sich in Österreich ein halbes Jahrhundert niemand interessiert hat, hintereinander weg. Eine Liste, die man als Mentekel lesen kann. Im Sinne der Herausgeberin und Orpheus Trust-Leiterin Primavera Gruber wäre sie „work-in-progress“. Nicht vollständig. Noch längst nicht.