Der portugiesische König war im November 1807 vor den heranrückenden Soldaten Napoleons nach Brasilien geflohen. Die komplette Verlagerung eines europäischen Königshofes nach Übersee hatte für beide Reichsteile gravierende Folgen: Sie wurden als „ein“ Königreich definiert, Rio de Janeiro wurde dessen Hauptstadt. Das Ereignis hatte außerdem weitreichende kulturelle Folgen, auch in der Musik. Im Jahre 1819 wurde in Rio erstmals Mozarts Requiem aufgeführt; ein Jahr später wurde als erstes Musikbuch Lateinamerikas eine 1810 in Paris gehaltene Preisrede von Joachim de Breton auf Joseph Haydn auf Portugiesisch veröffentlicht. Der Übersetzer, ein hochgebildeter Beamter, hatte seinen Text dem aus Salzburg stammenden Haydn-Schüler Sigismund Neukomm gewidmet. Neukomm war zwischen 1816 und 1821 Gast des Königshofes. Er gilt als Begründer des modernen brasilianischen Musiklebens.
Diesem Komponisten und Dirigenten hatte ein deutsch-brasilianisches Team (auf deutscher Seite Ingrid Schwamborn von der Universität Köln) schon vor Jahren ein kleines Buch gewidmet. Jetzt wurde es ein stattlicher Band, der sowohl über Neukomm und sein Wirken in Brasilien als auch über die berühmte Preisrede auf Haydn – im Buch als Faksimile – informiert. Das Buch ist zweisprachig erschienen und wurde im brasilianischen Fortaleza gedruckt. Zu Beginn werden beteiligte Autoren und Institute in beiden Ländern genannt, dann folgt als größerer Text die Preisrede, erst danach der eigentliche Teil zu Neukomm mit dessen in Französisch gehaltener Biographie (hier in allen drei Sprachen), dann Zeittafel (sehr gut!) und ausführliches Register.
Diese etwas verschachtelte Textanordnung sollte nicht davon abhalten, einen damals hochgeschätzten Musiker kennenzulernen und von den enormen kulturellen Auswirkungen zu erfahren, die die Verpflanzung eines Königshofes mit seinem kulturellen Umfeld in ein vergleichsweise kulturfremdes Land mit sich brachten. Neukomm, 1778 in Salzburg geboren (gegenüber Mozarts Geburtshaus), war Schüler erst von Michael, dann von Joseph Haydn; als junger Komponist und Dirigent hatte er früh leitende Positionen in St. Petersburg und anderen Hauptstädten inne; als Vertrauter des französischen Staatsmanns Talleyrand, der Frankreich auf dem Wiener Kongress vertrat, führte Neukomm dort vor allen Herrschern ein eigenes Requiem auf.
1816 kam er mit einer „französischen Künstlermission“ nach Rio, wo er dank einflussreicher Gönner rasch am Hof avancierte. Es war für ihn ein „märchenhaftes Land“. Er unterrichtete das Kronprinzenpaar, komponierte dort über 70 geistliche Werke. Ein kleines Flötenstück von 1820 liegt der Melodie der heutigen Nationalhymne Brasiliens zugrunde. 1821 kehrte er nach Europa zurück und war dann bis zu seinem Tod 1858 ein rastlos Reisender in Sachen Musik durch ganz Europa. Sein penibel geführtes Werkverzeichnis zählt annähernd 2.000 Werke.
Die Übersetzung der Preisschrift auf Joseph Haydn, die Neukomm in Rio gewidmet worden war, ist ein schönes Beispiel für die Verehrung, die Haydn damals genoss. Witz und Esprit seiner Musik werden ebenso gerühmt wie seine Bescheidenheit und Frömmigkeit („Seine Taten machen ihn genau so liebenswert wie seine Kompositionen“). Neukomm hat dieses Bild zeitlebens nach Kräften unterstützt. Portugiesisch sprechende Leser werden an den liebevoll altertümlich klingenden Worten ebenso Gefallen finden wie deutsche Leser an der alle Emotionen Bretons auffangenden Übersetzung.
Etwas stärker hätten die Autoren vielleicht die Wirkung europäischer Musik in Brasilien darlegen können. Denn das riesige Reich – ab 1822 ein von Portugal unabhängiges Kaiserreich – war kein unmusikalisches Land. Die afrikanischen Sklavenarbeiter hatten ihre „modinas“ mitgebracht, schwermütige, den Gesängen der Sklaven in den USA vergleichbare Lieder. Die einheimische Bevölkerung sang die „lundus“, lockere und unterhaltsame Lieder. Beide Formen wirken bis heute in der als „typisch brasilianisch“ geltenden Musik nach.
Schon zu Lebzeiten wurde Neukomm sein klassizistisch erstarrter Stil vorgehalten. Heute ist er nahezu vergessen; aus den einschlägigen Instituten etwa in Köln (Haydn) oder Salzburg (Mozarteum) ist allerdings immer mal wieder Lob zu hören. Vielleicht wird auf dem Umweg über Brasilien ein Komponist wiederentdeckt, der zumindest in die Reihe hörenswerter „Kleinmeister“ eingereiht werden kann.
- José Augusto Bezerra/Ingrid Schwamborn/Maria Elias Soares: Haydn, Mozart und Neukomm am portugiesischen Königshof in Rio de Janeiro (1816–1822)/Haydn, Mozart e Neukomm na Corte Real do Rio de Janeiro, Edições UFC, Fortaleza 2013, 446 S., € 30,00, ISBN 978-85-7282-420-0