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Denkmaterial zuhauf

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Zur nationalsozialistischem Musikpolitik
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Dass „der Hitler a rein reichsdeidsche Ongelegenheid“ sei ist auch heute noch nicht nur in Österreichs Hauptstadt zu hören, sondern im Gesamtverbund der kleingestraften Alpenrepublik, die einst Zentrum eines Territoriums war, in dem die Sonne nicht unterging...

 

Dass da in der Tat Handlungsbedarf besteht, im aufklärerischen Anspruch, hatten die Repräsentanten jener ominösen „Welthauptstadt der Musik“, zu der sich Wien gerne selbst erklärt, diesertage von internationalen Stellen zu hören bekommen. 

 

Welch Wunder auch, wenn ebenfalls diesertage immer noch zu hören ist, „gäh schlaich die z’haus ins Reich“... In der Zentrale eines der musikalischen Heiligtümer, bei den Wiener Philharmonikern nämlich, hatte vor geraumer Zeit schon der Historiograph, eben dieser Wiener Philharmoniker, Clemens Hellsberg – auch in seiner Funktion als Orchestervorstand –, mit seiner Publikation zum 150. Geburtstags des Orchesters einen Teil des Staubs aus den Regalen geholt. Richtig tief gegraben durch die Staubschichten hindurch hat er sich freilich nicht. 

Das durfte erst jetzt einem Musikwissenschaftler einer jüngeren und weniger konzilianten Generation gelingen. In seinem Buch „Politisierte Orchester“ durchleuchtet Fritz Trümpi die Programm- und sonstige Politik der beiden Konkurrenzklangkörper, die ja nicht nur um die Plätze rangelten im Ranking der „Musikhauptstädte“. 

Dass Trümpi nach Auseinandersetzungen auch im Umfeld einer Staatsopernausstellung unter dem Motto „Opfer, Täter, Zuschauer“ tiefer eindringen und heftiger ausholen konnte, ist sicher ebenso öffentlichen Angriffen gegen Hellsberg als auch dessen öffentlichen Erwiderungen im Stil von „Absurd und infam“ zu verdanken. 

Der Autor vergleicht vom Repertoire bis zu den Einkommensverhältnissen, vom besser gestellten Reichsorchester in Berlin bis zum seine Unabhängigkeit wahrenden Wiener Klangkörper Vergleichbares und Unvergleichliches. Und liefert mit seiner sauberen Faktenlage Wahrnehmungsdefizite dem grellen Licht der Öffentlichkeit aus. „Die Politisierung der Wiener und der Berliner Philharmoniker während des Nationalsozialismus hatte in ihrer jeweilig spezifischen Ausformung eine lange Vorgeschichte. 

„Dass die vorliegende Studie“, schreibt Fritz Trümpi, „diese mit in den Blick nehmen würde, war nicht von Anfang an geplant. Es wurde aber schnell deutlich, dass dies unvermeidbar sein würde, begreift man den Nationalsozialismus nicht als eine nach beiden Enden hin abgeschlossene Periode, quasi als einen ,Faschismus in seiner Epoche‘“. Im Kontext mit Thomas Manns Zauberberg-Stelle, die Musik „für politisch verdächtig“ erklärt, alldieweil sie „zweideutigen Wesens“ sei, gilt es Fritz Trümpis akkurate wissenschaftliche Recherche in bestens lesbarer Sprachhaltung nicht nur ins Regal zu stellen. 

Das Buch will und muss gelesen werden. Denn die Lektüre liefert in ihrer politischen Aufgeklärtheit auch heute im Kulturbetrieb Verantwortlichen Denkmaterial zuhauf.

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